Surabaya - Die Bewohner einiger Dörfer im Osten der indonesischen Insel Java kämpfen mit heißen Schlammfluten, die mal nach Fäulnis, mal nach Petroleum stinken und in solchen Massen aus dem Bauch der Erde quellen, dass sie ganze Dörfer und die dazu gehörigen Felder fressen. Eine Fläche von etwa einem Quadratkilometer ist bereits bedeckt. Dass keine Toten zu beklagen sind, ist der Tatsache zu verdanken, dass Schlammvulkane ihre Fracht nicht explosionsartig entladen.

Doch das Volumen der herausfließenden Massen steigt exponentiell an. Während der Schlund - 35 Kilometer südlich der Millionenstadt Surabaja - im Mai etwa 5000 Kubikmeter pro Tag von sich gab, sind es heute bereits 130 000 Kubikmeter. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Nach Ansicht von Georg Delisle, Geophysiker an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, könnte die übel riechende Pampe weite Landstriche unter sich begraben und Hunderttausende Menschen vertreiben.

Das Reservoir, aus dem sich der stinkende Auswurf speist, ziehe sich Messungen zufolge mehrere Hundert Kilometer weit entlang der Nordküste Javas hin. Es ist im Schnitt fünf bis zehn Kilometer breit und 500 Meter dick - groß genug, um das Speien noch lange fortzusetzen. "Es ist Spekulation, aber das könnte zehn oder 20 Jahre lang andauern. Die exponentielle Zunahme dürfte darauf beruhen, dass sich der Kanal ausweitet", sagt der Experte für Schlammvulkane. Indonesien hat immer wieder unter geologischen Gewalten zu leiden, doch dieser Fall liegt anders: Der Schlammvulkan ist menschengemacht. Nur gut 150 Meter vom Schlund entfernt hat die indonesische Firma Lapindo Brantas eine Gasexplorationsbohrung bis in knapp 3000 Meter Tiefe abgeteuft. Was vor Gericht vielleicht nie bewiesen wird, ist für Geoforscher Delisle höchst wahrscheinlich: "Die haben wohl das unter hohem Druck stehende Schlammreservoir angebohrt."

Das Versäumnis der Exploratoren liegt darin Bohrungsstandards nicht eingehalten zu haben: Die Bohrlochwand wurde nicht mit einer Stahlrohrverkleidung abgedichtet. Irgendwann traf man den Horizont mit Flüssigsediment. Dass der Vulkan daneben ausbrach und die Bohrung also nicht schuld sein könne, lassen Geologen nicht gelten, ebenso wenig, dass sich etwa zeitgleich ein Erdbeben ereignete.

Fast 1500 Soldaten versuchen nun, den Schlamm mit Erddämmen zu bändigen - ein hoffnungsloses Unterfangen, sollte er weiter fließen wie bisher. Bis Dezember wollen Bohringenieure aus den USA versuchen, den Kanal in 1800 Meter Tiefe seitlich anzubohren und mit Beton zu verstopfen. "Die indonesischen Behörden gehen aber selbst nur von einer Erfolgschance von 15 Prozent aus", sagt Georg Delisle. Vermutlich bleibt den Behörden nur die Option, der Pampe das Feld zu überlassen. Die überflutete Region hat sich durch den Volumenverlust in der Tiefe in den letzten Monaten abgesenkt - teilweise um rund einen Meter. Diese Wanne wird sich wohl vergrößern und füllen. Für die Zukunft sieht Georg Delisle als Szenario einen Schlammvulkan wie den Chandragup in Pakistan. Als dort der Schlamm eindickte, wuchs der Berg etwa 100 Meter in die Höhe. Die wachsende Last verschloss den Kanal schließlich.

Bis dahin bleibt wohl nur die Umsiedlung der Menschen. Lapindo Brantas übernimmt insofern die Verantwortung, als die Firma jedem gut 400 Euro Entschädigung verspricht, der seine Habe verloren hat. Ob die Menschen neue Felder und Häuser bekommen, bleibt abzuwarten. Der Punkt ist politisch pikant: Lapindo Brantas gehört der Familie von Indonesiens Wohlfahrtsminister.