Entwicklung

Wachstumsschmerzen bei Zalando

Mehr Kunden, mehr Umsatz, aber weiter rote Zahlen: Anleger müssen auf Rendite warten

Der Online-Händler Zalando lässt seine Kapitalgeber zappeln. Sie müssen weiter darauf hoffen, dass sich ihr Einsatz irgendwann rentiert – denn der Gewinnschwelle kam das Unternehmen auch in seinem fünften vollen Geschäftsjahr 2013 nicht nennenswert näher. Der Internet-Händler setzt stattdessen weiter voll auf Größenwachstum. Zalando gewann 2013 vier Millionen zusätzliche Kunden hinzu und hat jetzt 13Millionen regelmäßige Besteller in seiner Datenbank. Der Umsatz schnellte um mehr als 50 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro hoch. Der Versender ist jetzt in 14 Ländern aktiv. Allein in den letzten zwei Jahren kamen unter anderem alle skandinavischen Staaten, Spanien, Polen, Belgien und Luxemburg hinzu. „2013 war erneut ein starkes Jahr für uns, in dem wir unsere führende Position in der europäischen Mode-E-Commerce-Branche unterstrichen haben“, sagte Vorstandsmitglied Robert Gentz.

Nicht alle Beobachter teilen diese Einschätzung. „Investoren geben einem Start-up normalerweise drei Jahre. Danach muss man zeigen, dass man mit dem Geld haushalten kann, das man bekommen hat“, sagte Patrick Palombo, ein auf den Online-Handel spezialisierter Unternehmensberater. Zalando habe eine starke Marke aufgebaut, sagte der Experte – fast so stark wie Coca Cola, der Star in der Welt der Markenartikler. Aber nun investiere die Führung des Händlers immer weiter in diese Richtung, statt ins Geldverdienen.

Problem der Branche

Tatsächlich blieb Zalando 2013 in den roten Zahlen stecken. Die Marge beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern – ein Maßstab für die operative Ertragskraft – war mit 6,7 Prozent negativ. Gegenüber dem Vorjahr ist dies eine kaum messbare Verbesserung um 0,5 Prozentpunkte. „Irgendwann muss man von Imagewerbung auf Produktwerbung umschalten“, monierte Palombo die starke Konzentration auf mehr Umsatz. Werde diese Strategie überzogen, könne sich das Geschäftsmodell als riskant erweisen. Zalando stehe mit dem Problem nicht allein in der Branche da: „Wir erleben gerade einen Neuen Markt 2.0“, spielte Palombo auf die Internet-Blase zu Beginn der Jahrtausendwende an. „Wäre ich Zalando-Eigentümer, ich bekäme feuchte Hände.“

Der Mode-Versender weist solche Unkenrufe weit von sich. „Zalando verfügt mit mehr als 350 Millionen Euro über eine komfortable Netto-Liquidität, um auch zukünftiges Wachstum zu finanzieren“, unterstrich der Vorstand. Zum Beleg verweist er darauf, dass im vergangenen Jahr internationale Großinvestoren wie der kanadische Fonds Ontario Teacher’s Pension Plan und der dänische Investor Anders Holch Povlsen eingestiegen seien. Größter Teilhaber ist derzeit die schwedische Beteiligungsfirma Kinnevik mit 37 Prozent, nachdem die Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet im August 2013 ausgestiegen ist.

Die Erwartung liegt auf der Hand, dass die Großinvestoren den vielversprechenden Händler früher oder später an die Börse bringen wollen. Das Thema habe keinen Vorrang, hielt Zalando-Vorstand Rubin Ritter am Freitag den Ball flach, um zugleich einzugestehen: „Das ist eine mögliche interessante Option für die Zukunft.“ Tatsächlich aber scheint Zalando mit Hochdruck an seinem Börsengang zu arbeiten. So bekommt die Samwer-Company jetzt Verstärkung: Von Axel Springer zieht Lothar Lanz in den Aufsichtsrat des Online-Versenders ein. Gerade wechselte er beim Medienhaus in den Aufsichtsrat. Er könnte genau die richtige Wahl für Zalando sein. Zu Leo Kirch-Zeiten brachte er bereits ProSieben erfolgreich an die Börse. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft vor einigen Monaten schaffte die formalen Voraussetzungen für einen Börsengang. Nun muss Zalando in die schwarzen Zahlen kommen.

Kostenfreie Retouren bleiben

Auf einen Zeitpunkt dafür mag sich der Vorstand freilich nicht öffentlich festlegen lassen. Zalando darf seine von bestem Service verwöhnten Kunden nicht verärgern und muss gleichzeitig die Kosten in den Griff bekommen. Ein Thema ist dabei tabu: Kostenfreie Retouren.Neue gesetzliche Möglichkeiten, wonach die Kunden ab Juni 2014 für die Rücksendung von Waren selbst zahlen müssen, wird Zalando auf absehbare Zeit nicht nutzen. „Wir ändern nichts an unserem Rücksende-Versprechen“, sagte der Sprecher. Bei Zalando ist das Thema noch sensibler als bei den Konkurrenten, denn die kostenfreie Rücknahme steckt quasi in denen Genen des Geschäftsmodells. Beim Start hatte das Unternehmen damit offensiv geworben. Heute liegt die durchschnittliche Retourenquote mit 50Prozent bei Zalando sehr hoch. Die Kosten dafür würden allerdings überschätzt, versicherte der Firmensprecher.

Dass die Zeiten des extremen Wachstums für Zalando vorbei sind, zeichnete sich bereits im vergangenen Jahr ab. Lag der Umsatz im ersten Quartal des Geschäftsjahres noch 74 Prozent höher im Vergleichszeitraum des Vorjahreszeit, so schrumpfte der Vorsprung bis zum letzten Quartal auf plus 36 Prozent. Vom wetterbedingten Elend der Bekleidungsbranche konnte das Online-Haus sich nicht abkoppeln: Alle Jahreszeiten passten nicht zum Sortiment in den Läden.