Berlin - Anfang April trafen sich Thomas Middelhoff und Jean-Marie Messier zum Frühstück in New York. «Sei bloß froh, dass ihr nicht an der Börse seid», sagte Messier. Es waren die Tage, als der Chef des Medienriesen Vivendi-Universal um seine Macht im Konzern kämpfte. Einen Kampf, den er wenige Wochen später verlor. Der eingebrochene Kurs der Vivendi-Aktie hatte den Absturz Messiers beschleunigt.

Auch Middelhoff wusste um die Gefahr, die der Börsengang für sein Unternehmen Bertelsmann bedeuten könnte. Intern gab er zu, dass etwa der Erwerb des amerikanischen Verlages Random House unter dem Druck der Analysten nie hätte durchgezogen werden können. Andererseits würden Analysten den Ausstieg aus Premiere scharf kritisiert haben, eine Entscheidung, die im Nachhinein ein Segen für Bertelsmann war.

Middelhoff glaubte trotzdem unerschütterlich an die Notwendigkeit des Börsenganges. Bertelsmann habe eine Größe erreicht, die völlig unüblich sei für ein nicht börsennotiertes Unternehmen, sagte er jüngst im kleinen Kreis. Die Beobachtung durch den Kapitalmarkt betrachtete Middelhoff als wichtige Kontrollfunktion. Und er sah sich gegenüber Albert Frère und seiner Groupe Bruxelles Lambert (GBL) in der Pflicht, die ihren 25-Prozent-Anteil am Unternehmen an die Börse bringen wollen.

Der jugendliche Konzernchef wusste aber auch, wie schwierig es sein würde, das Traditionsunternehmen Bertelsmann auf Börsenkurs zu bringen. «Wir haben die Veränderung in den Köpfen unserer Führungskräfte noch nicht verankert», bekannte er jüngst. Nun klingt es wie eine finstere Ahnung.

Middelhoff, der am liebsten per E-Mail kommunizierte, hat, so heißt es in Gütersloh, bei der internen Kommunikation versagt, oder vielleicht einfach nicht genug Geduld gezeigt. Ihn störte mehr, dass der unter ihm vollzogene Konzernumbau nicht wahrgenommen wurde. In fünf Jahren steigerte er den Anteil des Fernsehbereichs (RTL Group) am Konzernumsatz von null auf 25 Prozent. Kein anderer Unternehmensbereich trägt mehr zum Umsatz bei. «Leider sehen das die Opinionleader nicht so», klagte Middelhoff. Denen falle zu Bertelsmann immer nur ein: «Buch, Buch, Buch.»

Unterschätzt hat Middelhoff auch die Beharrungskräfte der altgedienten Führungsleute, die sich von der Talfahrt der Kurse und dem Koma der New Economy in ihrer Skepsis gegenüber einem Börsengang bestätigt sahen. Und vor allem hat Middelhoff wohl den Machtwillen der Verlegergattin Liz Mohn unterschätzt. Er sah sich zwar lange gestützt von Reinhard Mohn, der ihn auf den Schild gehoben hatte, obwohl etwa Gerd Schulte-Hillen an der Befähigung des Karrieremannes gezweifelt haben soll.

Mit Mohn-Sohn Christoph aber, der recht glücklos seine Führungsqualitäten bei Lycos Europe erprobt, verband Middelhoff eine innige Feindschaft. Manche vermuten, dass Middelhoff den Sanierer Jürgen Richter deshalb zum Aufsichtsratschef des kränkelnden Internetportals gemacht hatte. Intern soll feststehen, dass die Internetaktivitäten nur noch eine Gnadenfrist haben: Wird 2003 nicht die Gewinnschwelle erreicht, wird verkauft oder geschlossen. Sollte Liz Mohn gleichwohl dynastische Träume hegen? Seit Reinhard Mohn sich aus gesundheitlichen Gründen zunehmend aus dem Konzern heraushält, greift seine Frau offener ein. Sie gilt als Schlüsselfigur bei Middelhoffs Sturz.

Operativ liegt nun die Macht wieder bei zwei Lenkern der Old Economy. Beim früheren Druckvorstand und neuem Konzern-Boss Gunter Thielen und beim ehemaligen Gruner+Jahr-Chef Gerd Schulte-Hillen, heute Aufsichtsratschef. Bei Thielen spricht man von einem Dreijahresvertrag, was mehr wäre als eine Übergangslösung. Ist Thielen deshalb der starke Mann? Vor kurzem erst hatte Schulte-Hillen eine Stärkung des Aufsichtsrates verkündet. Ob das Gremium nun mehr Einfluss nehmen werde auf die Geschäfte, fragte jüngst die «Welt am Sonntag». «Nein», sagte Schulte-Hillen, «er soll ein guter Sparringpartner sein.» Fragt sich nur, wer am Ende im Ring bleibt. Aber auch da gilt: Nichts geht mehr ohne Liz Mohn.