08:30 Charlotte Reeck schließt die Eingangstür zum Theater im Untergeschoss des Europa Centers auf. Es ist eine Handbewegung die die 67-Jährige seit 1997, seitdem sie Geschäftsführerin der Stachelschweine ist, fast täglich wiederholt. „Ich komme auch samstags ins Theater, weil die Schauspieler auch dann arbeiten müssen“, sagt die groß gewachsene Frau mit der koketten Brille. 1989 fing Reeck als Büroleiterin bei den Stachelschweinen an, nennt sich augenzwinkernd das „Mädchen für Alles“. Sie kümmert sich um den kaufmännischen Teil, die Arbeitsverträge und „löscht kleine Feuer“, wo und wann immer sie auftreten. Heute funktionieren die Telefonleitungen nicht. Reeck ruft schnell den Haustechniker an. Das Problem soll noch bis zum Abend behoben werden.

10:20 Die vier Schauspieler, Birgit Edenharter, Kristin Wolf, Holger Güttersberger und Detlef Neuhaus versammeln sich im kleinen Foyer vor dem Theatersaal. Güttersberger redet nur leise, um seine Stimme zu schonen. Edenharter raucht. Es wird über dies und jenes geplaudert und mehrmals Kaffee rumgereicht. Hinter den noch etwas verschlafenen Schauspielern hängt eine Karikatur des amtierenden Bundespräsidenten Joachim Gauck, gezeichnet von Volker Koch. Nach wenigen Minuten kommt Matthias Kitter, seit 2012 der künstlerische Leiter, dazu. Er grüßt in die Runde und begibt sich mit seiner Regieassistentin Navina Heyne in den Theatersaal. Währenddessen gehen die Schauspieler kurz backstage in ihre Garderoben.

10:30 „Okay, ihr vier Hübschen, seid ihr soweit?“ ruft Kitter und kündigt damit den Probenbeginn an. Das nächste Programm der Stachelschweine heißt „Currywurst“. Es spielt in einer Currywurstbude. Nach knapp sechs Wochen Probezeit soll die Premiere des 72. Programms der Stachelschweine am 29. September stattfinden. „Für mich ist Kabarett nicht nur politische, sondern auch gesellschaftliche Satire“, sagt Kitter. „Es darf ruhig trashig sein, ist aber eben auch literarisch.“

11:05 Das erste Lied wird angestimmt. Die Schauspieler stehen in einer Reihe auf der kleinen Bühne in dem Theater mit 330 Plätzen. „Hier sind Sie richtig. Hier gibt’s was man brauch’. Was für die Birne – und was für den Bauch“, singen sie im Chor. Kitter bittet um Wiederholung. Die Haltung stimmte nicht ganz. „Etwas weniger Max Raabe und etwas mehr Jahrmarkt“, wünscht er sich.

12:10 Kristin Wolf und Detlef Neuhaus spielen allein eine Szene. Neuhaus, der schon in 18 Programmen der Stachelschweine dabei war, gibt sich als Currywurstbuden-Besitzer, der Wolf tröstet, weil sie mit ihrem Hartz-IV-Antrag nicht klarkommt Als die Szene ein zweites Mal gespielt werden soll, freut sich Kristin Wolf: „Ich ,spiel’ sie auch gern ein drittes Mal. Ist gerade schön in deinen Armen, Detlef.“

13:05 Die Kostümbildnerin Anna Hostert verlässt die Probe und huscht in die Damengarderobe. An den Flurwänden hängen dutzende Fotos, die die Geschichte der Stachelschweine erzählen. Auch ein blau-weißes Straßenschild, auf dem „Wolfgang-Gruner-Weg“ steht, hängt an der Wand. Angebracht zu Ehren des 2002 verstorbenen Urstachelschweins. „Currywurst ist mein erstes Programm mit der Truppe“, sagt die 27-jährige Studentin von der Universität der Künste. „Ich war schon bei der Leseprobe dabei, damit ich die Kostüme mitentwickeln konnte, während die Schauspieler ihre Charaktere fanden.“

13:50 Die Probe wird von Kitter beendet. Die Schauspieler eilen davon, um ihre Texte für den nächsten Tag zu lernen. Sie haben nur wenig Zeit, denn am Abend um 20 Uhr müssen sie wieder im Theater sein um ihr jetziges Programm „Gestochen scharf“ aufzuführen.

14:30 Soundcheck und Lichtabsprache. Jens-Uwe Glasa testet ein letztes Mal vor der Abendvorstellung alle Einstellungen und Schalter. Sein Aufgabengebiet umfasst drei Bereiche: Beleuchtung, Ton und Video. Seit fünf Jahren unterstützt Glasa die Stachelschweine als Bühnenmeister. „Man steht eigentlich mit auf der Bühne. Macht man als Techniker einen Fehler, fällt das genauso auf wie bei einem Schauspieler.“

17:30 Katrin Kaiser tritt ins Tageslicht auf dem Tauentzienstraße, um Plakate für die Premiere von „Currywurst“ auszuhängen. Seit sieben Jahren kümmert sich Kaiser um die Bereiche Marketing und Pressebetreuung. „Ich bin mit den Stachelschweinen aufgewachsen“, sagt die gebürtige Berlinerin aus Wedding. „Wenn ich in die Arbeit komme, fühle ich mich zu Hause“, sagt Kaiser und lächelt schüchtern.

19:50 Kurz vor Showbeginn. Zuschauer stehen vor der Kasse, unter der das Maskottchen der Theatertruppe, ein ausgestopftes Stachelschwein, in einer Glasvitrine wacht und sammeln sich im Foyer dahinter. Man sieht viel weißes Haar. Vergnügt gesellen sich die Besucher in das Theater, welches, durch die einzelnen runden Tische nebst den Stuhlreihen, Klubambiente vermittelt. Hauptgesprächsthema sind die Karikaturen der ehemaligen Bundespräsidenten, die an der rechten Wand in einer Reihe hängen. Rund 80 Prozent der Sitze sind besetzt. Pünktlich um 20 Uhr fängt die Vorstellung an.

20:55 Das Wahlprogramm der Stachelschweine „Gestochen scharf“ scheint den Zuschauern zu gefallen. In seinem 71. Programm gründet das Kabarettensemble eine Partei, um sich vor dem Rauswurf aus ihrem Theater zu retten. Mit kritischem Humor werden die wichtigsten Parteien Deutschlands in Wahlspots vorgestellt. „Wählen Sie mit einem Kreuz zwei Parteien“, endet der Spot für die Linke und alle lachen. Um 21 Uhr ist Pause. „Die gute Nachricht ist, ich gehe. Die schlechte, dass ich wiederkomme“, scherzt ein Zuschauer mit seinem Sitznachbar, bevor er an die kleine Bar im Foyer des Theaters geht.

22:15 Die Vorstellung endet mit einem Lied. Schwarze und weiße Luftballons, die Farben der Stachelschwein-Partei, fallen von der Decke. Zuschauer stupsen die Ballons hin und her, während sie mit ihrem Applaus das Ensemble mehrmals zurück auf die Bühne holen. Nach der vierten Rückkehr auf die Bühne öffnet sich der Vorhang nicht mehr und die Zuschauer machen sich mit den Ballons auf den Weg nach Hause. An der Theatertür steht Charlotte Reeck mit dem Barpersonal. Sehr herzlich verabschieden sie sich von den Gästen. Man hat das Gefühl, das Haus einer großen Familie zu verlassen.