In der Realität beginnt die Verwandlung zum Cyborg anders - und sie macht den Menschen sogar Spaß.
Ein prominenter Cyborg wurde im März der dänische Regierungschef Lars Loekke Rasmussen bei seinem Japan-Besuch. Freiwillig ließ er sich einen Sensor des ersten frei erhältlichen Roboteranzugs der Welt an seinen Oberarm anlegen und bewegte damit einen Roboterarm. Wenn Rasmussen seinen Arm hob, hob sich auch der Roboterarm, senkte er ihn, lies auch der Anzug den Arm sinken. "Das ist erstaunlich", entfuhr es dem Premier und probierte es wieder. Das anschnallbare Wunder aus Stahl, Plastik und Elektromotoren heißt Hal, oder ausgeschrieben etwas umständlich Hybrid Assisitive Lymb.
Menschheitsträume werden wahr
Mit dem Hightechgerippe werden uralte Menschheitsträume wahr. Lahme können ihren Rollstuhl und die Krücken stehen lassen und maschinell gestützt wieder gehen. Die Kraft von Normalgebrechlichen potenziert Hal ins Übermenschliche. Mit einem Arm können Träger plötzlich mühelos 70 Kilogramm schwere Gewichte heben, 180 Kilo mit der Beinpresse drücken. Ganz ohne Operationen, einfaches Anschnallen reicht zur Verwandlung zum Supermann. Und Hal sieht auch noch cool aus. Weißes Plastik verkleidet elegant die selbst tragende Struktur aus Stahl und Duraluminium, einer hochfesten Legierung aus Aluminium, Kupfer, Magnesium und Mangan. Blau leuchtende Diodenringe in den Gelenken geben ihm zusätzlich einen freundlichen Science-Fiction-Touch.
Der Entwickler des Geräts ist Yoshiyuki Sankai. Der 62-Jährige sieht aus, wie man sich einen Erfinder vorstellt. Große Brille, hohe Stirn und etwas mähnenhafte Haare. Hinter dem Habitus verbirgt sich ein nüchterner Professor der Tsukuba-Universität im gleichnamigen Ort unweit von Tokio. Es ist eine von Japans wichtigsten Brutstätten für hochfliegende Pläne. Japans Weltraumbehörde Jaxa entwickelt hier Satelliten und Raumschiffe, diverse Institute exotische Materialien dafür und findige Forscher ausgefallene Anwendungen für das Leben auf Erden. Hier versuchen keine neonglitzernden Verlockungen der Großstadt, die Kreativität der Techniktüftler abzulenken, zu zerstreuen oder gar zu betäuben.
Bei Yoshiyuki Sankai hat die Weltabgewandtheit in der Forscheroase Früchte getragen. Seit dem Start seines Projekts in den 90er-Jahren hat er seinen Kindheitstraum vom Roboteranzug, der Menschen beim Gehen und Bewegen helfen kann, zur Marktreife entwickelt. "Wenn Sie stehen, sitzen, gehen oder etwas Schweres heben wollen, erkennt Hal die Signale des Gehirns und hilft Ihnen, all diese Dinge zu tun", sagt Sankai forsch.
Die Funktionsweise des Roboteranzugs ist sehr komplex. Der Anzug ist modular aufgebaut und kann als Ganzkörperanzug getragen werden oder als Einzelteil nur einzelne Arme und Beine unterstützen. Anders als viele Cyberprothesen wird er dabei nicht operativ mit den Nerven oder Muskeln seines Trägers verbunden. Vielmehr ermittelt das Gerät die Bewegungsbefehle über kleine auf die Haut von Armen und Beinen geschnallte Pads.
Diese Sensoren messen nicht etwa die Bewegungen von Muskeln, denn damit würden die Elektromotoren in den Schultern, den Ellenbogen, der Hüfte und dem Knie nach den Muskeln aktiv werden und den Menschen bremsen und nicht helfen. Stattdessen spüren die Sensoren die bioelektrischen Signale auf, die das Hirn über die Nervenbahn an die Muskeln sendet.
Ein kleiner Computer analysiert die Impulse, bestimmt die Intention des Menschen und aktiviert die Motoren, die damit kurz vor den Muskeln reagieren können. Die Rückmeldung zum Gehirn und damit die Steuerung der Bewegung läuft generell über die Muskeln. Allerdings greift der Roboteranzug auch auf programmierte oder selbst gelernte Routinen zurück, sodass die Bewegungen reflexartig ablaufen. Dass das nicht nur in der Theorie funktioniert, hat Hal schon wiederholt bewiesen. In der Schweiz trug der Japaner Takeshi Matsumoto seinen querschnittsgelähmten Freund Seiji Uchida mithilfe von Hal auf dem Rücken - fast bis auf den Gipfel des Breithorns, eines Schweizer 4000-Meter-Berges. Inzwischen bewegt sich der Roboteranzug auch filigran genug für das Flanieren in der Großstadt. Im August 2009 ließen die Entwickler Menschen mit Bein- und Beckenmodulen erstmals öffentlich durch die Straßen von Tokio stolzieren.
Das Militär blitzte ab
5iese maschinelle Kraftvermehrung menschlicher Muskelkraft weckt großes Interesse. Zuerst klopfte das US-Militär an und bot Sankai viel Geld, um Roboteranzüge für Soldaten zu entwickeln. Denn Generäle träumen von Supersoldaten, die, ohne zu ermüden, schwere Munition und Waffen durchs Gelände schleppen. Sankai erteilte dem schnellen Dollar jedoch eine Absage. Er will das Los der Menschheit verbessern und keine Kriege führen. Die Prinzipientreue scheint sich inzwischen auszuzahlen. Langsam füllen Aufträge ziviler Einrichtungen die Bücher von Sankais Start-up-Unternehmen Cyberdyne. Das Unternehmen hofft, damit nun endlich von der teuren Einzel- zur Massenfertigung der Roboteranzüge übergehen zu können. Denn bisher sind die Leasingkosten für Hal mit etwa 1500 Euro pro Monat noch sehr teuer.
In Japan hat Daiwa House, ein Fertighaushersteller, Hal in seinen Katalog aufgenommen. Stolz demonstriert das Unternehmen auf seiner Homepage, wie das Gerippe Gehbehinderten wieder auf die Beine hilft. "Wir bauen nicht nur Einfamilienhäuser, sondern auch Altenheime", begründet eine Managerin, "Hal kann Senioren helfen, länger selbstständig zu sein."
Der erste ausländische Kunde stammt aus Dänemark. Es ist Søren Overgaard, Professor und Forschungsleiter der Orthopädie an der Uniklinik Odense. "Der Roboteranzug ist sehr interessant", sagt der Mediziner, "wir wollen ihn in einer Pilotstudie für die Rehabilitation testen." Unter wissenschaftlichen Bedingungen will er überprüfen, ob Hal Menschen beispielsweise nach schweren Hüftoperationen wirklich wieder das selbstständige Gehen beibringen kann oder ob die Gehhilfe im Gegenteil die verbliebene Muskelkraft und Balance womöglich schwächt.

