Kleine Entdeckungen

Rattenfängerin auf der Gertraudenbrücke

Abertausende kommen hier täglich vorbei. Auf der Leipziger Straße am Spittelmarkt rollt von früh bis spät der Verkehr über den Spreekanal. Doch Fußgänger gibt es wenige. Die allerdings können, ein paar Meter abseits der Autobrücke, über die alte Gertraudenbrücke flanieren. Und die heilige Gertraude schaut dabei auf sie hinab.

Die überlebensgroße Skulptur gilt als Schutzherrin aller Reisenden und Helferin gegen Mäuse- und Rattenplagen. Das Standbild zeigt denn auch einen durstigen Wandersmann, der vor ihr kniet und dem sie einen Becher zum Trunk reicht. Zudem huschen um den Sockel Dutzende Mäuse und Ratten herum. Das Gedicht eines unbekannten Verfassers rühmt ihr Wirken: „Ratten- und Mäusegezücht machst du zunicht/ Aber den Armen im Land reichst du die Hand“. Die Namensstifterin der Brücke lebte im siebten Jahrhundert und stand unweit von Brüssel einem Kloster vor. Sie wurde als Wohltäterin verehrt, weswegen zahlreiche Kirchen und vor allem Krankenhäuser ihren Namen trugen. So auch das Berliner Gertrauden-Spital, das einst am Spittelmarkt stand und von dem der Platz seinen Namen hat.

Anders als so viele andere Skulpturen in Berlin, die zu Munition oder Kriegsgerät eingeschmolzen wurden, überlebte die Gertraudenfigur das Dritte Reich, weil Kriegsgegner sie heimlich abmontierten und im Alten Jüdenhof einmauerten. Bis auf dieses Intermezzo hat die heilige Gertraude ihren angestammten Platz auf der Brücke mehr als hundert Jahre nicht verlassen.