In der Tat: Folkeboote sind eher für ruhige Ausfahrten bekannt, Schneider aber führt das Boot nun bis an seine Grenzen und geht noch höher an den Wind.

Auf der Scharfen Lanke in Spandau weht es dafür genau richtig - es herrscht Windstärke drei bis vier. Der zweite Mann an Bord des Folkeboots ist Eigner Günter Dörband: Er bedient normalerweise das Vorsegel, nun aber liegt er an Deck und lässt eine Hand durchs Wasser gleiten. Gemeinsam mit Schneider bildet er zusammen mit dem Berliner Frank Thieme, der bei der kleinen Ausfahrt heute nicht dabei ist, seit fünf Jahren ein erfolgreiches Folkeboot-Team: Vor wenigen Wochen gewannen die drei Segler den Goldcup vor Travemünde. Die Segler des Spandauer Yacht-Clubs setzten sich auf der Jagd nach dem Pokal aus Gold gegen 61 Schiffe aus sechs Nationen durch.

Klare Aufgabenteilung an Bord

An Bord gibt es hierfür eine klare Aufgabenteilung: Stefan Schneider ist für das Steuern des Bootes zuständig, Günter Dörband bedient alle Leinen und Schoten, und Frank Thieme sucht nach dem richtigen Wind. Er nahm im Jahr 2000 in Sydney an den Olympischen Spielen teil, wurde achtmal Deutscher Meister in unterschiedlichen Bootsklassen und Dritter bei der Europameisterschaft im 470er. Wenn jemand, das Gespür für den richtigen Wind hat, dann der Bankangestellte. Was genau das Erfolgsgeheimnis der kleinen Troika ist, lässt sich bei der Ausfahrt auf der Scharfen Lanke dennoch nicht ergründen: "Regelmäßiges Training ist es jedenfalls nicht", erklärt Dörband schmunzelnd. "Wir segeln nur aus Spaß und freuen uns über die Erfolge." Das klingt fast zu unglaublich, um wahr zu sein: Im vergangenen Jahr wurden die drei zusammen schließlich Berliner Meister und Vize-Weltmeister im Folkeboot, dieses Jahr Weltmeister und Deutscher Meister. Mit dem Sieg des Goldcups, der inoffiziellen Weltmeisterschaft der Folkeboote, haben sie nun das höchste Ziel erreicht. Doch Dörband sagt: "Segeln muss Spaß machen, dann kommt der Erfolg von allein."

Dass sich das Folkeboot ganz wunderbar als Fahrtenboot, aber auch für die Regatta eignet, will Schneider unterstreichen: "Dass Boot hat zwei Gesichter. Mit Kajüte ausgestattet, kann man mit ihm schöne Ausfahrten unternehmen, bei denen bis zu vier Personen mitfahren können. Durch die schwere Kielbombe kann man mit dem Folkeboot aber auch sehr sportlich segeln." Sagt's und fährt zum Beweis gleich noch eine Wende, bei der Schneider das Boot fast auf den Punkt in die entgegengesetzte Richtung dreht.

Wichtig für schnelles Segeln: An Bord muss alles genau eingestellt sein. Wanten sowie Vor- und Achterstag, das sind Seile, die den Mast mit dem Rumpf verspannen, müssen genau austariert sein, um den Mast etwa in die eine oder andere Richtung leicht zu verbiegen, um so wiederum die Segel genau nach dem Wind auszurichten. Diese Technik ist es, die viele Eigner eines Folkeboots fasziniert - auch Günter Dörband, einen Ingenieur im Ruhestand: "Ich segele seit meinem siebten Lebensjahr, hatte zum Beispiel Jollenkreuzer. Aber das Folkeboot ist für mich das schönste Boot, das ich bislang hatte."

Berlin hat die größte Flotte

Mit seiner Meinung ist Günter Dörband nicht allein: Rund 4500 Folkeboote gibt es in Europa, Berlin stellt die größte Folkeboot-Flotte: 16 Folkeboot-Regatten gibt es pro Jahr allein in der Hauptstadt. Da es sich beim Folkeboot dennoch um keine olympische Bootsklasse handelt, geht es ruhiger zu als etwa bei den 470ern oder den Lasern. Auch dieses Wochenende findet wieder eine entsprechende Regatta statt: Die bei Schwanenwerder beheimatete Seglervereinigung SV 03 veranstaltet seit über 40 Jahren regelmäßig Regatten für Folkeboote und richtet in diesem Jahr die Berliner Meisterschaft aus. "Wir erwarten 31 Boote mit jeweils drei Teilnehmern", erklärt Sportwart Thomas Strasser. Sogar von der Ostsee kommen Segler. "Für die Berliner Folkeboot-Segler ist dies ein Höhepunkt des Jahres." Schneider, Dörband und Thieme sind auch dabei. Allerdings steht nicht fest, dass sie die Regatta gewinnen werden.

"Das Folkeboot braucht eigentlich Wind aus einer Richtung. Auf den Berliner Gewässern dreht der Winde aber pausenlos", erklärt Schneider. Selbst wenn es nicht klappen sollte: Den größten Erfolg, den Sieg des "Goldcups", kann ihnen zumindest für dieses Jahr ohnehin niemand mehr nehmen: "Der Pokal besteht aus einem Kilogramm echtem Gold", sagt Dörband. Derzeit ist der Wanderpreis in einem Tresor verwahrt. "Sechs Mal muss man den Goldcup gewinnen, dann darf man die Trophäe behalten", weiß der 69-Jährige. "Da haben wir noch etwas vor."