Die Norweger sind ganz verrückt darauf, die Briten führen es in 500 ausgewählten Fachgeschäften: Marzipan von Niederegger aus Lübeck. Die edle Süßigkeit gehört zur Hansestadt wie das Holstentor oder Thomas Mann - und das bereits seit 1806.

Lübeck - "Weltbestes Marzipan, das ist unser Anspruch," sagt Holger Strait (54), Chef des Hauses Niederegger in Lübeck. Der hanseatische Kaufmann führt seit 1986 zusammen mit seiner Frau Angelika das Familienunternehmen in siebenter Generation. Stolz ist man bei Niederegger darauf, dass mehr Menschen bei dem Wort Lübeck an Marzipan denken, als an die drei Nobelpreisträger Thomas Mann, Willy Brandt und Günter Grass.

Seit 1806 wird in der Hansestadt Marzipan bei Niederegger hergestellt. Der Firmengründer war Johann Georg Niederegger der sich in der Franzosenzeit aus Ulm kommend an der Trave etablierte. Bereits 1825 wurde die Konditorei in das für die damalige Lebensmittelbranche wichtige Nürnberger Adressbuch der Kaufleute und Fabrikanten aufgenommen.

1856, kurz nach dem Tode des Firmengründers, belieferten seine Erben schon den russischen Zarenhof und wenig später auch den deutschen Kaiser. Zwar ist Deutschland nach wie vor der umsatzträchtigste Markt für die edlen Lübecker Spezialitäten. Jedoch geht der Marzipan-Export in 32 Länder der Erde, wobei die skandinavischen Staaten traditionell eine große Bedeutung haben.

Allein in Großbritannien führen 500 Fachgeschäfte die Produkte von Niederegger. Die Norweger haben übrigens den größten Pro-Kopf-Verbrauch. Die USA und Kanada gehören zu den großen Exportländern. "Hier ist unser Marzipan ein ethnisches Produkt", sagt Strait. Die deutschstämmige Bevölkerung kaufe sich ein Stück Heimat. Für Niederegger gibt es laut Strait den Anspruch, Qualitätsführer zu sein. Dies sichere zum einen das in einem Tresor lagernde, streng vertrauliche Familienrezept zum anderen die hohe Qualität der Zutaten. Dazu zählen im Wesentlichen Mittelmeermandeln, Zucker und mit Rosenwasser vergleichbare Zutaten. "Wir haben da unser ganz eigenes Reinheitsgebot", bekräftigt Strait.

Mit 30 Tonnen wird die Tagesproduktion von Rohmarzipan beziffert. Der Umsatz liege im dreistelligen Millionenbereich. In der Produktion sind 500 Mitarbeiter fest beschäftigt. 200 Saisonkräfte ergänzen die eingespielte Marzipan-Crew. Da der Marzipan-Absatz seit Jahren stagniert, modernisierte das Unternehmen in den vergangenen Jahren Produktions- und Logistikanlagen - nicht zuletzt aufgrund von Umsatzhoffnungen durch die EU-Erweiterung.

Auch neue ganzjährig nachgefragte Produkte wurden kreiert. So gibt es nun Marzipan-Tee, Cappuccino, Trinkschokolade oder Marzipan-Latte Macchiato. Auch Marzipan-Sahnelikör hat das Traditionshaus im Angebot. "Wir machen uns unsere eigene Konjunktur", begründet Strait die Einführung dieser an die jüngere Generation gerichteten Artikel. Der Renner sind jedoch nach wie vor die kleinen und großen Marzipan-Schwarzbrote.

Übrigens: Noch bis kurz vor dem Fest werden in Lübeck die Weihnachtsartikel gefertigt oder auch der für Silvester so beliebte Marzipan-Schornsteinfeger. Aber schon ab dem 2. Januar geht es an die Osterhasen. Zur Niederegger-Tradition gehört auch das repräsentative Stammhaus in der Lübecker Innenstadt gegenüber dem Rathaus. In diesem Café gibt es nicht nur Torten und Verkaufsräume mit über 300 Spezialitäten, sondern seit 1999 den Niederegger Marzipan-Salon.

Neben den klassischen Lübecker Marzipanprodukten, werden aber auch Sonderwünsche erledigt. Das sind meist aufwendig hergestellte Leckereien, die Firmen zu Festtagen oder zu Jubiläen verschicken lassen. Hierfür stehen im Unternehmen Designer und Konditoren zur Verfügung. Jedoch wird nicht jeder ausgefallene Wunsch erfüllt: Als Komiker Karl Dall einmal seine Schwiegermutter in Originalgröße aus Marzipan ordern wollte, wurde ihm hanseatisch unterkühlt dieser Wunsch verwehrt.

Ein Unternehmer, dessen Betrieb zu Lübeck gehört wie das weltberühmte Holstentor, ist natürlich stolzer Hanseat. Vor allem ist Strait zuerst Lübecker und dann Schleswig-Holsteiner. Und selbstverständlich engagiere man sich für die Gesellschaft. Man tue viel für den Sport und die Kultur jedoch nur in Lübeck. Zum gesunden Unternehmen gehöre eben auch, dass man sich bei Privatentnahmen zurückhalte, betont der Unternehmer. AP