Kulturmacher

Das Künstlerdorf in Wedding

In den Ateliers der UferHallen etabliert sich eine Kunstszene. Sie soll dem Ortsteil neue Impulse verleihen. Vorbild für Ulf Wetzka und Wolfgang Weber ist ein Projekt in Peking

Es ist Vormittag, aber die Uhr am Eingang steht auf kurz vor vier. Ulf Wetzka erklärt: „Bei uns ist es immer kurz vor vier. Das bleibt auch so.“ Die Uhr ist ein Relikt aus vergangenen Tagen, als die Hallen noch Hauptwerkstatt der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) waren. Davor dienten sie erst als Betriebshof für die Berliner Pferdeeisenbahn, dann für Straßenbahnen. 2006 verließ die BVG den Standort, und das insgesamt 38.000 Quadratmeter große Gelände war verwaist. Irgendwann dann muss auch die Uhr stehen geblieben sein. „Bei kurz vor zwölf hätten wir vielleicht etwas unternommen“, sagt Wolfgang Weber lachend.

Ulf Wetzka, 54, und Wolfgang Weber, 63, sind die Vorstände der UferHallen AG. Mit der BVG hat die kaum noch etwas zu tun. Nur so viel, dass der alte Industriecharme erhalten geblieben ist, mit der stehen gebliebenen Uhr, mit alten Schienen in der Halle und einem alten Bus auf dem Hof, der vom Café „Pförtner“ genutzt wird. Mehr Bezug gibt es zu Peking, denn das dortige Kunstzentrum „798“ diente als Vorbild für das Konzept der UferHallen an der Uferstraße 8-11. So wie auf dem ehemaligen Fabrikgelände am Stadtrand der chinesischen Hauptstadt seit 1995 ein riesiges Areal mit Ateliers, Museen und Veranstaltungsorten entstanden ist, so sollte auch mitten in Wedding eine neue Kulturinsel entstehen – wenn auch viel kleiner.

Mietverträge über 25 Jahre

Mit dieser Idee übernahmen 2007 kunstaffine Großaktionäre das Gelände von der BVG, gründeten die UferHallen AG und begannen, die Räume an Künstler zu vermieten. Aber wie bekommt man die nach Wedding? Das sei nicht schwierig gewesen, erklärt Weber. Es wurden Mietverträge über 25 Jahre abgeschlossen, die nur dem Mieter eine dreimonatige Kündigungsfrist einräumten. „Und die Miete liegt deutlich unter dem, was sonst zu haben ist“, verrät Weber. Dafür sollten die Künstler die Räume selbst zu Ateliers umgestalten. „Aber bitte nicht schreiben, wie niedrig die Miete ist, sonst stehen die Leute bis zur Osloer Straße Schlange.“

Das Schlangestehen lohnt aber ohnehin nicht, weil kaum etwas frei wird. Die 70 Ateliers seien vermietet, Fluktuation gebe es kaum. Auch über Berlins Grenzen hinaus gab es Anfragen von Künstlern, die eine dauerhafte Bleibe zum Arbeiten suchten. Die meisten sind aber aus Berlin, viele von der Kunsthochschule Weißensee. Studenten genauso wie ihre Professoren. Die Sesshaftigkeit in den UferHallen liegt vielleicht auch daran, dass viele Künstler inzwischen selbst Anteilseigner des Geländes sind. Die Idee dazu hatte der erste Vorstandsvorsitzende Hans-Martin Schmidt. Er ließ Künstler jeweils 25 Aktien gestalten, insgesamt waren es mehr als 3000. Jeweils eine Aktie durften die Beteiligten dann behalten und wurden so zu Kleinaktionären der UferHallen AG. Die Kunstaktien wurden auch vor Ort ausgestellt.

Es war eine der wenigen Aktionen, mit der sich die Künstler auf dem Gelände einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt haben. Die Künstler in den UferHallen würden gern in Ruhe arbeiten, betont Ulf Wetzka, schließlich seien die Räume in erster Linie ein Produktionsstandort und kein Showroom. Das sei wie in einem guten Hotel: Da würde man ja auch nicht verraten, was sich hinter den Zimmertüren so alles abspielt und wer hier eincheckt. Wer aber in den Hof schaut, kann manchmal einen Blick auf ein Kunstwerk erhaschen, das hier entstanden ist. Auf eine riesige Skulptur vielleicht, die einige Wochen später in einem großen Museum der Welt ausgestellt wird. Gefertigt werden viele Skulpturen auf dem Gelände in der Werkstatt „Sculpture Berlin“, wo Entwürfe anderer Künstler umgesetzt werden. Zum Beispiel vom Aktionskünstler John Bock, dessen Werke schon auf der Documenta und heute überall auf der Welt gezeigt werden. „Die Künstler befruchten sich hier gegenseitig“, erklärt Wolfgang Weber, „das geht hier zu wie in einem Künstlerdorf.“

Ein Dorf freilich mit internationalem Einschlag. Und der soll noch stärker werden, wenn die 2500 Quadratmeter große ehemalige Wartungshalle endlich zu einem ständigen Ausstellungsort umfunktioniert wird. Noch können hier nur kleinere Veranstaltungen wie die Konzerte des Piano Salon Christophori stattfinden. Für größere Personengruppen muss immer eine Sondergenehmigung beantragt werden, denn es fehlt die Versammlungsstättengenehmigung, wie es im Amtsdeutsch heißt. Ursache ist der mangelnde Brandschutz. Klingt wie ein Witz aus dem Noch-Nicht-Hauptstadt-Flughafen. Aber die UferHallen AG ist da schon weiter als der BER. Im kommenden Jahr jedenfalls soll alles auf den Weg gebracht werden, versichert Weber.

Der Ortsteil ist im Kommen

Er träumt schon von großen internationalen Ausstellungen. Zusammen mit den gegenüberliegenden Uferstudios, die sich dem zeitgenössischen Tanz widmen, könnte dann ein einzigartiges Kulturzentrum entstehen. Dazwischen gibt es noch das Café „Pförtner“, ein Treffpunkt für die Künstler vor Ort, dessen Küche sich aber längst über die Uferstraße hinaus einen guten Ruf erkocht hat.

Das könnte dem Ortsteil im Bezirk Mitte neue Impulse geben, hofft Weber. Eigentlich wundert es ihn ohnehin, dass Wedding „so stiefmütterlich behandelt wird“. Dabei hieß es schon vor 40 Jahren, als der Bankkaufmann seine erste Bleibe in Wedding fand, der Kiez sei im Kommen. „Dann kam erst Prenzlauer Berg, danach Friedrichshain, schließlich Kreuzkölln. Aber der Wedding ist immer noch im Kommen“, nur brauche es hier vielleicht ein wenig länger. Das sei für die Künstler auch gut, betont Wetzka. Er lebt seit 28 Jahren in Berlin, hat Ausstellungen kuratiert und eine Galerie geführt. Gerade beobachtet er, wie Künstler in Kreuzberg durch die rasante Entwicklung verdrängt werden. Künstler in Wedding haben es da leichter.