Kulturmacher

Die Mischung macht’s

Vor 33 Jahren wurde das Café Theater Schalotte als kirchliches Jugendprojekt gegründet. Bis heute arbeitet das Team ehrenamtlich und präsentiert Tanz, Theater und Kabarett

Bei der Frage, wie lange er schon dabei ist, kommt Christian Retzlaff in Grübeln: „Mit fast 22 Jahren bin ich eingestiegen“, sagt der 46-Jährige und klingt selbst überrascht, als er hinzufügt: „Mehr als mein halbes Leben bin ich schon hier.“ Hier, das ist das Café Theater Schalotte in Charlottenburg, in dem sich Christian Retzlaff seit mehr als 24 Jahren engagiert – ehrenamtlich, neben seinem Beruf als Journalist. Angefangen hat er im Schalotte als Tresenkraft, weil „die Schwester meiner damaligen Freundin ein Praktikum im Theater machte“, inzwischen kümmert er sich um die Öffentlichkeitsarbeit und steht nur noch gelegentlich an der Bar, „wenn es mal später wird – ich wohne ganz in der Nähe“. Länger als er ist nur Karin Köthe dabei, die als Mitarbeiterin für Diakonie im evangelischen Kirchenkreis Charlottenburg das Theater vor 33 Jahren mitgegründet hat.

Ein Jugendprojekt war es damals, Jugendliche aus der Gemeinde hatten das ehemalige Kino zu einem Café mit Theater umgestaltet. Das Haus gehörte der evangelischen Kirche, die dort in den 30er-Jahren ein Kino mit 500 Plätzen gebaut hatte, „weil man damals mit Kino noch richtig Geld verdienen konnte“, sagt Christian Retzlaff. In den 70er-Jahren schloss das Kino, die Kirche verpachtete die Räume „an eine indische Sekte“, erzählt Retzlaff, „das gab einen kleinen Skandal“. Um die Wogen zu glätten, stellte die Gemeinde das Haus für ein Jugendprojekt zur Verfügung.

Am 3. Juni 1980 eröffnete das Café Theater Schalotte. „Ein Kiezcafé mit gelegentlichen Vorführungen“, so beschreibt Christian Retzlaff das Theater in seinen Anfangsjahren. Vier Scheinwerfer auf der Bühne im Kinosaal, so habe damals die Ausstattung ausgesehen. Heute dagegen müsse sich das Theater „lichttechnisch im Vergleich zu den großen Berliner Bühnen überhaupt nicht verstecken“. Und auch sonst hat sich in dem Kinosaal einiges getan: Die Reihen mussten wegen feuerpolizeilicher Auflagen versetzt werden, aus den 500 Kino- wurden 254 Theatersitze. Die Bühne ist mehr als doppelt so groß wie zu Filmzeiten, ein goldener Vorhang trennt sie vom Zuschauerraum.

A cappella, Chöre, Flamenco

Die Hälfte der einstigen Empore nimmt jetzt der Technikraum ein. Die Techniker, die dort bei den Aufführungen am Ton- und Lichtpult sitzen, bekommen für ihren Einsatz ebenfalls kein Geld. In der Technikerszene gebe es viele Leute, die ihr Können einsetzen wollten, aber viel zu selten dazu kämen, sagt Christian Retzlaff: „Deshalb gibt es da eine große Bereitschaft, das unentgeltlich zu machen“. Und außerdem komme es immer mal wieder vor, dass die Gruppen nach einem Gastspiel den Techniker auch für den nächsten Auftritt anderswo buchten, weil sie sich von dessen Können überzeugen könnten. Vor allem aber hält die Begeisterung für das Theater die 24 Teammitglieder zusammen. Angestellte und Selbstständige gehören dazu, eine Zahntechnikerin, IT-Spezialisten, eine Leiterplattendesignerin, sie alle geben einen Teil ihrer Freizeit für das Theater. „Vielleicht klingt es ein bisschen pathetisch“, sagt Christian Retzlaff vorsichtig. „Aber: Es ist sehr schön, in die Kulturszene von Berlin mit eingreifen zu können“.

Ein Stammpublikum hat das Schalotte nicht. Dafür ist das Angebot zu unterschiedlich: „Wir sind eben nicht der Auftrittsort für A-cappella-Musik oder der Ort für Chöre oder politisches Kabarett“, sagt Retzlaff. „Bei uns gibt es eine Mixtur aus allem.“ Die Gruppen bewerben sich, dann entscheidet das Team, wer auftreten darf. „Ganz basisdemokratisch. Einen Intendanten gibt es bei uns nicht“, und auch der evangelische Kirchenkreis Charlottenburg als Träger mischt sich in die Entscheidungen nicht ein.

„Praktisch keine Laufkundschaft“

Musical und Flamenco füllen regelmäßig den Saal, aber auch politisches Theater hat im Schalotte seinen Platz. Bei der Auswahl hatten die ehrenamtlichen Theatermacher offenbar schon früh ein gutes Gespür: Tim Fischer, Georgette Dee und Cora Frost standen hier auf der Bühne, als sie noch nicht zu den großen Namen des Berliner Kulturbetriebs gehörten. Aber auch die Jugendlichen der Friedensgemeinde in Charlottenburg dürfen hier auf großer Bühne auftreten: An den beiden kommenden Wochenenden zeigen sie ihr „Piratenmusical“. Eine feste Aufteilung, wie viel Musical, Kabarett oder Tanz auf der Bühne zu sehen sein soll, gibt es nicht. „Aber es gibt eben manchmal die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, und es gibt Gruppen, bei denen wir wissen, dass sie das Publikum in den Saal spülen“, erklärt Christian Retzlaff den Entscheidungsprozess. Öffentliche Mittel bekomme das Off-Theater nicht. Die Kirche als Hausbesitzer erlässt dem Theater die Kaltmiete, alles andere muss erwirtschaftet werden: mit Eintrittsgeldern und in den Pausen, wenn am halbrunden 30er-Jahre-Tresen im Foyer Faßbrause für 1,50 Euro oder Bier für 2,90 Euro verkauft werden.

Das Café auch außerhalb der Aufführungszeiten zu öffnen, sei wenig erfolgversprechend, ist Retzlaff überzeugt: „Es gibt hier praktisch keine Laufkundschaft.“ Viele Läden in der Straße hätten aufgegeben, das Theater sei mittlerweile der dienstälteste Gewerbetreibende an der Behaimstraße. Zwei Straßen weiter südlich sehe es schon ganz anders aus, aber: „Die Gegend um die nördliche Wilmersdorfer Straße verkommt.“

Das Theaterpublikum kommt trotzdem. Die einen, weil sie Chormusik lieben oder Flamenco: „Es gibt Gruppen, die bringen sich ihr Publikum selbst mit“, sagt Christian Retzlaff. Und die anderen, weil sie die Atmosphäre mögen, das ein bisschen Abgewohnte im Kinosaal, das 30er-Jahre-Ambiente im viel zu kleinen Foyer. Und das besondere Engagement der Mitarbeiter, die die Karten abreißen, das Licht steuern oder am Tresen das Bier verkaufen. „Viele Zuschauer wissen nicht, dass wir das alles ehrenamtlich machen“, sagt Christian Retzlaff: „Aber ich hoffe, dass sie es spüren.“