Berliner Morgenpost: Herr Professor Grötschel, warum hat sich die Weltgemeinschaft der Mathematiker für Berlin entschieden?

Martin Grötschel: Es gibt in Berlin ein einzigartiges Netzwerk leistungsstarker mathematischer Institute. Zweitens war die Finanzierung gesichert: Das Büro wird je zur Hälfte vom Land und vom Bund finanziert. Drittens konnten wir ein Foto von Bundesministerin Schavan bieten, wie sie sich im Jahr der Mathematik für diese Disziplin eingesetzt hat, und sogar ein Foto von Bundeskanzlerin Merkel, das sie 1971 bei der Siegerehrung zu einer Mathematik-Olympiade zeigt. Wo gibt es schon ein Regierungsoberhaupt mit profunden Kenntnissen in Mathematik?

Berliner Morgenpost: Frau Professor Holtz, warum haben Sie sich entschieden, in Berlin zu arbeiten.

Olga Holtz: In Berlin gibt es eine große Tradition der Mathematik. Ich denke da an Namen wie Weierstraß und Euler. Heute sind es nicht nur die vielen Institute, die Berlin einzigartig machen. Die gute Zusammenarbeit von reiner und angewandter Mathematik ist hier großartig. Für mich kam nur Berlin infrage.

Berliner Morgenpost: Viele stellen sich Mathematiker als einsame Denker vor. Stimmt dieses Klischee?

Holtz: Wenn man in der Mathematik schwierige Probleme lösen will, dann braucht man dafür in der Tat viel Zeit, die man hoch konzentriert allein verbringt. Trotzdem ist es sehr wichtig, sich mit Kollegen auszutauschen. Das ist heute per E-Mail und Skype global möglich. Doch der persönliche Austausch ist immer noch das Beste. Das funktioniert in Berlin super.

Grötschel: Bei Anwendungen in der Hightech-Industrie ist es so, dass man nicht mit einem Gebiet der Mathematik allein ans Ziel gelangt. Da sind stets mehrere Disziplinen gefragt. Deshalb benötigt man in der Mathematik eine kritische Masse, will man erfolgreich sein. Diese kritische Masse gibt es in Berlin. Die Anwender arbeiten stets in Teams - mit Mathematikern anderer Disziplinen, Physikern, Betriebswirten, Ingenieuren und sogar Juristen.

Berliner Morgenpost: Was motiviert stärker zum Mathematikstudium - die philosophische oder die anwendungsorientierte Seite?

Holtz: Der Unterschied ist gar nicht so groß. Es liegt in der menschlichen Natur, verstehen zu wollen, wie die Welt funktioniert. Damit die Naturwissenschaften dies leisten können, benötigen sie die Sprache der Mathematik. Die schöne Formel, die physikalische Theorie oder die technische Anwendung - dies alles gehört zusammen. Das gilt für das Gravitationsgesetz von Isaac Newton ebenso wie für die String-Theorie in der Teilchenphysik.

Grötschel: Ein weiteres Beispiel ist der große Mathematiker Gauß. Er sollte seinerzeit das Königreich Hannover vermessen. Es war schon bekannt, dass die Erde eine gekrümmte Oberfläche hat. Doch es gab noch keine Mathematik, wie man Landvermessung auf Kugeloberflächen betreibt. Gauß entwickelte daher die Differentialgeometrie. Heute spielt die Differentialgeometrie eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von Autos. Und in Hollywood wird sie zur Produktion von animierten Filmen im Computer benötigt.

Berliner Morgenpost: Frau Professor Holtz, Sie wären auch gerne Pianistin geworden. Warum haben Sie sich schließlich für Mathematik entschieden?

Holtz: Das war eine sehr schwierige Entscheidung. Sowohl in der Musik als auch in der Mathematik geht es um Schönheit. Dass Musik sehr schön sein, verstehen die meisten. Aber auch Mathematik kann schön sein - schöne Formeln und Ideen.

Berliner Morgenpost: Lässt sich denn die Schönheit von Menschen mathematisch fassen?

Holtz: Das ist möglich. Man definiert, wann ein Gesicht schön ist, und konstruiert ein mathematisches Modell. Es gibt bereits Computerprogramme, die mit Algorithmen Gesichter auf digital vorliegenden Bildern verschönern können.

Grötschel: Da sich der Schönheitsbegriff im Laufe der Zeit verändert, wird es niemals eine universelle Formel für menschliche Schönheit geben. Was sich allgemein feststellen lässt, ist aber, dass die Überlagerung vieler Gesichter zu einem Mittelwert als schön empfunden wird - besonders, wenn es eine ganz kleine Abweichung von der perfekten Symmetrie gibt.

Berliner Morgenpost: In der Wirtschaft kommt es mehr auf das Ergebnis als auf die Schönheit an.

Grötschel: Gewiss. Es gibt keinen Bereich des Lebens, der heute nicht von der Mathematik beeinflusst würde. Handy-, Strom- und Gasverteilungsnetze werden durch Mathematik optimiert und gesteuert. Als der A380 erstmals auf die Startbahn rollte, hat niemand befürchtet, dass er nicht fliegen würde. Das liegt daran, dass die mathematischen Modelle der Strömungsmechanik stimmen. Man kann dank Mathematik auf dem Reißbrett Dinge entwickeln.

Berliner Morgenpost: Sind Kriege in Zukunft mathematisch?

Holtz: Das kann man so sehen. Doch die Mathematik ist dabei nur ein Teil. Die technischen Komponenten der Datennetzwerke spielen auch eine große Rolle.

Berliner Morgenpost: Gibt es geheime Mathematik?

Grötschel: Ja, sicher. Die National Security Agency in den USA ist die Behörde mit den meisten Mathematikern in der Welt. Was die so treiben, ist geheim. Sie besuchen mathematische Fachkongresse und lesen alle Veröffentlichungen zur Kryptografie, aber selber publizieren sie natürlich nichts. Das ist geheime Mathematik.

Berliner Morgenpost: Würde Sie das reizen?

Grötschel: Nein, ich würde mich da zu sehr eingeengt fühlen. Ich brauche Freiheit, um denken zu können. Man braucht dafür wohl ganz bestimmte Charakterzüge.