Gesundheit

35.000 Menschen sterben jährlich an Lungenentzündung

Mediziner sehen die Pneumonie als weithin unterschätzte Krankheit. Oft wird sie nicht richtig diagnostiziert oder falsch behandelt

Rund 50.000 Menschen sterben jährlich an einem Herzinfarkt. Der Infarkt ist für die Bundesbürger als Todesursache präsent, viele kennen Fälle aus dem persönlichen Umfeld. In derselben Größenordnung, etwa 35.000 Fälle pro Jahr, treten Lungenentzündungen (Pneumonien) auf. Doch der Tod durch eine versagende Lunge sei in der Öffentlichkeit kaum bekannt, sagt Professor Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover. „Pneumonie ist eine unterschätzte Erkrankung.“

Es gibt keine genaue Statistik über Pneumonie als Todesursache. Denn häufig notieren Ärzte, wenn sie zu einem Verstorbenen gerufen werden, auf dem Totenschein schlicht einen Herzstillstand, insbesondere bei alten Menschen. Es ist einfacher und weniger aufwendig, „Herzstillstand“ auf dem Totenschein zu vermerken, als mithilfe einer genauen Gewebe-Untersuchung nach einer Lungenentzündung zu suchen. Die Angabe des Statistischen Bundesamtes von insgesamt knapp 19.500 Toten durch Lungenentzündung und Grippe für das letzte vorliegende Jahr, 2011, bezeichnet der Lungenfacharzt als deutlich zu niedrig.

Dem stimmt auch Klaus Dalhoff vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein zu. Tatsächlich aber, sagt er, könnten die Zahlen noch höher liegen als von Welte geschätzt. Das gilt insbesondere, wenn man auch jene Pneumonien hinzuzählt, die sich Patienten erst in einem Krankenhaus zugezogen haben.

Gefährliche Keime

Die zwei Ansteckungswege – zuhause oder im Krankenhaus – unterscheiden sich grundlegend auch in der Art ihrer Erreger. So sind für ambulante Lungenentzündungen vor allem Pneumokokken-Bakterien verantwortlich. Wird eine solche Infektion bei der ärztlichen Untersuchung richtig diagnostiziert, ist eine Behandlung mit Antibiotika in der Regel unproblematisch. Anders bei Krankenhaus-Pneumonien, für die häufig Bakterien wie Enterokokken oder Staphylokokken verantwortlich sind. Eine Infektion mit diesen Bakterien ist besonders gefährlich, da sie gegen zahlreiche Antibiotika resistent geworden sind. Besonders häufig kommt es zu Infizierungen mit multiresistenten Erregern auf Intensivstationen, da die Patienten hier bereits durch schwere Krankheit geschwächt sind und sich ihr Organismus nur schlecht verteidigen kann.

Zum anderen erhöht sich das Infektionsrisiko drastisch durch bestimmte Behandlungsmaßnahmen wie etwa der maschinellen Beatmung über einen Schlauch in der Luftröhre. Dabei können Erreger aus Rachen und Nase in die Lungen wandern, da der Hustenreflex bei betäubten Patienten nicht gut funktioniert und der Schlauch die Luftröhre nicht vollständig abdichtet.

Viele Fälle in Süd- und Osteuropa

Rund 680.000 Menschen erkranken in Deutschland pro Jahr an Lungenentzündung, davon müssen 230.000 stationär behandelt werden. Die Sterblichkeitsrate unter letzteren Patienten liegt bei zehn Prozent. „Resistenzentwicklung und Verbrauch von Antibiotika hängen miteinander zusammen“, sagt Welte. Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, um so mehr Bakterien entwickeln eine Immunität gegen die Wirkstoffe.

Während Deutschland sich bei der Entwicklung solch resistenter Typen im europäischen Mittelfeld bewege, sei die Lage in Ost- und Südeuropa „dramatisch schlecht“, so Welte. Besonders schlimm stuft er die Situation in Griechenland seit der Wirtschaftskrise ein. Wie viele andere Ärzte auch beklagt er, dass dort Antibiotika nicht fachgerecht eingesetzt werden. Therapien würden häufig nicht zu Ende geführt, andererseits würden Antibiotika viel zu häufig unbegründet verschrieben. Beides macht Bakterien resistent gegen diese Mittel.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation ist mangelhafte Behandlung von Lungenentzündungen besonders auch in Afrika und Asien ein Problem. Weltweit sterben jedes Jahr etwa 1,1 Millionen Kinder noch vor ihrem fünften Lebensjahr an Pneumonie. Damit ist sie eine der tödlichsten Krankheiten überhaupt. Die Entstehung von mehrfachresistenten Bakterien in anderen Teilen der Welt ist auch ein Problem für Deutschland. Denn mit den zwischen den Kontinenten reisenden Menschen als Wirt kommen solch gefährliche Bakterien auch hierher.

Aber auch einfache Lungenentzündungen werden von den niedergelassenen Ärzten in Deutschland nicht immer richtig erkannt, sagt Klaus Dalhoff. Verantwortlich macht er dafür die häufig praxisferne Ausbildung der Medizinstudenten. Sie müssten Pneumonien ein paar Mal selbst gesehen haben. Nicht immer ist das der Fall, und nicht jedes Universitätsklinikum habe einen eigenen Lehrstuhl für Pneumologie und die damit verbundene Expertise. Es sei aber schwierig, eine Lungenentzündung von den zahlreichen einfachen Virusinfekten zu unterscheiden, sagt Dalhoff. Das gelte besonders für ältere Patienten. Denn während bei jüngeren Patienten Symptome mit Fieber, Schüttelfrost und Atembeschwerden meist eindeutig ausfallen, fehlen bei Älteren häufig einzelne Symptome. Dennoch sei es wichtig, Antibiotika nicht auf bloßen Verdacht hin einzusettzen. Sonst lasse sich die Entwicklung von Resistenzen nicht eindämmen.

Umso wichtiger ist es, dass neue wirksame Antibiotika entwickelt werden. Das Problem: Für die Pharma-Industrie ist das nicht wirklich lukrativ. Mit Mitteln gegen chronische Leiden lasse sich viel mehr Geld verdienen als mit neuen Antibiotika, so Dalhoff. „Hier ist die Politik gefordert.“ Vorstellbar wäre eine Co-Finanzierung der Entwicklung von neuen Medikamente durch den Staat. Auch Welte sieht neue Antibiotika als zentral an, um „den Kampf gegen schnell wandelnde Erreger nicht zu verlieren“.