Die blumige 80er-Jahre-Velours-Tapete ist ein Original, wie so vieles im Kaffee Burger. Etwa die sperrige Schreibweise „Kaffee“, eine Eigenkreation jenes Schlossers, der einst die Fenstergitter der Tanzwirtschaft schmiedete. „Als ich zum ersten Mal hineinkam, habe ich ich mich zwei Minuten umgesehen und dachte, hier müssen wir ganz radikal umbauen“, sagt Karl-Heinz Heymann, der Macher des Kaffee Burger. Das war 1999. Damals saß er mit dem Lyriker Bert Papenfuß und der Inhaberin Uta Burger am Stammtisch der Kneipe an der Torstraße und besiegelte die Übernahme des Lokals.
Uta Burger hatte den Laden von ihren Eltern übernommen, stand seit ihrem 15. Lebensjahr hinter dem Tresen und wollte das Lokal abgeben. Die Restauration hatte seit ihrer Gründung 1890 bewegte Zeiten hinter sich: vom etwas anrüchigen Café Lido über eine zünftige Tanzwirtschaft in den Nachkriegsjahren bis hin zum Treff von Bohème und Kulturschaffenden der nahe gelegenen Volksbühne in den 70er-Jahren. Autoren wie Heiner Müller, Thomas Brasch oder Ulrich Plenzdorf gehörten zu den Stammkunden, bis eine langwierige Renovierung die Szene in andere einschlägige Lokale vertrieb. Das Kaffee Burger überlebte fast unverändert samt Platzdeckchen und Kunstblumen die Jahre nach dem Fall der Mauer, während drum herum die Club-Szene blühte.
Papenfuß und Uwe Schilling vom Autoren-Kollektiv Sklavenmarkt suchten ein Lokal für ständige Lesungen, zum Arbeiten, Austauschen und Erholen. Es sollte eine Art literarisches Café werden. Heymann, der bereits eine Kneipe in Prenzlauer Berg betrieb, brachte das nötige Know-How mit und auch er wollte sich verändern. „Nur Kneipe, das war mir zu langweilig“, sagt Heymann.
Ganz schön frech
Karl-Heinz Heymann gehörte der letzten DDR-Regie-Generation der Filmhochschule Babelsberg an. Vor dem Mauerfall hatte er vier DEFA-Spielfilme als Regisseur und Drehbuchautor gemacht. Sein letzter Film hieß „Schwein gehabt“ und wurde einen Tag nach dem Filmstart 1988 schon wieder aus dem Verleih genommen. Damit hatte Heymann nicht gerechnet. Heute sieht er das anders. „Im Nachhinein war der Film ganz schön frech“, sagt er. Die Komödie spielte in der Nachkriegszeit. „Der heroische Wiederaufbau des Sozialismus wird aus der Sicht eines Schweins erzählt, dem es in erster Linie ums Fressen geht“, erzählt Heymann.
Mit dem Mauerfall beendete Heymann seine Zeit als Filmemacher. „Es gab plötzlich so viele Filme, da hatte niemand auf mich gewartet“, sagt er. Er hätte auch keine Zeit für solche Nebensächlichkeiten gehabt, schließlich war er mit der Revolution beschäftigt. 1990 gehörte er zu den Mitbegründern der Zeitschrift der Bürgerbewegung „Die Andere“ des neu gegründeten Verlages BasisDruck. „Ich habe fast ein bisschen zu spät gemerkt, dass die Revolution schon beendet war“, sagt er. 1992 habe er dann in der Redaktion als Letzter die Tür zugemacht und eine Kneipe in Prenzlauer Berg übernommen.
Dann kam sein Stammkunde Papenfuß mit der Idee des literarischen Cafés. Radikal umgebaut haben sie das Kaffee Burger nicht, dafür reichte das Geld nicht. Ein Segen, denn gerade der alte Laubenpieper-Charme von Korbleuchten über der Bar und Spundbrettern an den Wänden machen bis heute den Erfolg aus. Neu war nur die eher improvisierte kleine Bühne, auf der von nun an Lesungen und Konzerte stattfinden sollten. Anschließend konnten befreundete DJs zum Tanz auflegen. „Wir wurden gleich nach der Eröffnung geradezu überrollt“, erzählt Heymann. Die Leute aus dem Osten fühlten sich wohl, weil alles so an früher erinnerte, und die Leute aus dem Westen fanden es cool, weil es so skurril aussah, sagt Heymann. Zudem hatte sich die Lage auf der Partymeile zwischen Prenzlauer Berg und Mitte als Volltreffer erwiesen.
Die legendäre Russendisko von Kaminer brachte den Club zum Kochen. Bald zog Reformbühne Heim & Welt mit ihren Mitgliedern Wladimir Kaminer, Ahne und Jakob Hein ins Kaffee Burger und feierte Lesungen mit bis zu 300 Zuhörern. Die Party-Reihen nahmen von Anfang an einen größeren Raum ein als ursprünglich geplant. Die hier groß gewordene Hausband RotFront füllt heute große Konzertsäle. Und dann war da noch der „geheime“ Besuch von Madonna 2008 in der Bar. Aber darüber will er jetzt nicht reden, schließlich habe das ja überhaupt nichts mit dem Programm des Clubs zu tun gehabt.
Papenfuß ist vor fünf Jahren ausgestiegen und hat seine „Kulturspelunke“ Rumbalotte an der Metzer Straße eröffnet. Das Kaffee Burger behielt Lesungen, Poetry Slam und ausgefallene Konzerte bis heute bei.
Die Partykarawane
Heymann erhält täglich etwa 20 Anfragen von Bands aus aller Welt, die im Kaffee Burger spielen wollen. Er sichtet und wählt aus. Die Traube vor dem Eingang ist nicht mehr ganz so groß und die Luft in dem eher kleinen Club nicht mehr ganz so dick. Die Party-Karawane sei weiter gezogen nach Kreuzberg und Neukölln. Dafür hat er Gäste, denen der Rummel vorher zu viel war. „Die Leute kommen gezielter, zu einer bestimmten Lesung oder zu einer bestimmten Band“, sagt Heymann. Meist würden sie dann aber auch nach Ende der Vorstellung gleich wieder gehen und wären kaum bereits, sich überraschen zu lassen, was der Abend noch so bringt. Das findet Heymann schade.
Der 65-Jährige jedenfalls lässt sich gern überraschen. Zum Beispiel von der norwegische Folk-Rock-Band „Lady Moscow“, die an diesem Nachmittag verkatert aber glücklich ihre Instrumente abholt. „Die Nacht war lang“, sagt Heymann. Irgendwann hätten alle Besucher etwas zum Klappern, Schlagen oder Klopfen in die Hand bekommen und dann habe es eine riesige Jam Session gegeben. Ein großer Abend im Burger.

