Neue Hoffnung für Menschen, die häufig von schweren Albträumen geplagt werden: Ein internationales Forschteam ist dem Phänomen auf die Spur gekommen, dass manchen Menschen im Schlaf wissen, dass sie sich in einem Traum und nicht in der Realität befinden. In solchen Fällen gelingt dem Gehirn ein besonderer Spagat, wie die Wissenschaftler der Universitäten Bonn, Darmstadt und Mainz sowie der Harvard Medical School in Boston berichten: Es nimmt zwei Bewusstseinszustände zeitgleich ein. Das schlafende Gehirn träumt und unterzieht die Fantasien parallel einem Realitäts-Check. Und diese Fähigkeit lässt sich auch trainieren: Den Träumenden wird klar, dass sie nur träumen.
Albträume entfalteten ihren Schrecken vor allem dadurch, dass der Träumende sie für bare Münze nehme, erklären die Experten: Die Angst, die verspürt werde, wenn im Traum etwa ein Tiger angreife, sei sehr real. Manche Menschen merkten aber, dass es sich nur um Fantasiebilder handle. Die Forscher sprechen hier von sogenannten Klarträumen. "Bislang wusste aber niemand, was dabei genau in unserem Gehirn passiert", sagt die Bonner Psychologin Ursula Voss.
Albträume treten meist in der zweiten Nachthälfte auf, dauern bis zu einer halben Stunde und enden meist mit Aufschrecken, wonach man sich in der Regel sofort der Wachheit bewusst ist und auch orientieren kann. Als Ursachen werden unverarbeitete Tagesgeschehen, traumatische oder traumatisierende Erlebnisse, Stress oder psychische und physische Gründe angenommen.
Für ihre Studie versuchten die Wissenschaftler zunächst, bei Studenten die Klartraum-Wahrscheinlichkeit mit gezieltem Training zu erhöhen. Bei wöchentlichen Sitzungen sollten sich die Testpersonen beispielsweise Situationen überlegen, anhand derer sie Traum von Realität unterscheiden konnten, erklärt Voss: "Also etwa: Wenn ich mir die Nase zuhalten und dennoch atmen kann, muss ich träumen."
Sechs von 20 Teilnehmern konnten tatsächlich die Klartraum-Häufigkeit auf diese Weise innerhalb von vier Monaten auf mindestens drei Mal pro Woche steigern. Im Schlaflabor zeichneten die Forscher nun über Elektroden auf der Kopfhaut die Hirntätigkeit dieser Probanden auf und stellten fest, dass bei Klarträumen das Stirnhirn deutlich aktiver ist als normal.
Dieser sogenannte frontale Cortex sei für die kritische Bewertung von Geschehnissen zuständig und im Schlaf weitgehend inaktiv, erklärt die Psychologin. In den anderen Hirnbereichen ändert sich dagegen bei Klarträumen im Gegensatz zu normalen Träumen nichts: "Es ist, als wäre ein Teil des Gehirns plötzlich ein wenig wacher, während der Rest einfach weiter schläft", sagt Voss.
Zwar sind die Ergebnisse - auch wegen der kleinen Zahl der Testpersonen - noch vorläufig, dennoch verbinden die Forscher damit einige Hoffnungen: Wenn sich die Fähigkeit zu Klarträumen tatsächlich trainieren lasse, könnten Menschen mit häufigen schweren Albträumen möglicherweise lernen, diese beim Schlaf einem Realitäts-Check zu unterziehen. So würden nächtliche Horrorfantasien einen Teil ihres Schreckens verlieren.
Die Studie könnte aber auch für Menschen mit Psychosen bedeutsam sein, weil diese Krankheit ebenfalls mit Fantasievorstellungen einhergeht, die von den Patienten nicht als solche erkannt werden können. Im Vergleich zum Klartraum scheine hier die Situation genau umgekehrt zu sein, erklärt Voss: Der Betroffene sei wach, könne seine Fantasien aber dennoch nicht kritisch analysieren. Vielleicht könne aber ja auch diese Fähigkeit trainiert werden, so dass die Patienten künftig lernten, zwischen Wahrheit und Wahn zu unterscheiden, sagt die Expertin.
BM

