Kulturmacher

Wannsees erster Berufs-Öko

Wolfgang Immenhausen hat 1978 am Rande West-Berlins die Kulturscheune Mutter Fourage gegründet. Er rettete die Liebermann-Villa und stellte sich gegen Umweltzerstörung

„Gut so?“, fragt Wolfgang Immenhausen. Der 70-jährige sitzt zwischen leeren Stühlen auf einer Empore in seiner Scheune und leuchtet sich selbst aus. Draußen ist es kühl geworden, es regnet und die Hofkatze mauzt verärgert über den Trubel der Fotoaufnahmen in ihrem Revier. Doch Immenhausen lächelt nur. Ganz sanft. In der rechten Hand hält er eine silberne Lampe, mit der linken fährt er mal in die Hosentasche (lässig stehen) oder in die Luft (Kraft ausdrücken).

Immenhausen spielt Hauptrolle und Publikum zugleich. Zwei Rollen von vielen, wie der gebürtige Berliner sagt. Als Schauspieler hat er in den 60er-Jahren begonnen, dann wurde er Gärtnerei- und Naturkostladenbetreiber, außerdem Kulturveranstalter. Inzwischen ist er Kunsthändler und Galerist, hat mehr als 150 Ausstellungen organisiert und publiziert Kataloge. Seine Kulturscheune „Mutter Fourage“ ist eine Institution.

Immenhausens Vater hätte damit nie gerechnet. Dem konservativen Kaufmann war nicht Recht, was der Sohn so machte. „Er hielt Schauspielerei für brotlose Kunst. Ich musste mir das Geld für die Ausbildung, 300 Mark im Monat, selbst verdienen“, erinnert sich Immenhausen. Er nahm Unterricht bei der renommierten Schauspiellehrerin Marlise Ludwig, zu deren Schülern Horst Buchholz, Harald Juhnke und Klaus Kinski gehörten. Gearbeitet hat Immenhausen als Tennislehrer und im Familienbetrieb. Er hat Futtersäcke geschleppt. Das französische Wort Fourage bezeichnet Futter wie Hafer oder Stroh. Auf den Spezialhandel hat sich später Immenhausens Schwester verlegt. „Sie war die Brave“, sagt er, und meint es liebevoll.

Er dagegen war, wenngleich sanft im Wesen, eher der Rebell. Mitten in Wannsee, am Rande West-Berlins, der eingemauerten Stadt. „Anders als meine 15-jährige Tochter heute, die sehr gern hier lebt, habe ich es gehasst in dem Alter. Ich wollte immer weg“, sagt er mit Blick auf den kopfsteingepflasterten Innenhof. Die Anlage gehörte seinen Großeltern. Im Vorderhaus wuchs Immenhausen auf. Und er blieb. Selbst als er nach Ausflügen ins Hamburger Thalia-Theater Anfang der 70er-Jahre im engagierten Berliner Grips-Theater in der Innenstadt zu spielen begann.

Wider die Umweltzerstörung

1978 gründete er mit seinem Grips-Kollegen Stefan Reisner und dem Kaufmann Lutz Peters die „Mutter Fourage". Ihr Hauptthema war die Umweltzerstörung, die Verpestung von Wasser und Boden durch Pestizide, der Smog. „Wir wollten zeigen, dass man es anders machen kann. Es galt, die Welt zu retten.“ So erklärten die Hobby-Gärtner allen Besuchern, wie Kompost den Boden verbessert, und eröffneten einen Bio-Hofladen. „Anfangs hielten wir noch Heidschnucken und Pferde, Schweine und Tauben.“ Doch wegen Auflagen des Veterinäramtes hat Immenhausen 2007 die Tierhaltung aufgegeben.

Natur bringt Immenhausen mit Kultur zusammen. Befreundete Musiker spielten zum ersten Pfingstkonzert im Sommer 1978 und begründeten so eine Tradition. Auch die Zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker waren schon da. Musikalische Aufführungen gehören wie Lesungen zum Programm der Scheune, die zwar ungeheizt, aber Dank des gewölbten Daches mit rautenförmigen Streben immerhin architektonisch interessant ist.

35 Veranstaltungen plant Immenhausen pro Jahr. Nach einem Popularitäts-Einbruch zu Wendezeiten, als die Berliner scharenweise auszogen, ihr neues, altes Umland zu erkunden, hat sich die Besucherzahl nun bei 60 pro Abend eingependelt. Am Wochenende kommen bis 1000 Gäste Hofcafé, Naturkostenladen und Gärtnerei hat Immenhausen seit elf Jahren verpachtet. „Das war schon eine Erleichterung.“ Doch Feste organisiert er immer noch. Der nächste „Stolper Herbstmarkt“ etwa, mit Kunst, Handwerk und Design, findet am 12. und 13. Oktober statt.

Die Feste waren es, die die Skepsis der Nachbarschaft – viele waren so misstrauisch wie Immenhausens Eltern – schwinden ließen. Und Immenhausens unermüdliches Engagement half natürlich auch. Zunächst unterstützte das Gründertrio junge Leute, die gegenüber der Mutter Fourage ein Fachwerkhaus besetzt hatten, um dessen Abriss zu verhindern. Auch in Wannsee gab es offenbar Hausbesetzer.

Kultur hat für Immenhausen eine politische Dimension. „Als sich herausstellte, dass das Kühlwasser des naheliegenden Forschungsreaktors des Helmholtz-Zentrums, damals Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung, die Wassertemperatur von Stölpchen- und Pohlesee erhöhte, boten wir einer kritischen Bürgerinitiative Raum für Treffen“, erinnert sich Immenhausen. Den Reaktor gibt es noch, genauso seine Kritiker, die jüngst wieder in der Scheune über die Zukunft des Reaktors debattierten.

Spezialist für Max Liebermann

Die Umgebung liegt Immenhausen am Herzen. Zu seinen Spezialgebieten auch als Händler gehören die Künstler in Wannsee. Sei es der Maler und Mitbegründer der Berliner Secession, Philipp Franck, in dessen Werk sich Immenhausen so vertiefte, dass er mit Almut von Treskow ein Werkverzeichnis seiner Gemälde schrieb. Sei es der Schriftsteller Heinrich von Kleist, der sich am 21. November 1811 nahe dem kleinen Wannsee das Leben nahm. Über viele Jahre hinweg gestaltete Immenhausen zum Todestag ein Kleist-Programm. Oder der Maler Max Liebermann, den Immenhausen derart schätzt, dass er zum Mitbegründer der Max-Liebermann-Gesellschaft wurde und in jahrzehntelangem Einsatz dafür sorgte, dass Liebermanns Villa am Wannsee wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. „Das haben nicht die Stadt, nicht die zuständigen Behörden geschafft. Das ist Werk von uns Bürgern.“ Darauf legt Immenhausen großen Wert.

Rund 20 Gruppen führt er im Jahr durch die Villa. Zudemi kümmert er sich um die Gärten. „Ich halte es mit Voltaires literarischer Figur Candide“, sagt Immenhausen. Ihre letzten Worte hätten ihn immer sehr berührt. Und schon zitiert der ehemalige Schauspieler: „Gut gesagt! recht gut! sagte Candide, allein wir müssen unsern’ Garten bestellen.“