07:15 „H12 2H ist vollständig angetreten“, hallt es am frühen Morgen durch das Treppenhaus. Die Sprache der Polizei besteht aus vielen Abkürzungen. „H12 bedeutet, dass die Auszubildenden im Herbst 2012 ihre Ausbildung bei der Polizei begonnen haben“, erklärt Praxisausbilder Rainer Dannat. Die 2 stehe für Azubis und das H für den achten Buchstaben im Alphabet. Die angehenden Polizeimeister seien dem entsprechend im achten Zug.
07:20 Das morgendliche Antreten vor Unterrichtsbeginn dient der Absprache von Dienstplanänderungen und Krankmeldungen. Dann liest Azubi Yasin Cil seinen Kollegen die Polizeimeldungen der vergangenen Nacht vor: Messerstechereien, Diebstähle, Einbrüche sowie Stein- und Flaschenwürfe auf Beamte im Einsatz. Ein Ausblick auf das, was die Auszubildenden später im Dienst erwartet. „Noch Fragen?“, ruft der Ausbilder. „Nüscht“, lautet die gebrüllte Antwort. Eine Etage tiefer singen Polizeischüler einem Kollegen ein Geburtstagsständchen. Der Tag in der Polizeischule hat begonnen.
07:55 Einer der Ausbilder erinnert sich noch an seine Lehrzeit bei der Polizei. Bis 1988 hätten die Polizeischüler noch in der Kaserne schlafen müssen. Spätestens um 23 Uhr mussten alle auf ihren Stuben sein.
08:00 Ein Polizeischüler zieht Krähenfüße aus Metall aus einer Tasche, danach eine Schutzbrille und eine Gesichtsmaske. Es ist Unterricht, und im Klassenzimmer folgen die Schüler den Erklärungen des Lehrers. Die Gegenstände aus dem Umhängebeutel wurden theoretisch bei der Durchsuchung eines Demonstranten an der Absperrung zu einer Versammlung gefunden. Thema des Unterrichts ist das deutsche Versammlungsrecht. Gemeinsam bewerten die Auszubildenden die Gegenstände. Sie diskutieren, ob die Metallklammern und die Maske gegen geltendes Ordnungsrecht oder das Versammlungsrecht verstoßen würden.
08:40 Rauchpause. Nach einem ersten Block Theorie drehen sich die Gespräche um Beweismittel und Beschlagnahmung. „Sicherheits- und Ordnungslehre ist das Fach, das mir am meisten liegt“, sagt Dominique R. „Paragraphen auswendig lernen fällt mir nicht schwer und macht Spaß.“ Ihre Kollegin Julia J. erklärt ihren Wunsch, eine Ausbildung bei der Polizei zu machen mit ihrem „ausgeprägten Rechtsbewusstsein“.
09:10 Zwei junge Frauen tragen ihre Schutzausrüstung quer über den Parkplatz zu ihren Privatfahrzeugen. „Wir haben an einem Führungs- und Einsatz-Lehrseminar teilgenommen“, sagen die 34- und 32-jährigen Frauen. „Diese zehnwöchige Weiterbildung muss man machen, um vom mittleren Dienst in den gehobenen Dienst aufsteigen zu können.“
09:15 Es regnet. Wer Pause hat, geht in die Kantine. Unter den Vordächern an den Gebäuden stehen die Raucher beisammen. Hätten nicht alle Anwesenden ein Uniform an, würde sich das Bild von einem anderem Berufsschulbetrieb durch nichts unterscheiden. Auf den Wegen kommen „Schulklassen“ im Gleichschritt entgegen.
09:25 Die 30 Minuten Pause sind fast um. Wie immer war es ein Wettlauf gegen die Uhr, denn die Pause dient nicht nur der Erholung. „Die halbe Stunden muss zwischen Schulunterricht und einer praktischen Übung als Rüstzeit genutzt werden“, sagt einer der angehenden Polizeimeister. „Für die kommende Übung müssen wir unsere komplette Schutzausrüstung in den Pausenzimmern anlegen.“ Mehr als 20 Kilogramm würden alle Teile der Schutzkleidung im Ernstfall insgesamt wiegen, heißt es. Für die praktische Übung „Aufzugsfanbegleitung“ trage man jedoch nicht die komplette Ausrüstung.
10:10 Vor der Ausbildungswaffenkammer hat sich eine lange Schlange gebildet. Dort werden die Azubis mit Schlagstöcken, Handfunkgeräten und den Dienstwaffen ausgestattet. „Ich bin ein Quereinsteiger und in diesem Jahrgang der älteste Auszubildende bei der Polizei“, berichtet Torsten Brockmann. Der 32-Jährige habe sich auf einen Tipp seiner Cousine hin bei der Polizei beworben. „Ich war selbstständig, und das hat nicht funktioniert. Da dachte ich mir, ich kann es ja mal versuchen.“
11:00 H12 2H tritt in Schutzkleidung auf einem Parkplatz auf dem Gelände der Landespolizeischule an. Plötzlich stehen Vermummte den Auszubildenden gegenüber. „Legen Sie sofort Ihre Vermummung ab, sonst wird die Versammlung beendet“, schallt es aus einem Lautsprecher. „Helm auf“, knarzt es aus den Funkgeräten. Dann geht alles ganz schnell. Eine Person wird festgehalten und zu Boden gebracht. Applaus. Die Polizisten helfen dem Vermummten wieder auf die Beine. Alle stellen sich im Halbkreis auf. „Vielen Dank an die professionellen Störer und Demonstranten“, heißt es. Das waren angehende Polizeimeister. Dann folgt die Kritik an der Übung „Aufzugsfanbegleitung“.
14:00 Der Waffen- und Gerätewart Polizeioberkommissar Jürgen Jasyk packt mit seinem Kollegen die schriftlich angeforderten Ausrüstungsgegenstände zusammen. Pistolen (P6), Digitalfunkgeräte, Handmikrofone, Feuerlöscher und Feuerdecken. Am Abend werden alle Gegenstände nach der Rückgabe in der Ausbildungswaffenkammer auf ihre Vollständigkeit überprüft.
16:30 Diplom-Sportlehrer Andreas Senger ist ein Hüne von einem Mann. Er hetzt die Azubis ohne Anflug von Gnade mit stoischem Gesichtsausdruck in der Turnhalle über einen Hindernisparcours, bis sie außer Atem sind. Dann müssen sie versuchen, mit zittrigen Händen die Pistole, die P6, auseinander- und wieder zusammenzubauen. Die Feinmotorik nach einer Belastung soll trainiert werden.
17:45 „Schieße ich oder schieße ich nicht?“, sagt Polizeihauptkommissar Peter Vater. „Diese Frage muss der Azubi am Ende seiner Ausbildung je nach Situation eigenverantwortlich entscheiden.“ Auf dem Schießstand wird das Schießen und der richtige Umgang mit der Waffe gelehrt, zur Ausbildung gehört aber auch ein mehrtägiges Schießvermeidungstraining.
19:00 Die meisten Azubis sind in den Feierabend gegangen. Auf dem Sandplatz spielen einige noch Beachvolleyball. „Während der Ausbildung verabreden wir uns auch mal privat zum Sport“, sagt ein junger Mann.- „Dann nutzen wir hier den Platz.“

