Früh um sechs Uhr erreicht der Schleppverband die Hafeneinfahrt von Neustadt in Holstein. Willi Gaeth klettert von dem Schiff des Bundesgrenzschutzes hinüber auf sein Segelschiff, löst die Verbindung und fährt unter Motor die letzten Meter selbst in die Freiheit. Es ist der 15. Juli 1975, eine der spektakulärsten Fluchten im Segelboot über die Ostsee nimmt ein glückliches Ende.

Wenige Stunden zuvor ist Gaeth mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen von Warnemünde aus zu einem vermeintlich harmlosen Segeltörn auf der Ostsee aufgebrochen. Nur drei Seemeilen dürfen sich die Segler mit Sondergenehmigung vom Ufer entfernen. Danach beginnen internationale Gewässer. Was niemand außer Gaeth und seiner Frau bei Abfahrt aus dem Hafen ahnt: Es ist der Tag, an dem sie mit ihrem Segelboot aus der DDR flüchten werden – und ein Tag, der fast eine internationale Krise heraufbeschwört.

Es ist gegen Abend, als Gaeth es schafft, mit seinem Segelboot auf der Ostsee unbehelligt die internationalen Gewässer zu erreichen und dort auf ein Schiff des Bundesgrenzschutzes trifft. Gaeth bittet die Besatzung, ihn in den Schlepp zu nehmen. Kurz darauf geht es volle Fahrt Kurs West. Das Schlimmste scheint vorüber. Die Anspannung vor der Abfahrt, ob man es überhaupt so weit schaffen würde, die Sorge, vorher entdeckt zu werden und sich nicht zu verraten – all dies fällt nun von der Familie ab.

DDR-Wachboote mit Geschützen

Doch plötzlich tauchen aus dem Nichts mehrere DDR-Küstenwachboote auf. Auf den DDR-Schiffen werden die Persennings von den Geschützen gezogen und diese gefechtsklar gemacht, auf dem Schiff des Bundesgrenzschutzes gleichzeitig Maschinengewehre aufgestellt. Ost und West zielen auf hoher See aufeinander. Willi Gaeth und seine Familie, mittlerweile vom Segelboot auf das Schiff des Bundesgrenzschutzes übergestiegen, verstecken sich im Bauch des Schiffes. Zwei Nato-Kampfhubschrauber kreisen über ihnen, russische Schnellboote und Boote der Bundesmarine jagen wie Wölfe um eine Beute. Um 23 Uhr wird Nato-Alarm ausgelöst. Dann drehen unvermittelt die DDR-Schiffe ab und verschwinden mit Höchstfahrt.

Wohlgemerkt, das alles passierte wegen eines einzelnen Segelbootes mit einer Familie an Bord. Es ist eine Geschichte, die exemplarisch zeigt: Bis zur Wende war nicht nur die Berliner Mauer, die am schärfsten beobachtete Grenze der Welt, auch die Ostsee war ein Hindernis, das nur sehr schwer zu überwinden war. Im Buch „Über die Ostsee in die Freiheit“ von Christine und Bodo Müller wird diese Geschichte spannend wie ein Agenten-Krimi erzählt.

Mehr noch: Ist Segeln und Wassersport weit draußen auf dem Meer per se schon nicht ungefährlich, so war eine DDR-Flucht übers Meer der allerletzte Ausweg. Im Notfall konnte man sich an niemanden wenden, die Angst vor der Naturgewalt Meer wurde nur noch übertroffen von der Angst entdeckt zu werden. Gleichwohl, so erzählt das Buch, beflügelte das Meer aber die Fantasie der Menschen, wie es seit jeher wie ein Katalysator die Sehnsucht nach Freiheit verstärkt: So sind es eben nur 32 Seemeilen von Rügen bis zur dänischen Insel Mön – ein Katzensprung über die Ostsee für gestandene Segler.

Und doch war die Insel zu DDR-Zeiten so weit entfernt, wie ein ferner Planet. 28 Jahre lang steht somit auch an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns eigentlich eine Mauer – unsichtbar zwar, doch so mächtig und allgegenwärtig wie jene in Berlin. Badende Kinder, Meeresrauschen, das Gekreische von Möwen – all das kann nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass man sich auf ein lebensgefährliches Unterfangen einlässt, will man über die Ostsee fliehen. Wagemutig und vorsichtig gleichermaßen muss man sein – und vor allem viel Glück haben.

So wie Karsten Klünder und Dirk Deckert, zwei junge Männer aus Ost-Berlin. Sie haben sich Funboards nach Vorlagen aus einer westdeutschen Zeitschrift gebaut. Das Segeltuch besorgen sie sich aus der Tschechoslowakei, Neopren-Anzüge erhalten sie von Freunden aus dem Westen. Füßlinge, Kopfhauben und Handschuhe basteln sie sich selbst. Am 24. November 1986 fahren sie mit dem Trabi und der Surfausrüstung von Berlin aus Richtung Küste. Sie melden sich auf einem Zeltplatz in Ummanz an, einer kleinen Halbinsel auf Rügen. Nur die im Westen vorgelagerte Insel Hiddensee trennt sie noch von der offenen See.

Es soll eine Flucht werden, die beide über ihre psychischen und physischen Grenzen hinaus treibt. Beide haben wenig bis keine Erfahrung im Starkwindsurfen. So werden die beiden Surfer schon kurz nach dem Start durch hohe Wellen voneinander getrennt und während Klünder es schafft, in gut vier Stunden bis nach Mön zu surfen, muss Deckert zunächst zurück an Land, da sein Surfbrett und sein Trockenanzug in der starken Brandung schon auf den ersten Metern Schaden nehmen.

Er muss sich mehrere Stunden lang verstecken und es nach der Reparatur seines Surfbrettes allein versuchen. Beide Männer surfen in der Ungewissheit, ihren Freund an die Stasi oder an das Meer verloren zu haben – und beide Männer erleben auf hoher See die ganze Naturgewalt der Ostsee. Mitten auf See wirft zum Beispiel eine Welle Dirk Deckert um.

Er verliert seinen Kompass und kann sich fortan nur noch am Stand der Sonne orientieren. Und doch haben beide am Ende Glück. Nach vielen Stürzen erreicht Karsten Klünder bei Klintholm den Strand von Mön – und auch sein Freund schafft es. Wenige Tage später liegen sich beide in den Armen und beginnen ihr Leben in Freiheit.

Doch nicht nur Segler und Surfer versuchen zu fliehen. U-Boote werden gebaut, es wird gepaddelt und sogar geschwommen. Peter Döbler etwa, der am 25. Juli 1971 in 24 Stunden 48 Kilometer bis nach Fehmarn schwimmt. Regelmäßig wechselt er die Schwimmarten, um das Auskühlen seines Körpers so lange wie möglich hinauszuzögern. So lange die Küste nahe ist, taucht er die meiste Zeit und kommt nur kurz zum Atmen hoch – die Aussicht auf ein Leben ein Freiheit, sie treibt Menschen wie ihn zu sportlichen Höchstleistungen an.

Erfindung des Aqua-Scooters

Unvergessen ist auch die Entwicklung eines Gerätes, das sich mittlerweile bei Kampfschwimmern rund um die ganze Welt etabliert hat – der Aqua-Scooter. Sein Erfinder: Bernd Böttger. Er gerät nach dem Bau der Mauer mit dem SED-Regime in Konflikt, weil er mit seiner Meinung nicht hinter den Berg hält. 1961 wird er deshalb im fünften Semester von der Ingenieursschule in Magdeburg exmatrikuliert.

Doch die Grundlagen für technisches Verständnis sind bei ihm gelegt. Und bestimmen sein weiteres Leben. Nachdem Böttger eine Tauchausbildung absolviert hat, entschließt er sich, auf ungewöhnliche Weise aus der DDR zu flüchten – und baut in einer Kellerwerkstatt mithilfe eines Motors, einer Schiffsschraube und eines Tanks eine Art Mini-U-Boot, von dem er sich durch das Meer ziehen lässt.

Zwei Versuche muss Böttger unternehmen, bevor die Flucht gelingt. Beim ersten Versuch wird er wegen versuchten „Grenzdurchbruchs“ festgenommen. Am 8. September 1968 gelingt jedoch das waghalsige Unternehmen. Quer über die Ostsee bis zum Feuerschiff „Gedser Rev“ stößt er unter Wasser vor. Zwei Tage später bewundern die ersten bundesdeutschen Beamten Böttgers Fluchtgerät: „Eine Erfindung, so umwälzend wie das Moped oder der Taucheranzug, besser noch: wie beides zusammen“, so urteilt später die Technische Universität Berlin über die Erfindung Böttgers.

Mit einer norddeutschen Firma entwickelt Böttger seine Erfindung bis zur Serienreife. Später kann man sie in James Bond-Filmen bewundern – Böttger hat der DDR gleich ein doppeltes Schnippchen geschlagen.

Spannende Lektüre „Über die Ostsee in die Freiheit“, Christine und Bodo Müller, Delius-Klasing-Verlag, ISBN 978-3-7688-0925-2, 12 Euro