Interview

„Wir brauchen bessere Betreuung“

Warum die Geburtenrate mit dem Wohlbefinden der Eltern und mit den Kitas zusammenhängt

Forscher in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben analysiert, warum der Kinderwunsch vieler Paare unerfüllt bleibt und warum andere erst gar keine Kinder bekommen möchten. Ihre Erkenntnis: Eine Kindergrundsicherung könnte der sinkenden Kinderzahl entgegenwirken. Zusammen mit Betreuungsangeboten würde eine solche finanzielle Sicherung vielen Paaren mit Kinderwunsch entgegenkommen, sagte der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Günter Stock, bei der Vorstellung der Studie „Zukunft mit Kindern“. Erstmals würden darin demografische, medizinisch-biologische, sozial- und verhaltenswissenschaftliche sowie familien- und gesellschaftspolitische Fakten zusammengeführt. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost fasst Stock die wichtigsten Erkenntnisse der Studie zusammen.

Berliner Morgenpost:

Wir reden in Deutschland viel über den demografischen Wandel und beklagen, dass zu wenige Kinder geboren werden. Woran liegt das?

Günter Stock:

Es hat in den vergangenen Jahren in Deutschland – aber ebenso in Österreich und der Schweiz – eine deutliche Absenkung der Geburtenrate gegeben. Sie liegt heute in allen drei Ländern bei 1,4. Das bedeutet, dass im statistischen Mittel jede Frau 1,4 Kinder zur Welt bringt. Das ist wenig, denn man bräuchte 2,1 Kinder pro Frau, um den Bestand der Bevölkerung zu erhalten. Doch es gibt immerhin die gute Nachricht, dass sich die Geburtenrate zu stabilisieren scheint und nicht weiter sinkt. Zumindest zeigen das die Zahlen aus der Schweiz, aus Österreich und den neuen Bundesländern. Für die alten Bundesländer deutet sich dieser Trend aber auch schon vorsichtig an.

Wie lässt sich das erklären?

Bei vielen Paaren hat sich die Betreuungssituation durchaus schon verbessert. Die Politik war ja nicht völlig untätig an dieser Stelle. Außerdem haben sich neue Rollenmodelle in den Partnerschaften etabliert, die es einfacher machen, Kinder zu erziehen. Und der Kinderwunsch ist ja grundsätzlich in den meisten Menschen verankert – bei den Frauen noch etwas mehr als bei den Männern.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse der Studie?

Erstens, es genügt nicht, sich immer nur auf das Wohlbefinden der Kinder zu konzentrieren, denn genauso wichtig ist das Wohlbefinden der Eltern. Zweitens: Das Thema Zeitsouveränität ist für Eltern von ganz zentraler Bedeutung. Wir müssen mehr Rücksicht nehmen auf die Lebensläufe der Menschen und uns von dem Gedanken „one fits for all“ verabschieden. Wir brauchen individuell und regional sehr unterschiedliche Angebote. Diese Angebote müssen verlässlich sein, damit Eltern in der Lage sind, über ihre Zeit zu bestimmen. Es kann doch nicht angehen, dass alles zusammenbricht, wenn das Kind morgens um acht Uhr hustet. In manchen Familien führt betriebliche Mehrarbeit von nur einer Stunde gleich zu einer Katastrophe, weil die Betreuungssituation für solche Fälle nicht geregelt ist. Wir brauchen also mehr und qualitativ bessere Infrastrukturen der Kinderbetreuung. Es darf dabei nicht der Fall eintreten, dass Eltern ihre Kinder nur mit schlechtem Gewissen einer betreuenden Einrichtung übergeben, weil sie von deren Qualität nicht überzeugt sind. Es wäre sinnvoll, eine Art Kindergrundsicherung zu etablieren. Es sollte nicht sein, dass jeder Vorgang einzeln beantragt und geprüft werden muss. Es muss individuelle Angebote geben, die gebündelt aus einer Hand kommen und zum Beispiel aus einer gemeinsamen Kinderkasse finanziert werden könnten.

Die Akademie der Wissenschaften stellt also sozialpolitische Forderungen auf?

Ja, so ist es. Doch diese Forderungen sind wissenschaftlich begründet. Unsere Frage war ja nicht, wie bekommen wir mehr Kinder, sondern vielmehr: Warum bekommen Paare, die gerne Kinder haben möchten, dann doch keine? Oder warum bekommen sie die Kinder so spät? Das haben wir erforscht. Wir haben auch erkannt, dass die nationalen Vergleiche weniger hergeben als regionale. Wenn wir konkrete Aussagen machen wollen, dann müssen wir Mikrostudien durchführen. Die gibt es aber bislang zu wenig. Wir stellen an dieser Stelle einen großen Forschungsbedarf fest.

Das Wohlbefinden der Eltern muss also stärker im Fokus stehen?

Ja. 50 Prozent eines Jahrgangs machen heute Abitur, und wir haben eine hohe Studierwilligkeit. Es ist legitim, dass die gut ausgebildeten Menschen sich auch in den entsprechenden Berufen verwirklichen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen. Man kann von Paaren mit Kindern nicht auf Dauer erwarten, dass sie sowohl auf einen Teil des materiellen Wohlstands verzichten als auch auf die Teilhabe am bürgerlich-sozialen Leben. Das Ermöglichen dieser Teilhabe halten wir für Mütter und Väter für einen ganz zentralen Punkt.

Wie könnte das dann konkret in der Praxis aussehen?

Wir brauchen Kinderbetreuungseinrichtungen, die nicht am Nachmittag um halb fünf schließen. In Berlin zum Beispiel gibt es einige erfreuliche Entwicklungen, doch von flächendeckenden guten Angeboten sind wir in Deutschland weit entfernt. Wenn Sie auf dem Land wohnen, dann müssen Sie spätestens um halb fünf Ihr Kind abgeholt haben. Danach läuft nichts mehr. Wir müssen so flexibel an die Themen herangehen, wie die Eltern es brauchen. Da sind Horte denkbar, die auch abends geöffnet sind, damit Eltern auch abends am sozialen Leben teilhaben können. Der Einsatz von Babysittern ist natürlich auch denkbar. Und größere Unternehmen können selbst für ihre Mitarbeiter entsprechende Lösungen anbieten. Zum Teil wird dies ja schon gemacht – auch in großen Forschungseinrichtungen. Letztendlich brauchen wir wohl auch neue Arbeitszeitmodelle, um Lösungen für die Kinderbetreuung einerseits und den wachsenden Fachkräftemangel andererseits zu finden. Kinderbetreuung hört übrigens nicht im Alter von fünf bis sechs Jahren auf.

Sie haben auch die Geburtenraten bei Immigrantinnen untersucht?

Ja. Und die Ergebnisse sind sehr interessant. Die Ansicht, dass Immigrantinnen sehr viel mehr Kinder haben als Nichtimmigrantinnen ist ebenfalls ein Mythos, den wir widerlegen konnten. Daten aus Österreich zeigen, dass zwar in der ersten Immigrantinnengeneration – zum Beispiel von türkischstämmigen Personen – die Geburtenrate nicht bei 1,4, sondern bei 1,9 liegt. Doch bereits in der zweiten Generation nähert sich dieser Wert dem österreichischen Mittelwert an. Die Problematik einer niedrigen Geburtenrate gibt es also bei Immigrantinnen ebenfalls, wobei es sich bei Immigrantinnen um eine sehr heterogene Gruppe von Frauen handelt.

Doch diese Daten aus Österreich können Sie nicht auf Berlin-Neukölln übertragen?

Das ist richtig. Wir haben bislang im Wesentlichen Makrodaten. In Regionen und Gemeinschaften mit speziellen sozialen Kontexten kann natürlich alles ganz anders ein. Deshalb sind ja weitere Studien notwendig, um Informationen auf der Mikroebene zu erhalten.

Stimmt es denn, dass hochgebildete Frauen weniger Kinder bekommen?

Es gibt keinen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderzahl. Doch es ist hierzulande offensichtlich so, dass Frauen mit einem hohen Bildungsabschluss häufiger kinderlos bleiben. Dieses Phänomen wurde schon in den 1950er-Jahren beobachtet. Doch heute wirkt sich dies spürbar aus, weil mittlerweile viel mehr Frauen höhere Bildungsabschlüsse machen. Doch dass die höhere Kinderlosigkeit von Frauen mit höherem Bildungsabschluss und Berufstätigkeit kein Naturgesetz ist, belegen einmal mehr die skandinavischen Länder. Dort gibt es dieses Phänomen nämlich nicht. Also hängt es offenbar mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen. In jüngster Zeit bewegt sich hierzulande auch an dieser Stelle etwas. Die Akademikerinnen über 30 bekommen heute mehr Kinder als noch vor fünf Jahren.