Bezahlung

Adieu, schöner Schein

Immer häufiger können Kunden bereits mit dem Smartphone bezahlen. Dem Bargeld wird nun endgültig der Kampf angesagt

Rita, wat kosten die Kondome“, brüllte Schauspielerin Hella von Sinnen als blonde Kassiererin durch den Supermarkt. Der Kunde schaute verschämt, die in der Schlange Wartenden staunten. An den Anti-Aids-TV-Spot aus den 90er-Jahren fühlt sich erinnert, wer heute mit dem Smartphone im Supermarkt zahlen will. Denn dem kann es passieren, dass über Mikrofon erst einmal der Marktleiter ausgerufen wird.

So wie Ende Januar in einem Rewe-Markt nahe Frankfurt. Die Kassiererin zieht die Achseln hoch, entschuldigt sich: Sie habe das noch nie gemacht, sei selbst ganz gespannt. „Wat kosten die Kondome 2.0“ nimmt seinen Lauf: Auf dem Bildschirm des kleinen, grauen Terminals – dort wo normalerweise die EC-Karte hineingesteckt wird – erscheint ein QR-Code, ein kleines, pixeliges Quadrat. Ein Programm auf dem Smartphone kann dies per Kamera lesen und entschlüsseln, der Betrag erscheint noch einmal auf dem Bildschirm des Mobilfunkgerätes, kurz bestätigen, fertig. Willkommen beim Geldverkehr der Zukunft!

Yapital, so der Name des Systems, das Rewe in bundesweit 1700 Filialen anbietet, ist nur einer von vielen Versuchen, den Deutschen das Bargeld abzugewöhnen. Man wolle eine weitere zeitgemäße Möglichkeit des Bezahlens bieten, heißt es beim Supermarktbetreiber. Wie viele Kunden das Angebot nutzen, gibt der Konzern freilich nicht preis.

Anders als in Asien oder Skandinavien ist hierzulande die Liebe zu Scheinen und Münzen besonders ausgeprägt. Immer noch begleichen Kunden gut 55 Prozent ihrer Einkäufe bar. 103 Euro hat jeder laut Bundesbank-Statistik in seinem Portemonnaie.

„Mobile Payment“, das mobile Bezahlen von unterwegs – ohne Scheine, Münzen und am besten auch ohne Plastikkarten – soll den Umgang mit Geld revolutionieren. PayPal-Chef David Marcus wagte unlängst eine Prognose: Westliche Großstädter würden ihren Alltag schon in vier Jahren ohne Bargeld und Bankkarten meistern können. Die Ebay-Tochter zählt zu den wichtigsten Treibern der Veränderung. Sie will ihre starke Stellung im Internet nutzen und möglichst schnell auch an der Ladenkasse zu den bevorzugten Bezahlpartnern gehören. Dabei kann sie in Deutschland auf zwölf Millionen Menschen verweisen, die PayPal bereits nutzen und ihre Bankdaten hinterlegt haben.

Digitale Brieftasche

Internetunternehmen, Banken, Kreditkartenunternehmen und Telefonkonzerne – sie alle sind in den Kampf um das Portemonnaie des Kunden eingestiegen. Sie alle wollen aus der herkömmlichen Brieftasche aus Leder eine digitale machen, ein „Wallet“, wie das neudeutsch heißt. Mittlerweile gibt es bereits mehr als 20 Angebote am deutschen Markt. Das sind regionale Lösungen.

Was Rewe Yapital nennt, heißt bei den Konkurrenten Edeka und Netto Valuephone. Nicht zu vergessen sind die großen Kreditkartenunternehmen Visa und Mastercard, die alleine und mit Partnern das Thema in ihrem Sinn voranbringen wollen. Vodafone beispielsweise rollt seine Wallet-Lösung gerade nach und nach in deutschen Großstädten aus. Ob bei Starbucks, im Kaufhof, bei Aral oder Douglas, wer ein Mobilfunkgerät mit der passenden SIM-Karte hat, kann dort kontaktlos einkaufen. Kaum hält der Kunde das Smartphone an das Kassenterminal, wird das Geld von der vorher aufgeladenen Visa-Kreditkarte abgebucht. Der Austausch erfolgt per Funkchip, per sogenannter Near Field Communication (NFC).

35.000 Terminals in Deutschland sind bereits auf die Funktechnik umgestellt. Bis Jahresende sollen es mehr als 200.000 sein. Der Vorteil gegenüber dem QR-Code, wie ihn beispielsweise Yapital, Kesh und PayPal zur Datenübertragung zwischen Kunde und Händler nutzen, liegt darin, dass die Technik auch ohne Internetverbindung funktioniert, sogar der Akku des Smartphones kann leer sein. Der Nachteil: Längst nicht jedes Smartphone ist NFC-fähig.

Doch es sind weniger technische Unzulänglichkeiten, die den Kampf gegen das beliebte Bargeld und die Karten so schwierig machen, sondern die Kunden. „Damit das Thema verfängt, muss ein erkennbarer Zusatznutzen dabei sein“, sagt Horst Rüter, Zahlungsexperte beim Einzelhandelsforschungsinstitut EHI. „Diesen Vorteil halte ich bislang für sehr überschaubar“, sagt er.

Ideen, um einen tatsächlichen Mehrwert dank des Smartphones zu schaffen, gibt es seit Jahren: Das können Gutscheine sein, die automatisch verrechnet werden, das kann das Parkticket sein, das vom Händler längst bezahlt ist, wenn der Kunde das Parkhaus wieder verlassen will, oder die Rabattaktion. Umgesetzt werden sie bislang selten. Ein Bezahlsystem, mit dem man tatsächlich nur bezahlen kann, wird sich nicht durchsetzen, darin sind sich viele Experten einig. Irgendwann soll das Bezahlen sogar zur Nebensache werden. An Fantasie, wie dies aussehen könnte, mangelt es nicht: Kunden kommen in den Laden, werden per Smartphone zu ihren Lieblingsprodukten geleitet, auf die jüngsten Sparaktionen aufmerksam gemacht, nehmen sich, was sie wollen, und gehen wieder raus – ohne an einer Kasse angestanden zu haben. Der Betrag wird bei Verlassen des Geschäfts automatisch vom Konto abgebucht – sofern der Kunde damit einverstanden ist. Technisch ist dies bereits möglich.

„Beacon“ ist das Wort, das in diesem Zusammenhang seit Monaten in Internetforen diskutiert wird, abgeleitet vom englischen Wort für „Leuchtfeuer“. Sender schicken in einem Laden kontinuierlich Signale, die von einem Smartphone in der Nähe empfangen werden können. „Mit Hilfe dieser Bluetooth-Sender in den Läden können sie dem Kunden direkt Angebote auf sein Smartphone schicken und sehen, wie er sich im Laden bewegt“, sagt Key Pousttchi, Leiter der Forschungsgruppe wi-mobile der Universität Augsburg. Er ist davon überzeugt, dass sich diese Technologie, die Apple in seinen Stores bereits jetzt einsetzt und auf die auch PayPal setzt, in den nächsten Jahren ausbreiten wird. Sie sei zwar schlechter als die Funkchips, aber bequemer ließen sich umfassende Kundeninformationen kaum sammeln. Und genau darum geht es den Internetgiganten bei ihrem Vorstoß an die Ladenkasse. Sie wollen bessere, genauere Profile ihrer Kunden haben, die sich dann noch besser verkaufen lassen. Der Antrieb ist groß, weshalb Pousttchi in den kommenden Jahren auch nur den AGFEAs, wie er sie nennt, zutraut, das mobile Bezahlen tatsächlich zu etablieren. Die Buchstaben stehen für Apple, Google, Facebook, Ebay (mit PayPal) und Amazon.

„Allen anderen, ob Telefonkonzernen oder Kreditkartenunternehmen, fehlen Innovationskraft und Marktmacht, dies alleine aufzuziehen“, sagt er. Zudem hätten Millionen Nutzer bei Apple, Google oder PayPal ohnehin längst ihre Kontodaten hinterlegt. „Diese erprobten Bezahlmodelle für den Kauf im Internet auf die reale Welt auszubreiten, wäre für die AGFEAs der entscheidende Sprung. Dann wüssten sie quasi alles über jeden einzelnen Nutzer.“

Vielen Kunden in Deutschland wird bei solchen Aussichten mulmig werden. Bargeld mag umständlich sein, Schlangen an den Kassen verursachen und unhygienisch sein, aber als Kunde bleibt man anonym. Auch QR-Codes und Funkchips gelten bislang als sichere Bezahlverfahren. Fachleute verweisen darauf, dass bei QR-Codes auf den Telefonen keine sensiblen Daten gespeichert werden. Bei NFC-fähigen Smartphones kann die Bezahlfunktion zudem in die SIM-Karte eingebaut und so besser vor Angriffen geschützt werden. Auch mit neuen Verfahren zur Authentifizierung reagiert die Branche auf das Sicherheitsbedürfnis. So gibt es Scanner, die anhand des Venenbildes einer Hand erkennen, ob Kunde und Konto zusammenpassen.