Keine Spur blieb vom Wrack

Seewiesen - Es war die größte Katastrophe der deutschen Polar-Forschung: Unter Leitung des noch jungen Leutnants Herbert Schröder-Stranz verließ im Sommer 1912 eine Forschergruppe an Bord der "Herzog Ernst" den Hafen von Tromsö (Norwegen). Der 28-Jährige war extrem ehrgeizig, zu Ehren des Kaiserreichs schwebte ihm die Erkundung des europäisch-sibirischen Seewegs vor. Doch so weit kam er nicht. Schon auf der Vorexpedition, die das eigentliche Abenteuer nur vorbereiten sollte, kamen Schröder-Stranz und sechs seiner Mitstreiter ums Leben. Nur drei der insgesamt zehn Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden, von Schröder-Stranz fehlt bis heute jede Spur. Der Journalist und Polarforscher Theodor Lerner, der 1913 ebenfalls mit einer Crew nach Spitzbergen aufgebrochen war, verlor während der Suche nach Schröder-Stranz sein Schiff. Die "Loevenskiold" blieb im Eis am Nordkap von Nordostland (bei Spitzbergen) stecken - und wurde zum nördlichsten Wrack der Welt.

Dem Meereswissenschaftler Hans Fricke vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen ist es nun gelungen, mit seinem U-Boot "Jago" den genauen Ort ausfindig zu machen, an dem die "Loevenskiold" gesunken ist. Außerdem entdeckte er den tatsächlichen Landeplatz von Schröder-Stranz vor der Küste Nord-Ostlands, bisher hatte man diesen an ganz anderer Stelle vermutet. "Die Expedition von Schröder-Stranz war unglaublich schlecht vorbereitet", sagt Fricke. Viel zu spät im Jahr sei man zu der Expedition gestartet, die Ausrüstung der Mannschaft war schlecht. So trugen die Männer nur leichte Lederschuhe. "Nachher hat man sich in Deutschland sehr geschämt", berichtet Fricke. "Das Desaster war tatsächlich so etwas wie der Beginn der wirklichen Polarforschung", sagt Fricke - schon daher sei die Schröder-Stranz-Expedition von einiger Bedeutung.

Mit einem zehnköpfigen Team startete Hans Fricke am 23. August zu seiner Expedition auf den Spuren von Schröder-Stranz. An Bord des norwegischen Eisbrechers "Polarsissel" ging es von Longyearbyen in Spitzbergen über das Kap Rubin in den Duve-Fjord. Tatsächlich fand Fricke im Duve-Fjord den Landeplatz: Bereits nach kurzer Suche an Land fand man 22 Gegenstände der Expeditions-Teilnehmer von 1912, darunter einen Schuh, Patronenhülsen, Kleidungsstücke und Meß-Instrumente. Mitnehmen durften sie die Fundstücke nicht - in Spitzbergen wacht ein Gouverneur über Expeditionen, das Entfernen von Gegenständen ist verboten. Später suchten die Wissenschaftler mit dem U-Boot "Jago" vor dem Kap Rubin nach der "Loevenskiold". Auf der Basis von historischem Bild- und Kartenmaterial und von teilweise überlieferten Tagebuchnotizen der früheren Expeditionsteilnehmer konnten sie die die Lage der gesunkenen "Loevenskiold" gut eingrenzen.

Doch die Eisberge haben das Schiff wahrscheinlich zerdrückt: Am Untergangsort, an dem es 1913 im Eis eingekeilt wurde und schließlich sank, konnten auch mehrere Ultraschall-Abtastungen nur noch Spuren von Eisbergen entdecken. Bereits im nächsten Jahr will Hans Fricke weiter nach Schröder-Stranz suchen, immerhin zeigen ihm ja die Fundstücke, daß er auf der richtigen Spur ist.