Von der Terrasse des Berliner Klubs Seglerhaus am Wannsee (VSaW) lässt sich das Regattarevier des Vereins gut überblicken. Willy Kuhweide sitzt mit ein paar Weggefährten früherer Tage und seiner Frau in der äußersten Ecke und verfolgt die Rennen der Segel-Bundesliga. Am Wannsee hat für ihn alles angefangen, eine Karriere, die ihn zu einem der bekanntesten Sportler Deutschlands gemacht hat. Kuhweide lebt heute in Arizona, weit entfernt von den Meeren, auf denen der Olympiasieger von 1964 im Finn-Dinghi früher gesegelt ist. Segeln, das war der Sport, der lange seine Tage bestimmt hat.
Berliner Morgenpost:
Herr Kuhweide, haben Sie den Spaß am Leben verloren?
Willy Kuhweide:
Im Gegenteil, ich habe sehr viel Spaß am Leben. Lediglich die Vorzeichen haben sich geändert.
Zu ihrer aktiven Zeit als Spitzensegler haben Sie einmal gesagt, Sie könnten nicht ohne das Segeln leben.
Ich bin mehr als 37 Jahre gesegelt, und zu jener Zeit war es tatsächlich so. Ein Leben ohne Segeln war für mich damals nicht denkbar.
Was hat Ihnen das Segeln bedeutet?
Mir ging es immer allein um sportliche Ziele. Angefangen habe ich auf dem Boot meines Vaters, einem Acht-Meter-R-Boot. Mein Vater hat mir die ersten Schritte beigebracht. Ich war damals fünf Jahre alt. Und von Anfang an war Segeln für mich gleichbedeutend mit Wettkampf.
Und das bedeutete nichts anderes als immer zu siegen?
Ja, am liebsten.
Olympiagold haben Sie im Finn-Dinghi 1964 gewonnen, ein Erfolg, der Sie zu einem der berühmtesten Deutschen gemacht hat. Aber zuerst sind Sie andere Boote gesegelt.
Angefangen habe ich mit einem kleinen Beiboot, das mein Vater hergerichtet hatte. Das war nichts anderes als ein Boot zum Übersetzen für bis zu vier Personen. In diesem Beiboot hat er einen Schwertkasten einbauen lassen, ein Ruder und einen Mast zugefügt, und das war dann mein erstes Schiff. Als Siebenjähriger bin ich in einer Klasse namens „Kücken“ gesegelt, die es heute nicht mehr gibt. Das war ein solides Ein-Mann-Boot. Schon bald danach bin ich als Vorschoter auf das Boot eines sehr erfahrenen und erfolgreichen Seglers gewechselt. Ein Schritt, der sich in der Folge als goldrichtig erwies. Zusammen haben wir sehr viele Regatten gewonnen. Erst danach habe ich angefangen, einen Piraten zu segeln.
Mit dem Sie dann ein Schlüsselerlebnis hatten, das möglicherweise Ihr Leben beeinflusst hat.
Ich erhielt vom Jugendwart des VSaW einen Piraten, mit dem ich dann die interne Klubmeisterschaft gewinnen konnte. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn Favorit war Achim Kadelbach, ein erfahrener und erfolgreicher Segler des Klubs. Damit fing für mich die Karriere im Regattasegeln an. Danach ging es dann Schlag auf Schlag.
Sie wurden Europameister.
Richtig, aber vorher, 1958, habe ich noch die Kieler Woche im Piraten gewonnen. Und zwei Jahre später dann die EM. Ab 1959 bin ich Finn-Dinghi gesegelt und habe damit erneut in Kiel gesiegt.
Wenn Kuhweide von seinen Segelerfolgen spricht, wirkt das so, als ob er gestern noch im Boot gesessen hätte. Seine Karriere hat ihn geprägt, sie lässt ihn bis heute nicht los. Bei seinem Besuch liegt das auch daran, dass sein härtester Gegner früherer Tage, der DDR-Segler Bernd Dehmel, ebenfalls zu Gast im VSaW ist. Die Karriere Kuhweides hing durch die Streitereien zwischen den DDR-Funktionären und Vertreten des bundesdeutschen Sports an einem seidenen Faden. Es hat nicht viel gefehlt, und Kuhweide hätte aufgegeben.
Es gab damals eine gesamtdeutsche Mannschaft, und Sie mussten sich gegen die DDR-Segler, speziell Bernd Dehmel, durchsetzen. Spürten Sie, dass Sie Vertreter der Interessen der Bundesrepublik waren?
Wir waren Teil des Systems. Es war vereinbart worden, dass sechs Boote aus dem Westen und sechs Boote aus der DDR an zwei Ausscheidungsserien gegeneinander segeln sollten, eine vor Warnemünde und eine vor Travemünde. Von den sechs DDR-Seglern waren vier Weltspitze, auf unserer Seite gab es lediglich Bernhard Straubinger aus Bayern und mich, die konkurrenzfähig waren. Ich ahnte vor diesen Ausscheidungsrennen schon, dass etwas sehr Schwieriges auf mich zukommen würde.
Sie waren noch sehr jung.
Ich war 21. Bei den Ausscheidungsrennen bestätigten sich meine Vorahnungen: Die DDR-Segler veranstalteten ein Team-Segeln gegen mich. Das war verboten. Sie haben mich abgedeckt, sodass ich keine Chance hatte. Wem sich einem von den DDR-Seglern die Möglichkeit bot, der blockte mich. Ich habe dann Protest eingelegt, der schließlich vor dem Internationalen Segler-Verband in London verhandelt wurde.
Aber zunächst standen die Rennen vor Travemünde noch an.
Wo genau das Gleiche passierte wie vor Warnemünde. Sie haben mich geblockt und mir keine Chance gelassen. Ich habe mir damals gesagt: Das ist kein Segeln, das muss ich nicht haben, und habe nach der dritten Regatta aufgehört. Olympia war zu diesem Zeitpunkt für mich abgehakt. Mein Boot habe ich nach der dritten Regatta vor Travemünde winterfest gemacht und verpackt. Mitten im Sommer. Meine westdeutschen Seglerkollegen schlossen sich an.
Kuhweide ist nur für ein paar Stunden in Deutschland zu Besuch. Im Gepäck hat er seine beiden Olympiamedaillen, die er nun dem VSaW überlässt. Wir unterbrechen das Gespräch, Kuhweide wird zum Fotoshooting gebeten. Hinter ihm zeigt eine Tafel den Moment seines größten Erfolges. Ein Boot will der 71-Jährige nicht besteigen, nicht einmal für ein Foto. Es ist fast so, als ob er Sorge hat, dass ihn die Gefühle überwältigen könnten.
Wie sind Sie mit diesen Ereignissen zurechtgekommen?
Tränen habe ich nicht vergossen, aber es war demoralisierend. Es war einfach nicht fair, wie es gelaufen war. Für mich war es ein emotionaler Tiefschlag.
Haben Sie daran gedacht aufzugeben?
Dazu kam ich nicht. Vom Deutschen Segler-Verband wurde ich bald darauf aufgefordert, bei den Europameisterschaften vor Kopenhagen teilzunehmen. Dort waren jeweils nur zwei Segler pro Nation zugelassen. Ein Teamsegeln zu zweit ist aber nicht möglich. Also habe ich mein Boot wieder ausgepackt, bin da hingefahren – und habe gewonnen.
Wer hat dafür gesorgt, dass Sie zu den Spielen mit nach Tokio fuhren?
Ich wurde vom NOK aufgefordert mitzukommen. Das Hickhack ging in Tokio aber weiter. Die Spiele hatten begonnen, die gesamtdeutsche Mannschaft hatte bereits die ersten Medaillen gewonnen, und ich wusste immer noch nicht, wie es weitergehen sollte.
Die Segler der gesamtdeutschen Mannschaft waren inzwischen zu einem internationalen Sportpolitikum geworden, wie hat das IOC reagiert?
Es wurde eine internationale Jury angerufen, und die entschied, dass zwischen dem DDR-Segler Bernd Dehmel und mir in Japan Ausscheidungsregatten gefahren werden sollten. Aber Dehmel ist dazu nicht angetreten. Die Entscheidung, dass ich die olympischen Regatten segeln durfte, wurde mir eine halbe Stunde vor der ersten Finn-Regatta mitgeteilt. Die Entscheidung fällte der damalige IOC-Präsident Avery Brundage.
Können Sie sich selbst erklären, warum Ihr Name heute, 50 Jahre nach dem großen Sieg, vielen immer noch ein Begriff ist?
Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der Gewinn einer Goldmedaille durch einen deutscher Segler damals 28 Jahre zurücklag. Deutschland hat lange darunter gelitten, dass es zwar gute Platzierungen gab, aber keine Medaillen.
Oder lag es eher an den Begleitumständen mit einer politisch brisanten Lage? Ihr Boot soll bewacht worden sein, weil DDR-Funktionäre es angeblich verschwinden lassen wollten.
Ja, das war so. Es standen japanische Wachmänner vor den Lagerhallen, die rund um die Uhr aufgepasst haben.Kuhweide erinnert sich an jedes Detail von Olympia 1964. In seinen Augen ist zu erkennen, wie aufwühlend jene Tage für ihn waren und es bis heute sind. Er ist heute 72, aber er wirkt so jugendlich, dass man ihm zutrauen würde, wieder Regatten zu segeln. Aber Kuhweide spielt heute Golf. Handicap 18, er ist Bogey-Golfer und zufrieden damit. Er lebe in Arizona, und das sei ein Golfparadies.
Wie verlief der Empfang in Berlin?
Im Stil war es ähnlich wie nach der Fußball-WM dieses Jahr. Über 20 Kilometer vom Flughafen Tempelhof bis zum VSaW waren die Straßen bei einem Autokorso von jubelnden Menschen gesäumt. Es waren Hunderttausende. Das war ein sehr emotionaler Moment. Geweint habe ich aber nur einmal: Als ich die Goldmedaille bekam. Da konnte ich die Tränen einfach nicht mehr halten.
Was hat die Magie des Seglers Willy Kuhweide ausgemacht? Was konnten Sie besser als Ihre Konkurrenten?
Ich habe das Segeln nie erlernt, ich bin damit aufgewachsen. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ein anderer Grund ist mir erst viele Jahre später aufgefallen, auf dem Golfplatz, als ich längst nicht mehr gesegelt bin: Golfer werfen oft ein paar Grashalme in die Luft, um die Windrichtung und Stärke des Windes festzustellen. Ich brauche das nicht, ich spüre es auf meiner Haut. So konnte ich intuitiv auch kleinere Winddreher sofort umsetzen.
Warum sind Sie nach Ihrer Karriere nie wieder in ein Boot gestiegen?
Für mich spielte mein Beruf als Pilot eine immer wichtigere Rolle. Mitte der 80er-Jahre wurde ein Schulleiter für die Lufthansa-Flugschule in Arizona gesucht. Meine Frau und ich sind 1986 schließlich in die USA gezogen. Meine letzte Regatta bin ich 1987 auf dem Starnberger See gesegelt, ich wurde Dritter. Für mich war dann dieses Kapitel meines Lebens beendet.
„Der Spiegel“ hat über Sie einmal geschrieben, Ihr Nimbus sei ähnlich wie der von Uwe Seeler. Ist Ihnen Ihr Stellenwert immer bewusst gewesen?
Ich habe mich in einem völlig anderen Umfeld bewegt. Ich war lupenreiner Amateur. Wenn ich am Freitagabend in Hamburg um 23 Uhr nach einer Mittelstreckentour von mehren Tagen gelandet war, habe ich mich am nächsten Morgen mitunter morgens um sechs Uhr mit meinen Vorschotern in Kiel getroffen, um das Boot für die erste Regatta der Kieler Woche vorzubereiten.
Wann haben Sie Ihren letzten Passagierflug als Kapitän gemacht?
Das war 2002, kurz bevor ich 60 Jahre alt wurde. Das war damals die Altersgrenze. Ich habe das Flugzeug abgestellt und die Checklisten gelesen. Dann habe ich ein kurzes Gebet gesprochen, in dem ich mich für 37 Jahre unfallfreies Fliegen bedankt habe, bin ausgestiegen und bin seitdem nie wieder selbst geflogen.

