An diesem Wochenende sind die Temperaturen frostig und die Umsätze deshalb besonders gut. Ab fünf Grad Celsius abwärts läuft das Geschäft mit dem Glühwein, so lautet die Faustregel in der Weihnachtsmarktbranche.
In Berlin werden jedes Jahr Dutzende Weihnachtsmärkte aufgebaut. Allein mit den Märkten in Mitte nimmt die Stadt rund 750 000 Euro pro Saison ein, wie Harald Büttner berichtet. Der 53-Jährige ist Leiter des Straßen- und Grünflächenamts und damit für die Betreuung der Märkte zuständig. Pro Stand müssen die Betreiber Pauschalen an die Behörde zahlen - für Kunsthandwerk weniger, für Glühwein- und Bratwurstbuden mehr, denn dort wird auch am meisten eingenommen. "Leider sind wir nicht direkt am Umsatz beteiligt", sagt Büttner. "Dann wäre es deutlich mehr."
Wie viel Umsatz die Marktbetreiber machen, weiß niemand so genau. Schätzungen zufolge sollen die rund 5000 Weihnachtsmärkte in Deutschland während der vier Adventswochen mehr als fünf Milliarden Euro einnehmen. "Die Weihnachtsmärkte sind für viele Schausteller inzwischen der wichtigste Umsatzfaktor des Jahres", sagt Hans-Peter Arens, Vorsitzender des Schaustellervereins Rote Erde, der in Dortmund einen der größten deutschen Weihnachtsmärkte organisiert. Vom Umsatz dort zehre er noch bis in den nächsten August, sagt Arens. Und vielen Kollegen gehe es ähnlich.
In Berlin erfreuen sich die Märkte immer stärkeren Zulaufs - auch als Folge der ausgeklügelten Planung von Harald Büttner und seiner Behörde. Jeder Markt habe einen bestimmten Zuschnitt, sagt er. "Für jede Zielgruppe muss etwas dabei sein." Zudem müssten alle Märkte ihren weihnachtlichen Charakter behalten. "Das ist ja kein normaler Jahrmarkt", betont Büttner. Christliche Symbole, traditionelle Musik, Weihnachtsbaum und Krippe gehören dazu und die richtige Mischung von Gastronomie und Handwerk. "Die Leute wollen Kunsthandwerk sehen, wollen Nostalgie", sagt er.
Doch auch wenn das weihnachtliche Ambiente den Reiz der Märkte ausmacht - gekauft wird vor allem Flüssiges. In der gediegenen Atmosphäre auf dem Weihnachtsmarkt zwischen Konzerthaus und Französischem Dom kommen die flinken Hände an den Glühweinzapfanlagen kaum hinterher. An weihnachtlichen Ständen wie dem mit dem riesigen Angebot an Dresdner Christstollen ist dagegen wenig los.
Knapp zwei Kilometer weiter am Alexanderplatz herrscht eine Stimmung wie auf dem Rummel. Würden nicht aus einigen Lautsprechern besinnliche Lieder plärren, könnte man fast vergessen, dass man auf einem Weihnachtsmarkt ist. Das Bild an den Glühweinständen ist jedoch überall das Gleiche: Sie sind brechend voll, egal ob am Alexa, vorm Roten Rathaus oder beim Opernpalais.
Die Beobachtungen in Berlin decken sich mit den Erkenntnissen der Wissenschaft: Auf den Weihnachtsmarkt geht man vor allem zum Picheln, lautet das Fazit von Gerhard Johnson, Betriebswirtschaftler an der Hochschule Harz. "Natürlich bemüht man sich, in der Außendarstellung den Eindruck reiner Fress- und Saufgelage zu relativieren", sagt der Fachhochschulprofessor, der zu den wenigen neutralen Beobachtern der Branche gehört. "Aber wenn man hinter die Kulissen schaut, wird vor allem mit Imbiss- und Getränkeständen Geld verdient."
Johnson hat vor acht Jahren im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Schausteller und Marktkaufleute die Bedeutung der Weihnachtsmärkte für die Innenstädte untersucht. Das Ergebnis: Schon damals gaben Besucher pro Weihnachtsmarktbesuch durchschnittlich zwölf Euro aus sowie weitere 20 Euro in umliegenden Geschäften. Der Durchschnittsumsatz eines Beschickers einer Vierwochenveranstaltung liegt zwar bei moderaten 25 400 Euro, doch die Einkünfte sind ungleich verteilt. Während ein Geschenkehändler weniger als 10 000 Euro einnimmt, gehen an den Imbissbuden laut Umfrage mehr als 50 000 Euro über die Theke. Ein Glühweinstand in guter Lage, bestätigen Händler unter der Hand, bringe in einer Saison locker 100 000 Euro.
Rund 50 Millionen Liter Glühwein trinken die Deutschen im Jahr, sagt Stefanie Gerstacker von der gleichnamigen Weinkellerei aus Nürnberg. Hinzu kommen Fruchtglühweine und Punsche, deren Umsatz in der vergangenen Saison um 25 Prozent auf 4,3 Millionen Liter gestiegen ist.
Für Berlin sagen die Meteorologen in der kommenden Woche wieder frostige Temperaturen vorher. Die Budenbesitzer werden auf ihren Tanks voller "Gendarmenmarkt rot" nicht sitzen bleiben.

