Der Berliner Online-Versandhändler Zalando wächst noch schneller als erwartet. 2012 steigerte das Unternehmen seinen Umsatz um 125 Prozent auf 1,15 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2010 hatte Zalando 150 Millionen Euro erlöst. Schneller ist in Europa bisher noch nie ein Händler gewachsen. „Zalando ist das erste europäische Unternehmen, das bereits vier Jahre nach der Gründung einen Netto-Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro erwirtschaftet“, heißt es in einer Erklärung des Unternehmens.

Einen „Schrei vor Glück“, der aus der Zalando-Werbung bekannt ist, wollten sich die Chefs nicht entlocken lassen, aber für ein „Wir freuen uns sehr“ von Geschäftsführer Rubin Ritter reichte es: „Wir haben unsere Erwartungen noch übertroffen.“ Denn trotz der rapide ansteigenden Bestellzahlen von zehn Millionen Kunden steckt Zalando noch in den roten Zahlen. Das Betriebsergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) lag bei minus 90 Millionen Euro, die Ebit-Marge bei minus acht Prozent nach minus zwölf im Vorjahr. Mit einer Eigenkapitalquote von 50 Prozent ist das junge Unternehmen allerdings komfortabel finanziert.

Immerhin geht es mit dem Ertrag in den Kerngeschäftsländern Deutschland, Österreich und der Schweiz deutlich aufwärts. Hier verbuchte der Schuh- und Modehändler erstmals eine schwarze Null. „Wir sind bei unserer Bilanzierung sehr konservativ“, sagte Co-Geschäftsführer Rubin Ritter der Berliner Morgenpost. „Das zeigt uns, dass unser Geschäftsmodell trägt und unsere Pläne aufgehen“, so Ritter. Jetzt sollten auch die anderen Märkte, in denen Zalando erst seit Kurzem unterwegs ist, möglichst schnell die Gewinnschwelle erreichen. „Wann das passiert, können wir noch nicht sagen. Das hängt davon ab, wie wir künftig Wachstum und Profitabilität gewichten“, so Finanzgeschäftsführer Ritter. Das Unternehmen veröffentlicht erstmals Zahlen, „auch wegen des großen Interesses, das es offenbar an Zalando gibt“, so Ritter. Ein Nettoergebnis wird nicht veröffentlicht.

Die Frage, ob das junge Unternehmen zumindest in Deutschland jetzt erwachsen ist, wollten Ritter und Firmengründer und Co-Geschäftsführer David Schneider nicht so einfach mit Ja beantworten. Die beiden 30-Jährigen schwanken eher zwischen „Das Unternehmen steht inzwischen auf eigenen Beinen“ und „Zalando ist jetzt im Teenie-Alter“. Was bedeuten dürfte, dass noch weiteres starkes Wachstum bevorstehen soll. „Auf dem eingeschlagenen Pfad können wir gut weitergehen“, sagte Schneider.

Jede zweite Bestellung geht zurück

„Noch ist Zalando eine Investition in die Zukunft“, sagte Jochen Hiemeyer, Partner und Konsumexperte beim Beratungsunternehmen Accenture. „Die hohen Summen der Geldgeber müssen natürlich irgendwann zurückfließen.“ Hiemeyer warnt vor Euphorie: „Auch wenn in der kurzen Zeit ein beachtlicher Markterfolg erreicht wurde, muss das Zalando-Team erst noch den Beweis erbringen, dass das Geschäftsmodell zukunftsfähig ist. Viele vermeintliche Überflieger sind im Online-Handel mit großen Hoffnungen gestartet, die am Ende nicht erfüllt wurden“, so Hiemeyer.

2012 war der Händler in sieben neuen Märkten an den Start gegangen, die Online-Marke gibt es jetzt in 14 Ländern. Anfangsverluste nehme das Unternehmen dabei in Kauf, hieß es. „Wir planen zunächst nicht den Einstieg in neue Länder“, so Schneider. Zunächst sollen Profitabilität, Produktauswahl und Service in Märkten wie Skandinavien verbessert werden. Derzeit investiert Zalando verstärkt in seine Logistik. Nach dem 170-Millionen-Euro Projekt des Lagers in Erfurt wurde gerade der Grundstein für ein Logistikzentrum in Mönchengladbach gelegt, das nicht nur Nordrhein-Westfalen, sondern auch Nachbarländer wie Holland, Belgien oder Frankreich beliefern soll.

Über 50 Prozent des Umsatzes erzielt Zalando laut Ritter inzwischen außerhalb Deutschlands. Das Unternehmen, das im Herbst 2008 als reiner Schuhhändler auf den Markt gegangen war, setzt inzwischen weniger als die Hälfte mit Schuhen um. 150.000 Produkte von 1500 Marken sind beim virtuellen Warenhaus aus Prenzlauer Berg zu haben. Hohe Kosten verursacht allerdings die Retourenquote: Jedes zweite gelieferte Produkt schicken die Kunden zurück. Konkurrent Deichmann hatte jüngst berichtet, dass die Retourenquote seiner Onlineshops nur bei 30 Prozent liege. Accenture-Experte Hiemeyer sieht hier noch Nachholbedarf bei Zalando: „Das Wachstum muss beschleunigt und die Retouren reduziert werden. Außerdem müssen die Sortimente profitabler werden, etwa über Eigenmarken.“

Dass Zalando zumindest in Deutschland kein Geld mehr verbrennt, könnte die Diskussion über einen baldigen Börsengang und den Ausstieg der bisherigen Investoren beflügeln. Ritter allerdings versucht, diese Diskussion beiseitezuschieben. „Das ist nicht das, womit wir uns derzeit beschäftigen. Wir freuen uns, dass sich unser Geschäftsmodell positiv entwickelt, dass die Kunden wiederkommen und wir nicht mehr in allen Märkten in der reinen Investitionsphase sind“, sagte der Finanzgeschäftsführer. „Sollte das Thema irgendwann einmal anstehen, werden wir versuchen, auch das erfolgreich zu meistern. Unsere Eigenkapitalquote von 50 Prozent zeigt, dass wir uns derzeit keine Gedanken über einen Börsengang oder etwas Ähnliches machen müssen.“

Die Eigenkapitalquote war im vergangenen Jahr trotz der Investitionen sogar von 39 auf 50 Prozent gestiegen. Denn zu den bisherigen Hauptinvestoren Rocket Internet – dem Inkubator der Samwer-Brüder –, der schwedischen Investmentbank Kinnevik sowie Holzbrinck Ventures und der Risikokapital-Sparte der Tengelmann-Gruppe waren neue Geldgeber hinzugekommen, nämlich DST Global, J.P. Morgan und Quadrant Capital.