Vor einem halben Jahrtausend, anno 1513, war das Paradies entdeckt. Der Quell des guten Geschmacks und Geruchs, des unermesslichen Reichtums, Sehnsuchtsort für die Europäer. All das lag vor den portugiesischen Seeleuten, als sie sich einer kleinen Insel näherten. Fast vollständig war sie von einem Bergkegel bedeckt. Ein Duft von Gewürznelken wehte herüber, der Duft, der in den Häusern der Wohlhabenden in Europa herrschte. Schiffskommandant war Francisco Serrão. Der Name der Insel: Ternate, gelegen im Archipel der Molukken, die heute zu Indonesien gehören. Serrão war am Ziel, als letzter Teilnehmer eines Stafettenlaufs um den halben Erdball. Heinrich der Seefahrer, ein Infant des portugiesischen Königshauses, hatte 90 Jahre zuvor den Startschuss abgegeben, hatte seine Admirale auf den Weg geschickt, jeden immer weiter als den Vorgänger, Diogo Cão, Bartolomeu Dias, Vasco da Gama und wie sie alle hießen, rund um Afrika, quer über den Indischen Ozean. Mit fester Absicht durchzustechen zu jenen Gewürzinseln, von denen niemand wusste, wo sie lagen, nur dass dort die Nelken wuchsen und der Muskat, beides so wertvoll wie Gold. Zuletzt hatten sich auch Spaniens Schiffe aufgemacht, unter Christoph Kolumbus, anders herum, auf Westkurs. Serrão war jetzt, auf den letzten Meilen, auf einer chinesischen Dschunke unterwegs. Mit an Bord: malaiische Seeräuber. Es war nämlich etwas schief gelaufen.

Sendboten des Paradieses

„Im Anfang war das Gewürz“. So beginnt der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig sein Buch über Ferdinand Magellan („Der Mann und seine Tat“). Er meint damit nicht nur die Fahrt seines Protagonisten sondern das gesamte Zeitalter der Entdeckungen. Auch für Kolumbus waren die Gewürze wichtiger als das Gold. Harald Schievelbusch gibt in seinem Buch „Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft: Eine Geschichte der Genussmittel“ eine Ahnung, warum dies so war. „Für den mittelalterlichen Menschen sind die Gewürze Sendboten aus einer sagenhaften Welt“, schreibt er. „Die Gewürze als Verbindungsglied zum Paradies, und das Paradies irgendwo als im Osten liegend“. Es geht um Statussymbole der Herrschenden – und um sehr, sehr viel Geld.

Wo aber waren die Gewürzinseln? Ungefähres nur wusste man. Marco Polo hatte im 13. Jahrhundert in China von der Inselgruppe gehört und geschrieben, sie sei „reich an Pfeffer, Gewürznelken und vielen Spezereien, weshalb er von vielen Schiffen angesteuert wird, deren Ladungen den Eigentümern großen Gewinn bringen“. Chinesen brachten die Ware nach Indien, von dort holten Araber sie über den Indischen Ozean. Auf Kamelrücken gelangte sie ans Mittelmeer, wo sie Segler aus Genua und Venedig übernahmen. Weiter ging es auf Eseln über die Alpen, ins Heilige Römische Reich. Im späten Mittelalter schmückten Nelken auf den herrschaftlichen Tafeln Deutschlands Gerichte jeder Art. Doch dann schob das Reich der Mamelucken den Warenströmen einen Riegel vor. Der Preis der Spezereien schoss auf das Dreißigfache. Für die Länder der Iberischen Halbinsel ein Grund auszuschwärmen, um die Profite zu erheischen, die der Gewürzhandel in Aussicht stellte. Die Spanier fuhren nach Westen, die Portugiesen nach Osten.

Nach und nach hatten sich die portugiesischen Seefahrer westlich von Afrika nach Süden vorgetastet; vorsichtig, weil das Gerücht, dass nahe dem Äquator der Hitzetod lauere, weit verbreitet war. Der Ozean sei dort ein gallertartiges Lebermeer. Heinrich der Seefahrer schenkte dem wenig Glauben. Waren denn nicht auch die Phönizier schon um Afrika herumgesegelt, wie Herodot überlieferte? Man tastete sich voran. Bartolomeu Dias umsegelte 1488 die Südspitze Afrikas. Den größten Sprung bewältigte Vasco da Gama 1488 mit seiner Fahrt nach Kalikut in Indien, wo immerhin schon Zimt und Ingwer wachsen.

Bis 1493 war Kolumbus für den Konkurrenten Spanien bereits zweimal in der Karibik gewesen. Konnte nicht auch er in das Umfeld der Gewürzinseln vordringen? Vom Pazifik hatte da in Europa noch niemand eine Ahnung. Immer kriegerischer gestaltete sich das Vordringen Portugals, um immer mehr Geld ging es bei den Handelswaren. Natürlich bekämpften Araber und Chinesen die Neuen, die in ihre Claims eindrangen. 1510 konnte Afonso de Albuquerque einen strategisch wichtigen Punkt erringen: Malakka an der Meerenge zwischen der indonesischen Insel Sumatra und Malaysia, durch die jeder hindurch musste, der von Indien aus zu den Archipelen Südostasiens vordringen wollte.

Ende 1511 lichteten in Malakka drei kleine Caravellen die Anker. Man war nun nahe am Ziel. António d’Abreu und Francisco Serrão führten die kleine Flotte an. Mit an Bord war damals wahrscheinlich Ferdinand Magellan, Serrãos engster Freund, nachdem der ihn einmal bei einem Seegefecht gerettet hatte. Das erste Ziel hieß Banda Neira, weit im Osten der Molukken-Inseln, Heimat des Muskatnuss-Baums. Serrão sollte der große Pechvogel dieser letzten Etappe werden. Bald scheiterte sein Schiff zum ersten Mal, in einer Sturmbö vor Ambon, der Hauptinsel der Molukken. Die Mannschaft musste sich auf die beiden anderen Schiffe verteilen. Weiter ging es, und man erreichte endlich Banda Neira, eine kleine Insel im Schatten des Gunung Api, dem 650 Meter hohen Vulkan auf einer Nachbarinsel.

Die erste Insel war erreicht, auf der eine der beiden begehrtesten Gewürzpflanzen wuchs: Die Muskatnuss gab nicht nur ein Gewürz her, sie eignete sich auch zur Herstellung von Parfüm, ätherischen Ölen und Rauschmitteln. Was man nun in die Schiffsbäuche bunkerte, versprach in Europa Riesengewinne. Die noch größeren Schätze, die Nelken, waren nicht mehr weit entfernt. Doch sollte es erst einmal zurückgehen nach Malakka, um von dort die teure Fracht nach Europa zu expedieren.

Wieder erlitt Serrão Schiffbruch vor Ambon. D’Abreu wartete nicht, segelte weiter, wohl mit Magellan an Bord. Serrão und seine Männer waren auf sich gestellt. Durch einen Trick lockten sie auf einer unbewohnten Insel Piraten in einer Dschunke an, überwältigten sie und ließen sich von ihnen nach Ternate in die nördlichen Molukken führen, ins Reich der Gewürznelke. Serrão erreichte sie, als erster, mit nur neun Portugiesen – und neun Piraten.

Die ersten Weltumsegler

Bald schon kamen regelmäßige Frachtschiffe von Malakka, um viele Tonne Nelken und Muskat zu holen. In Briefen an seinen Freund Magellan schwärmte Serrão von Ternate. Er drängte ihn, auf die Molukken zurückzukehren. Eines Tages teilte Magellan Serrão mit, dass er die Seiten gewechselt habe, nunmehr in spanischen Diensten stehe. Man vermutet, dass Serrão danach Magellan die annähernde Position von Ternate mitteilte, die Insel nun womöglich absichtlich auf die spanische Welthälfte verlagerte, nur um Magellan herbeizulocken – tatsächlich lagen die Molukken in Portugals Hemisphäre.

1519 startete Magellan tatsächlich in Richtung Gewürzinseln, mit einer spanischen Flotte, zu seinem portugiesischen Freund. Oder betrachtete er ihn inzwischen als Feind? Die Frage blieb unbeantwortet. Magellan wurde unterwegs auf den Philippinen ermordet, und als seine Flotte Ternate erreichte, war Serrão ebenfalls verstorben. Die Portugiesen rieben die Spanier auf, die Besatzung nur eines Schiffes konnte sich mit Mühe nach Spanien durchschlagen. Es waren die ersten Weltumsegler.