Während eine Ausstellung im Treppenhaus die 61-jährige wechselvolle Geschichte der „Distel“ bebildert, sind die Büroräume im zweiten Stock des traditionsreichen Kabarett-Theaters an der Friedrichstraße modern und gesichtslos. Doch Dirk Neldner, seit 2010 Geschäftsführer der Satirebühne, kennt alle Geschichten, die sich rund um das Haus, den legendären Admiralspalast, ranken.

Eine seiner liebsten stammt aus jener Ära, als das Gebäude noch den DDR-Presseclub beherbergte: „Manfred Krug hatte einem seiner Schauspielkollegen Prügel angedroht. Der kletterte daraufhin die Gardinen hoch. Krug wiederum griff sich einen Stuhl, machte es sich bequem und feixte: ‚Du kommst da auch irgendwann wieder runter‘.“

Nicht ohne Witz erzählt der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1958, auch von der Zeit nach der Wende, als René Kollo hier der letzte Intendant des Metropol-Theaters war. Der Star-Tenor hatte ein schickes Büro mit eigenem Badezimmer. Genützt hat es nichts. Kollo scheiterte und die Operettenbühne schloss 1998 ihre Pforten für immer. „Es ist ein Dilemma, dass es für den Intendanten-Job keine Ausbildung gibt. Das wäre durchaus von Vorteil, wenn man ein großes Haus leitet und mit Steuergeldern umgeht“, findet Neldner.

Er selbst ist zwar Kulturmanager, würde aber kein größeres Haus als die Distel wollen. „Dazu muss man ein spezielles Ego und eine bedeutend höhere Leidensfähigkeit haben“, sagt er. Dabei ist seine Aufgabe durchaus anspruchsvoll: Als Geschäftsführer ist der Hanseat schließlich für alles verantwortlich. „Ich bin oberster Dienstherr von allen“, sagt er. Kennen tun ihn allerdings die wenigsten Kabarett-Fans, denn er zieht die Strippen im Hintergrund.

Zufällig Manager

Zur Kultur gekommen ist Dirk Neldner durch Zufall. Sein Vater hatte eine Werbeagentur in Hamburg. Direkt daneben lag das „Theater im Zimmer“. „Ich fand es dort immer aufregender als in der Agentur. Als Jugendlicher war für mich klar: Da will ich hin“, erinnert er sich. Das kleine Theater hatte aber ein Problem: Es spielte vor wenigen Zuschauern und Neldner erkannte früh, dass künstlerischer Anspruch allein keinen Erfolg brachte. „Daraus entwickelte sich mein Berufswunsch: Ich wollte Kulturmanager werden, bevor es Kulturmanager gab.“

Er ging zum Studium nach Berlin und klapperte gleichzeitig die Theater ab, fragte an, ob die nicht einen Kulturmanager bräuchten. Ende 1981 stieg er beim „Jungen Theater“ in Kreuzberg ein, blieb fast neun Jahre. Dann kam die Wende. In Ost-Berlin suchte man Köpfe, die wussten, wie die Theater wirtschaftlich funktionierten.

So kam Neldner ans Theater an der Parkaue. Er gestaltete den Übergang in den Westen, sorgte für Chancengleichheit. Für Neldner eine enorm spannende Zeit, in der er auch die Schwierigkeiten des Zusammenwachsens von Ost und West erlebt hat. „Ohne diese Erfahrungen hätte ich an der Distel gar nicht anzutreten brauchen“, sagt er.

Heute sieht er seine Hauptaufgabe darin, das Haus im Berliner Entertainmentangebot zu positionieren. Wie allen Kabarettbühnen mangelt es auch der Distel an jungem Publikum. Dirk Neldner hat deshalb vor zwei Jahren das Studio initiiert. Hier kann der interessierte Satire-Nachwuchs Programme entwickeln, schreiben und auf die Bühne bringen. Der Fokus liegt dabei auf den Sehgewohnheiten der Generation „20 plus“. Neldner hofft, dass der Marken-Name seiner Distel dadurch bei jungen Zuschauern und Kreativen genauso positiv besetzt sein wird wie beim klassischen Kabarettpublikum, den Besuchern über 40 Jahren also.

Wo die Macht sitzt

Auch auf der großen Bühne setzt man seit langem auf eine moderne Form der Satire, jedoch behutsamer. Man will schließlich die Stammzuschauer nicht vergraulen. Nach wie vor steht Ensemble-Kabarett auf dem Programm, allerdings deutlich verjüngt mit frischen Gesichtern, zeitgemäß arrangierter Musik und bissigen Gags.

Der Mix kommt an. Bei Berlinern und Touristen. „Es ist unheimlich charmant, mitten im Zentrum zu sein, wo die Leute vorbeigehen und man quasi nur den Eingang putzen muss, um gesehen zu werden“, umschreibt Neldner den erfolgreichen Kurs mit nordischem Understatement.

Für ihn ist die prominente Lage der Distel aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen einfach ideal: „Mitte ist der Bezirk, in dem die Macht sitzt. Die würde ich gar nicht mal in Kanzleramt und Reichstag verorten, sondern in den Verbänden und Lobby-Instituten, die versuchen, sich den Staat zu eigen zu machen. Die sind alle um unser Haus platziert.“

Das Kabarett hat für Dirk Neldner natürlich einen politischen Auftrag. Er ist überzeugt: „Wir können das am direktesten umsetzen. Wir brauchen keine Umwege und verlieren keine Zeit, um unseren Blick auf die Welt pointiert zu übermitteln.“

Dass die Distel dafür keine Subventionen erhält, findet er gut: „Es ist für mich schwer vorstellbar, dass man, die Hand, die einen füttert, verballhornt.“ Er sieht sein Haus vielmehr als „Hygiene-Einrichtung der Demokratie“.

Nicht nur für die Berliner-Kabarettlandschaft setzt sich Dirk Neldner ein. Auch in seiner Freizeit geht nichts ohne Kultur. Dann kümmert er sich um das internationale Netzwerk der Jugendtheater, bringt die Ensembles zusammen und schickt Projekte auf Reisen.

Wirklich zur Ruhe kommt er nur zu Hause, daheim in Friedrichshagen. Er genießt das Beschauliche des idyllischen Bezirks am Müggelsee und sagt: „Das ist für mich der Ort, an dem ich Kräfte bündele, Entspannung und Anregung finde. Ich weiß ja, am nächsten Tag geht es zurück nach Mitte. In den Großstadttrubel.“