Traditionsfirma

Engel mit elf Punkten

Tief einatmen und Luft anhalten: Augenbrauen, Augen, Nase, Oberlippe, Unterlippe. Pinsel absetzen und ausatmen. Nur wenn sie für ein paar Sekunden die Luft anhält, verrutscht ihr der Pinselstrich nicht, sagt Hannelore Lohr.

Sie ist "Gesichtsmalerin" bei der Traditionsfirma "Wendt&Kühn" im Erzgebirge. Seit elf Jahren schon malt sie Tag für Tag den kleinen Holzengeln in den Werkstätten für figürliche Holzarbeiten und Spieldosen in Grünhainichen ihre Gesichter auf. Immer im gleichen Rhythmus. Luft anhalten. Gesicht malen. Atmen. Nächster Engel. Alle Gesichter sollen gleich aussehen. Mehrere hundert dieser handgearbeiteten Holzfiguren schafft sie am Tag.

"Die kleinen Engel sind mir am liebsten. Sie haben besonders niedliche Gesichter. Das kann ich am besten", sagt Hannelore Lohr. Was sie tut, darf in der Firma "Wendt&Kühn" nicht jeder. Die Gesichter sind das wichtigste und gleichzeitig das schwerste. Nur mit jahrelanger Übung gelingt der gleichförmige Pinselschwung. Auf Handarbeit und Qualität legt man in der Firma, die bis heute in Familienbesitz ist, großen Wert. Die Grünhainichener Manufaktur zählt zu den ältesten ihrer Art. Seit 1915.

Grünhainichen, Seiffen und Olbernhau. Für viele Menschen in der ganzen Welt ist das wie ein magischer Dreiklang. Im Umkreis der kleinen Erzgebirgsgemeinden sitzen 250 Kunsthandwerksbetriebe, einige von ihnen schon seit 300 Jahren. Es ist eine Gegend, die Jahrhunderte lang vom Silberbergbau lebte. Irgendwann fingen die Leute an, nach alternativen Verdienstmöglichkeiten zu fanden. Sie griffen zum Schnitzmesser - und schufen Weihnachtspreziosen, die in der ganzen Welt begehrt sind. So wie die kleinen Engel von Kühn &Wendt, zu erkennen an den grünen Flügeln mit elf weißen Punkten.

Der damalige Direktor der Fachgewerbeschule zu Grünhainichen, Albert Wendt, hatte eine künstlerisch begabte Tochter: Margarete, auch "Grete" genannt. Ihr Talent erkannte der Vater schon früh und schickte sie auf die Kunstgewerbeakademie in Dresden. Margarete machte dort ihren Abschluss, arbeitete in Dresden und München und kehrte 1912 ins Erzgebirge zurück. Sie beteiligte sie sich an einem Wettbewerb für gute Reiseandenken des Vereins "Sächsischer Heimatschutz" und gewann mit ihrer Figurengruppe "Beerenkinder" mehrere Preise, der Grundstein für die Karriere der kleinen pummeligen Kinder aus Holz - die Nachfrage stieg.

"Grete war eine resolute Frau. Aber auch eine sehr freundliche", erinnert sich Tobias Wendt (44), der heutige Geschäftsführer der Firma an seine Großtante Margarete Wendt, die 1979 im Alter von 92 Jahren starb. 1915 gründete sie das Familienunternehmen. "Manchmal hat sie sich auch hilflos gestellt, obwohl sie das gar nicht war. Ich glaube: Das war ihre Masche", erzählt der Firmennachfolger. Dort, wo heute Tobias Wendts Büro ist, war früher das Wohnzimmer von "Tante Grete". Dort saß Tobias Wendt als kleiner Junge auf dem Sofa und durfte stundenlang hüpfen. Daheim war das verboten. Seine Tante lächelte nur, so wie sie es eigentlich immer tat. Viele Mitarbeiter hätten früher, als Tante Grete noch in der Firma arbeitete, gesagt: "Ihr Naturell ist wie ihre Figuren - ein bisschen pummelig, ein runder Kopf und immer lächelnd."

80 Pfennig kostete 1923 ein musizierender Engel, die Blumenkinder mit den überdimensionalen Mohn- oder Kornblumen in der Hand 1,15 Deutsche Mark. Heute zahlen Sammler für limitierte Editionen auf dem Markt auch mal 150 Euro für einen Engel. Das entspricht etwa dem dreifachen "normalen" Preis für eine Figur von Wendt&Kühn. Eine handgearbeitete Spieluhr, auf der kleine Engel im Kreis tanzen und musizieren, kostet bis zu 300 Euro. "Unsere Produktion ist ein nicht so krisenanfälliges Geschäft", sagt Tobias Wendt. Im Frühjahr hätten sie die Krise noch ein bisschen gespürt, doch schon vor Weihnachten hätten alle Überstunden machen müssen, um die Menge der Bestellungen zu bewältigen. 7,5 Millionen Euro Umsatz macht die Firma.

Hauptsächlich Kunden aus Deutschland kaufen die kleinen Holzfiguren. An über 1000 Facheinzelhandelsgeschäfte liefert Wendt&Kühn. Und die Engel der Traditionsfirma werden auch im Ausland immer beliebter. Auch in Norwegen, Holland, Russland, Japan, USA, Kanada verkaufen sich die Holzfiguren gut. "Auch in Venezuela und Singapur haben wir jetzt einen Kunden", erzählt Tobias Wendt. "Ein paar Exoten sind also schon dabei." Auch unter den Figuren, sowie die Holländer-Jungen oder eine Japanergruppe. Besonders die Entwürfe der früheren Firmenmitinhaberin Olly Wendt zeigen oft einen internationalen Einschlag. Sie selbst stammte aus Riga, aber reiste, ebenso wie Margarete, viel durch die Welt. In den Figuren finden sich oft Impressionen von diesen Reisen wider.

In den Regalen lagern bei Wendt&Kühn tausende kleiner Holzteile, Lauten, Geigen, Zugposaunen, Gitarren, Lyras für die musizierenden Engel. Die meisten von ihnen sind nicht einmal so groß wie ein Fingernagel. Daneben Arme, Beinchen, runde Bäuche. Die Einzelteile müssen gesägt, angeschnitten, geschliffen und gerundet werden - dann erst werden sie zu einer Figur zusammengefügt. Diese Vorgehensweise war damals völlig neu, als Grete Wendt sie einführte - und ist noch heute die Besonderheit der Engel aus Grünhainichen. In ihren Handschriften schrieb Grete Wendt dazu: "Mit dieser Ausdrucksmöglichkeit gelang es mir, die erstrebte Kindlichkeit und Vielseitigkeit in der Bewegung und im Ausdruck zu geben und dabei eine klare, selbstverständliche Herstellungsweise beizubehalten." Grete Wendts Figurenbildnerei erregte damals so viel Aufmerksamkeit, dass sie für ihren "Engelberg mit Madonna" 1937 sogar mit der "Goldmedaille" und dem "Grand Prix" auf der Pariser Weltausstellung ausgezeichnet wurde.

38 Arbeitsschritte sind es noch heute, bis ein Engel die Manufaktur im Erzgebirge verlässt. Sechs bis acht Wochen dauert es, bis er fertig ist. Immer wieder tauchen die Mitarbeiter die kleinen Engel in Farbtöpfe. Sie werden grundiert, getrocknet, getaucht, wieder getrocknet und schließlich lackiert, bevor es an die Bemalung geht - in die oberen Stockwerke. Dort, wo auch Hannelore Lohr und ihre Mitarbeiterinnen sitzen. Ganz still ist es in diesen Räumen, alle Frauen arbeiten hochkonzentriert, um den kleinen Engeln weiße Punkte auf die Flügel zu tupfen, die Füßchen zu lackieren oder schließlich das Gesicht aufzumalen. Ein möglichst freundliches Gesicht, wie Hannelore Lohr sagt. Sie und ihre Mitmalerinnen haben immer "Vorsaison". An Weihnachten malen sie an Osterhasen und Frühlingsmädchen, damit diese rechtzeitig fertig sind, wenn es soweit ist.

Rund 160 Mitarbeiter hat Wendt&Kühn. Die meisten von ihnen kommen aus Grünhainichen und den umliegenden Dörfern. Sie arbeiten als Drechsler, Schreiner, Lackierer oder in der Verpackung, dort, wo die kleinen Figuren in feines Seidenpapier gewickelt ihre Reise in die große Welt antreten. Sie alle arbeiten daran, dass die Traditionsfirma aus dem Erzgebirge weiterhin jährlich 300 kleine Holzfiguren im Sortiment führen kann. Jedes Jahr werden ein paar Holzfiguren aus dem Sortiment genommen. Sie pausieren eine Runde und wandern in den großen Musterschrank. Aber es kommen auch jährlich neue Figuren hinzu. Daran arbeitet eine Gestalterin im Haus, nach dem Stil und den Entwürfen von Margarete Wendt. Ihre Skizzen und Figurenzeichnungen lagern in einem riesigen Aktenschrank in der Firma. Eilig auf Pergamentskizzen gekritzelte Figuren, so wie das "Mädchen mit Klavier" aus dem Jahr 1923, sind noch heute Grundlage für die Figurenentwürfe. "Wir produzieren die Figuren so, wie es meine Tante wohl gemacht hätte", sagt Tobias Wendt. Er ist seit 1997 in der Firma.

Sein Vater, Hans Wendt, hatte 1972 den zwangsverstaatlichten Betrieb, der in "VEB Werk-Kunst Grünhainichen" als Betriebsdirektor übernommen. Erst im Juli 1990 gelang die Reprivatisierung und die Firma wurde wieder zur "Wendt&Kühn KG". Dann konnte auch endlich saniert und modernisiert werden, neue Technologien eingesetzt und das Produktionsgebäude erbaut werden. Für die 47 Jahre, die sein Vater bei Wendt&Kühn verbrachte, erhielt Hans Wendt das Bundesverdienstkreuz. Tobias Wendt übernahm die Firma 2001 von seinem Vater, als geschäftsführender Komplementär. Ende des Jahres wird auch er die Firma übergeben - an seinen Bruder und seine Schwester. Sie werden die Firma weiterführen.

Wir produzieren die Figuren so, wie es meine Tante wohl gemacht hätte

Tobias Wendt, Inhaber von Wendt & Kühn