Es gibt vieles, was ein langfristig organisierter Veranstaltungsbetrieb so gar nicht mit der freien Kunstszene gemein hat: bindende Verträge, mit vielen Ansprüchen gesegnete Musiker, ein Publikum mit klarer Erwartungshaltung, Struktur. Das musste Simon Salem Mueller erst richtig lernen, als er 2013 begann, das vorrangig mit guter Popmusik gefüllte Programm im Grünen Salon zu kuratieren und seitdem kontinuierlich fortzuentwickeln. Als studiertem freiem Künstler hat ihm sein Expertenwissen in puncto Performance und Raumkonzepten dabei aber trotzdem bestens geholfen, dem Salon ein Profil zu geben und ihn als Wohlfühlort für Musikbegeisterte zu positionieren.
Wie so oft war es kein geradliniger Weg, der Simon S. Mueller, wie er sich schreibt, auf die Position des Programmkurators geführt hat. Aufgewachsen ist der gebürtige Thüringer in Oberfranken, er hat Theater gespielt, freie Kunst in Weimar studiert, sich mit Fotografie beschäftigt und später in diversen künstlerischen Projekten intermediale Ansätze verfolgt. Dabei galt sein spezielles Interesse früh dem Bereich der Performance. Womit bereits der Bogen zum Grünen Salon geschlagen ist.
Das Flair der 20er-Jahre
Denn der Grüne Salon ist nicht einfach nur irgendein Club. Das Ambiente hebt sich wohltuend ab von dem verbreiteten Clubcharme, der auf eine Mischung aus schwarzen Wänden, Baustellenflair und kühler Hipness setzt. Mit Parkettboden, Spiegelpaneelen und augenfälligen ovalen Jugenstil-Deckenlampen ist der aparte Grüne Salon das ganze Gegenteil, atmet das Flair der goldenen 20er-Jahre. Ein Konzertflügel steht auf der Bühne, die Wände sind mildgrün gestrichen, die grünen Polstermöbel fordern mondäne Posen in adretter Kleidung geradezu heraus.
Der im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Krieg in den 50er-Jahren entstandene Erweiterungsbau an der Ostseite der Volksbühne – das Pendant auf westlicher Seite ist der Rote Salon – wurde ursprünglich als sogenannter Erfrischungsraum für Theatergäste und Künstler genutzt; verglaste Flügeltüren verbinden den Saal daher mit dem großen Haus. „Die Bands kommen hier rein, sehen diesen Salon mit den riesigen Kronleuchtern und sagen nur ‚Wow!’“, erzählt Mueller. Doch auf diesen Effekt allein kann er sich noch nicht verlassen.
Damit ein Konzertabend rund wird, müsse die Musik auch aufgehen in dem speziellen Ambiente, führt er fort. „Man hat immer den Raum vor Augen, ich kann nur Bands engagieren, die hier hineinpassen.“ Das ist der Kern von Muellers Philosophie. Wie viel er von gelungenen Performances und Raumnutzungskonzepten versteht, zeigt sich an dieser Stelle deutlich.
Einerseits gibt es Dinge, „zum Beispiel Metal-Bands“, die einfach nicht in den Grünen Salon gehören. Andererseits ist sein Programm deswegen noch lange keine stilistische Einbahnstraße. „Was ich möchte sind schlicht Künstler, die authentisch sind“, sagt Mueller, „Menschen, bei denen Leben und Werk eine Einheit bilden.“ So wie bei seinen Lieblingskünstlern Marina Abramović, Allan Kaprow oder Christoph Schlingensief. Aus den im Überfluss eingehenden Anfragen von Musikern, die in dem rund 200 Personen fassenden Saal einmal auftreten wollen, generiert Mueller rund die Hälfte des Programms. Darüber hinaus geht er selber auf interessante Acts zu und informiert sich laufend über aktuelle Trends.
Viele Sänger und Songschreiber gastieren im Grünen Salon, darüber hinaus reicht das Programmspektrum von Sängerinnen wie der in der Post Punk-Ära groß gewordenen Anne Clark, über Shooting Stars wie die blutjungen kubanischstämmigen Zwillinge von Ibeyi bis hin zum niederländischen Lautenspieler Jozef van Wissem, der unter anderem Soundtracks für Jim Jarmusch lieferte. „Der spielt einfach nur Laute, aber damit füllt er den Salon bis obenhin mit Seligkeit“, schwärmt Mueller. Und nur wenn das geschieht, ist Mueller glücklich.
Obwohl seine Arbeit im Grunde längst getan ist, sobald das Publikum in den Saal strömt, ist der Salonkurator bei fast allen wichtigen Veranstaltungen und Konzerten vor Ort und hält sich zur Verfügung. Denn „Chaos gibt es immer“ und auch dabei kommen ihm seine Erfahrungen als freier Medienkünstler sehr zupass. „Herausforderungen wie die, um drei Uhr nachts bei Minusgraden auf freiem Feld einen Beamer einzurichten, sind mir von früher nicht fremd. Solcherlei Praxis hilft mir heute bei dem, was ich im Grünen Salon tue“, sagt Mueller. „Ich kann mich hineinversetzen in die Probleme des Tontechnikers, weiß, warum das Licht nicht stimmt und verstehe, was die Barkräfte wollen.“
Lesungen und Salsadisko
Livemusik ist zwar das Hauptgeschäft, aber nicht das einzige, was auf dem Plan steht. Ein Gutteil der Abendunterhaltung wird mit Events wie Lesebühnen, Podiumsdiskussionen, Stummfilmvorführungen und nicht zuletzt mit regelmäßigen Tanzveranstaltungen wie zum Beispiel einer Salsadisko bestritten. „Bei der Berlinale sind wir dabei, es gibt Buchvorstellungen oder mal ein Forum der Ärzte ohne Grenzen.“
Was das Publikum angeht, braucht Mueller einen guten Riecher. „Rings um den Standort Volksbühne wandelt sich unheimlich viel, Stichwort Gentrifizierung. Aber Wandel ist Alltag und auch eine künstlerische Herausforderung.“ Noch lange zufriedene Gäste nach Hause schicken zu können ist wohl auch eine gern in Betracht gezogene persönliche Zukunftsperspektive: „Die Leute kommen hierher, um ihre Freizeit zu verbringen, um Musik zu genießen, sich zu entspannen oder Meinungen zu hören – das ist die schönste Arbeit, die man heutzutage machen kann.“
Grüner Salon in der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Tel. 24 00 93 28, www.gruener-salon.de

