Berlin - Drehen Sie Ihren Kopf bitte nach rechts - so weit es geht. Und jetzt nach links. Welche Seite ist Ihnen leichter gefallen?" Die Linke. "Dann geben Sie mir Ihre rechte Hand." Achim Kürten, Arzt der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), greift nach meiner Hand, ertastet eine kleine Verdickung am Zeigefingerknochen und drückt drauf. "Drehen Sie Ihren Kopf noch einmal nach rechts. Geht es jetzt besser?" Ein bisschen. An diesem Beispiel demonstriert Achim Kürten die Akupressur, eine von vielen Behandlungsmethoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).

Die chinesische Medizin beruht auf seit Jahrtausenden überlieferten Praktiken. Das "Qi" als Basis des Menschen steht im Zentrum der fernöstlichen Heilkunst. Das erste Qi erhalten wir von der Mutter. Nach der Geburt bilden wir es aus der Atemluft und der Energie unserer Nahrung. Eine ungesunde Lebensweise bringt das Qi aus dem Gleichgewicht und begünstigt körperliche oder seelische Leiden.

Die chinesische Medizin betrachtet Körper und Seele, kann im Gegensatz zur westlichen Medizin aber nicht als ganzheitlich bezeichnet werden: Denn im alten China war es untersagt, Patienten zu operieren. Nicht einmal die Körper von Toten durften geöffnet werden. Gegen einen Blinddarmdurchbruch, bei dem in westlichen Operationssälen kurzerhand zum Skalpell gegriffen wird, ist die östliche Schulmedizin somit schlichtweg machtlos. Ihre Stärke liegt etwa in der Behandlung von Allergien, Asthma und rheumatischen Erkrankungen. Insbesondere Menschen mit chronischen Leiden setzen auf die Medizin aus dem Reich der Mitte.

Europäer seien vielfach nicht in der Lage, ihren Körper als Ganzes zu begreifen. Eine Atemstörung oder ein Rauschen im Ohr kann sehr unterschiedliche Ursachen haben. "Unregelmäßige Mahlzeiten, Stress und zu hoher Leistungsdruck schaden dem Körper und der Psyche. Da wundert es doch nicht, wenn Manager unter Tinnitus und Migräne leiden", sagt Kürten. "Im Gegensatz zu den meisten Europäern geben die Menschen in China sehr viel mehr acht auf ihre Gesundheit." In China gehören Bewegungs- und Entspannungsübungen aus dem Qi Gong, dem chinesischen Schattenboxen, seit jeher zum Straßenbild.

Inmitten der Berliner Hauptstadthektik, nicht weit vom Alexanderplatz, befindet sich das Zentrum für Traditionelle Chinesische und Integrative Medizin. Hinter den dicken Mauern des St.-Hedwig-Krankenhauses begrüßt ein alter chinesischer Gong die Patienten. Mit zielsicheren Handgriffen setzt Kürten einer Patientin 15 Akupunkturnadeln. Und wie fühlt er sich an, ein Piks der zwei Zentimeter langen Nadel? Ohne dass ich es bemerke, steckt Achim Kürten auch mir eine Akupunkturnadel in den Unterarm. Der Einstich war kaum spürbar - so wie der Stich einer Mücke.

Eine gute Therapie beginnt mit einem ausführlichen Patientengespräch inklusive Gesichts-, Puls- und Zungendiagnostik. Zahnabdrücke in der Zunge deuten auf einen Mangel an "Milz-Qi" - die körperlichen Symptome sind Durchfall, Appetitlosigkeit und gelegentliche Muskelschwäche. Eine ausgeprägte Falte neben der Nase ist ein Zeichen für einen Stau des "Leber-Qis": Dann leidet der Patient häufig unter Kopfschmerzen und Bluthochdruck.

Kräutermischungen, eine angepasste Ernährung und Entspannungsübungen sollen helfen, den Körper zurück ins Gleichgewicht zu bringen. Dazu kommt die Akupunktur. Sie lindert akute und chronische Schmerzen. Meridiane, eine Vielzahl von Körperbahnen, leiten das Qi in jedes Organ und jede Struktur des Körpers. Die Akupunkturnadeln verstärken den Fluss von Qi und öffnen blockierte Meridiane.

Eine zusätzliche Moxa-Behandlung mit schwelendem Beifußkraut intensiviert den Effekt der Akupunktur. Erwärmte Nadeln leiten die Moxa-Energie ins Gewebe und stimulieren dort Muskeln und Nervenenden. Auch westliche Mediziner bestätigen, dass die Hirnanhangsdrüse und die Nebennieren bei der Moxa-Behandlung gesteigert Hormone freisetzen. Die Wärme stärke das Immunsystem. Sie unterstütze die Durchblutung und kurble dadurch den Stoffwechsel an.

Vielleicht unterstützt auch der Glaube an die chinesische Heilkunst die Genesung der Patienten. Als reinen Placebo kann man TCM dennoch nicht abtun: Akupunktur hilft auch Schäferhunden, Kaninchen und sogar Elefanten.