Unternehmen

Start-up mit 61 Jahren

Morgenpost-Autorin Beate Wedekind ist eine erfahrene Unternehmerin – und erfindet sich in Berlins Gründerszene neu

Mit 61 bin ich wohl die älteste Start-up-Unternehmerin Deutschlands, und das gefällt mir ausnehmend gut. Nicht nur, weil ich schon immer besonders gern mit jungen Leuten gearbeitet habe, sondern auch, weil ich die unkonventionelle Herangehensweise in der Unternehmensgründungsphase sehr schätzen gelernt habe. Alles ist anders und alles ist spannend, eine Herausforderung für jemanden wie mich, der es in großen Medienkonzernen wie Burda nach ganz oben in der Führungsetage geschafft hatte. Und der dann selbst Mitte der Neunzigerjahre, ganz Old Economy, eine eigene Fernseh- und Event-Produktionsfirma gegründet hatte.

Plattform für Afrikas Unternehmer

Zurzeit arbeite ich in Berlin-Kreuzberg im Coworking-space Betahaus im Hub:raum-Accelerator-Programm der Deutschen Telekom. Ich bin eine von den 160 Bewerbern, die um die begehrten 15 Plätze für Start-up-Unternehmer gekämpft haben und aufgenommen wurden. Was ich mache? The New//Africa ist eine Internet-Plattform, die die ambitionierten Jungunternehmer in Afrika mit unserer Wirtschaft vernetzen wird. Eine neue Community wird entstehen, deren Social Impact darin besteht, dass mit dem alten Vorurteil „Afrika ist zur Armut verdammt“ aufgeräumt wird und neue Partnerschaften auf gemeinsamen Erfolgen aufgebaut werden.

Das Thema ist nicht neu für mich, ich beschäftige mich seit mehr als drei Jahrzehnten mit dem afrikanischen Kontinent und seinen Menschen. Neu aber ist sehr wohl das Medium. Es macht nämlich einen himmelweiten Unterschied, ob man – so, wie ich es kenne – ein gedrucktes Magazin oder eine Zeitung macht oder seine Message übers Internet verbreiten will. Und so lerne ich Seite an Seite, Schreibtisch an Schreibtisch mit den anderen Start-up-Unternehmern Technik und Optimierungsprozesse, Businessmodelle und Businesspläne. Die meisten Kolleginnen und Kollegen sind unter 30, sie könnten meine Kinder sein, einige meine Enkel.

Was mich besonders fasziniert, ist die ungeheure Bereitschaft, Know-how, Wissen, Innovationsideen zu teilen ohne jedes Konkurrenzgehabe. Hands on und oft bis spät in die Nacht. Morgens in der Cafeteria sitzen Teams aus aller Welt, die Sprache der Start-ups ist sowieso Englisch. Gerade planen wir mit dem Team der Plattform Jovoto, selbst ein erfolgreiches Start-up von Gründer Bastian Unterberg und den Branding-Experten Matthias Dietz und Marc Sasserath, einen internationalen Designwettbewerb, an dem sich mehrere Tausend Kreative beteiligen werden. Meine Vorstellungskraft reicht noch nicht aus, was es bedeutet, wenn tatsächlich 10.000 Ideen bei uns ankommen. „Community first“, das ist eine neue Lebenseinstellung von mir, seit ich Facebook als meine Lieblingsform der Kommunikation entdeckt habe.

Auf den Geschmack gebracht hat mich ein junger Freund, der Schweizer Start-up-Unternehmer und Business-Angel Dario Suter (StudiVZ, Brands4friends, Textr, Monoqi), der mich vor drei Jahren, da war er 29, fragte, ob ich nicht gemeinsam mit ihm arbeiten wolle. Er hatte gerade sein erstes Old-Economy-Unternehmen gegründet, die Filmproduktion DCM. So trafen sich unsere Welten, ich stellte mein Netzwerk von Kontakten aus der für ihn neuen Branche zur Verfügung, und er stellte mich der Start-up-Szene vor. Es war für mich wie ein Befreiungsschlag. Selber gründen, ohne die Struktur eines etablierten Unternehmens mit sich herumschleppen zu müssen, sich selbst die Ziele vorgeben und nicht diktieren lassen. Später stellte ich auch die Nachteile fest – Finanzierungsmodelle, die Risikokapital bedeuten oder Crowdfunding, die waren mir doch sehr fremd.

In einem achtwöchigen Crashkurs des Hub:raum-Accelerators werde ich nun von den besten Experten regelrecht getrimmt. Jörg Rheinboldt, der schon 1999 mit seiner eigenen Gründung Alando den Grundstock für das deutsche Ebay legte – und tatsächlich für einen ordentlichen Millionenbetrag auch an Ebay verkaufte, hat später die Fundraising-Plattform Betterplace.org gegründet.

Mentoren helfen

Deshalb ist er mir vor dem Hintergrund Afrika ein besonders guter unternehmerischer Mentor. Niko Waesche, der jahrelang die Online-Aktivitäten großer Unternehmen wie IBM und ProSiebenSat.1 steuerte, hat mir mit seinem Rat beim Aufbau des Businessmodells geholfen. Mit Peter Borchers, der gegen alle Widerstände in der Deutschen Telekom den Hub:raum als firmeninternes Start-up durchgesetzt hat, kann ich trefflich über den Begriff „mobile first“ diskutieren.

Was mir aber am meisten Spaß macht, ist, mit jungen kreativen und entschlossenen Start-up-Unternehmern die Köpfe zusammenzustecken, die mich mit immer wieder neuen Erkenntnissen über Technik, Skalierbarkeit und Suchmaschinenoptimierung füttern. Evgeni Kouris ist so ein Genie, der mit seiner Idee Toywheel unlängst den Wettbewerb der „HY Berlin Start-up Competition“ des Gründers Hans Raffauf gewonnen hat, 10.000 Euro in bar und eine Reise ins Silicon Valley. Einmal briefte er uns per Skype live aus San Francisco über sein spannendes Programm. Wir saßen im Betahaus in der Runde und machten uns gleich ans Weiterspinnen.