Forschung

Wie seelisches Leid vererbt wird

Spuren traumatischer Ereignisse verändern die Aktivität der Erbanlagen über Generationen hinweg

Die Ursachen von psychischen Erkrankungen suchen Nervenärzte oft in der Vergangenheit. Schon der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud wusste, dass traumatische Ereignisse in der Kindheit zu psychischen Problemen im Erwachsenenalter führen können. Warum das allerdings so ist, beginnen Neurowissenschaftler gerade erst zu verstehen. Dabei machen die Forscher aber auch Entdeckungen, die weit über die ursprünglichen Vermutungen hinausreichen: Nicht nur die eigene Biografie scheint darüber zu entscheiden, ob ein Mensch glücklich und gesund durch das Leben geht, sondern ebenso diejenige der direkten Vorfahren.

Die Spuren der großelterlichen Erlebnisse können nämlich noch im Erbgut ihrer Enkel gefunden werden. Darauf deutet eine erstaunliche Studie hin. Zwei Wissenschaftler der Emory University School of Medicine in Atlanta (US-Staat Georgia) konnten dabei zeigen, dass sich negative Erfahrungen von Großeltern auf das Verhalten und die zentralen Nervenstrukturen ihrer Enkel auswirken – zumindest bei Mäusen. Diese haben anhand von kleinen Elektroschocks schmerzhaft lernen müssen, dass der Geruch des Stoffes Acetophenon nichts Gutes bedeutet. Bald darauf zuckten die Nager bereits, wenn ihnen der mandelartige Geruch nur in die Nase stieg, aber noch gar kein Elektroschock erfolgt war.

Angst noch bei den Enkeln

Das Erstaunliche: Ein ähnliches Verhalten zeigten auch ihre Nachkommen – und das, obwohl sie nie zuvor Acetophenon oder Elektroschocks ausgesetzt worden waren. Die Nachfahren der Lern-Gruppe zuckten bei dem ersten Geruch von Acetophenon deutlich mehr als jene Mäuse, deren Vorfahren nie eine Abneigung gegen den Geruch gelernt haben, berichten die US-Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Nature Neuroscience“.

Doch damit nicht genug: Selbst die Mäuse-Enkel litten noch sichtlich unter den schmerzhaften Erfahrungen ihrer Großeltern. Zusätzlich fanden die Forscher Veränderungen in jenen Hirnarealen, die Gerüche verarbeiten. Eine andere Ursache, beispielsweise ähnliche Umweltfaktoren, konnten die Forscher durch weitergehende Untersuchungen ausschließen. „Die Tatsache, dass diese Veränderungen auch bei künstlicher Befruchtung, Aufzucht der Jungen durch Zieheltern und über zwei Generationen bestehen bleiben, deutet auf eine biologische Herkunft hin“, schreiben Brian Dias und Kerry Ressler.

Das gelernte Zittern auf den Geruch von Acetophenon schien sich also irgendwo ins Erbgut eingebrannt zu haben und wurde – allem Anschein nach – auf die folgenden Generationen übertragen. Die Wissenschaftler vermuten die ursächlichen Veränderungen allerdings nicht in den Genen selbst, sondern vielmehr in den Strukturen, welche die Gene steuern. Der Zweig der Forschung, der sich mit solchen Änderungen befasst, nennt sich „Epigenetik“.

DNA-Strukturen, die die Aktivität von Erbeigenschaften regeln, machen einen Großteil unseres Erbguts aus. Sie funktionieren ähnlich wie Schalter, mit denen bestimmte Gene nach Bedarf an- oder abgeschaltet werden können. Traumatische Ereignisse scheinen sich genau auf diese DNA-Abschnitte auszuwirken – teilweise mit lebenslangen Folgen.

Eine krankhaft veränderte Gen-Aktivität scheint so beispielsweise an der Entstehung von einer Posttraumatischen Stresserkrankung beteiligt zu sein. Das legen erste Ergebnisse einer gemeinsamen Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der Mount Sinai School of Medicine in New York nahe, bei der die psychischen Langzeit-Folgen der Terroranschläge des 11. Septembers 2001 in New York untersucht werden.

Beim Vergleich von Menschen, die eine Posttraumatische Stressstörung entwickelten mit jenen, die gesund blieben, zeigte sich ein deutlicher Unterschied in der Aktivität von Anpassungs- und Stressgenen. Scheinbar hatte bereits das einmalige traumatische Ereignis bei manchen Menschen essenzielle Erbgutschalter umgeklappt – und so das Leben der Betroffenen langfristig verändert.

Dieser Mechanismus könnte ebenso erklären, wieso bei eineiigen Zwillingen nur eines der Geschwister an einer Posttraumatischen Stressstörung erkranken kann. Letztlich müssten beide aufgrund des identischen Erbguts auch ein gleich hohes Risiko für diese Erkrankung haben. Dennoch kommt es vor, dass nur eines der beiden Geschwister von der Erkrankung betroffen ist – möglicherweise infolge von unterschiedlichen Umweltfaktoren.

Stress und traumatische Ereignisse gelten so als vom Genom unabhängige Risikofaktoren, die den entscheidenden Unterschied zwischen Gesundheit und Krankheit bewirken können. Wie jedoch die Belastungssituationen zur Krankheit führen, ist derzeit noch recht unklar. Die Epigenetik könnte genau hier eine weitere Erklärung für psychische Erkrankungen bieten, die über die Gensequenz hinaus geht.

Biografie der Ahnen untersuchen

Allerdings kann die veränderte Gen-Aktivität nicht nur Auswirkungen auf die Psyche haben. In einer Studie aus den Niederlanden fanden sich ebenso deutliche Stoffwechselveränderungen und ein erhöhtes Krebsrisiko. Davon betroffen waren jene Niederländer, die während des Hungerwinters 1944 geboren worden waren. Nahrungsmittel waren damals rar, die Mütter und ihre Babys drastisch unterernährt.

Während sich die Situation dieser Menschen in den folgenden Jahren deutlich verbesserte, schien eine Spur der einstigen Not im Erbgut zurückzubleiben. Die Kinder des Hungerwinters litten noch 50 Jahre später doppelt so häufig an Herzkreislauf-Erkrankungen wie Gleichaltrige, die von der Not verschont geblieben waren.

Diese Genspur schien sich auf spätere Generationen zu übertragen. So brachten die Betroffenen selbst häufiger untergewichtige Babys zur Welt, die wiederum ein höheres Erkrankungsrisiko hatten – obwohl der Hunger längst vorüber war. Ursache könnte also ein Mechanismus sein, der jenem bei den Mäusen ähnelt, die über Generationen hinweg Verhaltensänderungen zeigten.

Über die genauen Vorgänge ist bisher nur wenig bekannt. Die Epigenetik soll bald dabei helfen, nicht nur die Entstehung von Posttraumatischen Stresserkrankungen besser zu verstehen, sondern auch die von anderen psychischen Störungen wie etwa Phobien. So könnte es sein, dass künftig nicht nur in der Biografie der Betroffenen nach Ursachen gefahndet werden muss – sondern auch in der Lebensgeschichte ihrer Ahnen.