Große Verletzungen können gewaltige Antriebskräfte sein. Imre Kertész hat einmal behauptet, im Grunde müsse er dem Holocaust dankbar sein. Ohne ihn wäre er nicht der Schriftsteller geworden, der er ist. Der 1959 geborene Filmregisseur und Buchautor Oskar Roehler kann natürlich nicht für sich in Anspruch nehmen, Opfer des Holocausts zu sein. Aber er sieht sich doch als Opfer eines Elternpaares, das eine verantwortungslose Art, mit seinem Kind umzugehen, als legitim empfand und sich dabei vom linken Zeitgeist bestätigt sah. Man war ja Künstler! Dichter! Oppositioneller! Gisela Elsner stellte für kurze Zeit so etwas wie das erste Fräuleinwunder der „Gruppe 47“ dar. Und Klaus Roehler, der zwar als Autor weitgehend unbeachtet blieb, ging doch in die Annalen der Literaturgeschichte als begnadeter Lektor ein. Als Eltern stellten diese beiden allerdings die komplette Katastrophe dar. Sie ließen das Kind gnadenlos spüren, dass es nur im Wege war. Aus der erschreckenden Verwahrlosung, in die es so geriet, befreiten es in letzter Minute zwei Großmütter.
Aus seiner Biografie hat Oskar Roehler weidlich Kapital geschlagen: Sein Durchbruch, „Die Unberührbare“, mit Hannelore Elsner in der Rolle von Roehlers Mutter, handelte erstmals von seiner Kindheitswelt. Dann hat er einen Roman über seinen Werdegang vorgelegt: „Herkunft“. Vom Charisma der Mutter, von der Leistung des Vaters blieb kaum etwas übrig. Sie werden gnadenlos als Versager dargestellt. Umso heller leuchtet die Großelternwelt.
Eindringlich schildert das Buch die Aufbaujahre, die der Autor als repräsentativ für Nachkriegs-Deutschland hinstellt: Ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus „unbewältigt“ hinter sich lassend, rackern sie sich ab, gelangen zu Wohlstand – Roehlers Großvater als Hersteller von Gartenzwergen: welch großartiges Symbol für die frühe Bundesrepublik! Doch diese Großelterngeneration bewahrt sich auch ein Gefühl für familiäre Solidarität und sieht die Eskapaden von Oskars Eltern mit der verständnislosen Skepsis des Spießers, der, so die beherzte Umwertung durch den Enkel, zwar ohne Sinn für Geschmack sein Leben führt, dafür einem Kind jenes Urvertrauen zurückzugeben vermag, das die Eltern ihm nahezu ausgetrieben hatten.
Auf dieser Grundkonstellation fußt „Quellen des Lebens“, ein dreistündiges Leinwand-Epos, das man getrost als Verfilmung von „Herkunft“ bezeichnen darf. Seine ersten beiden Stunden sind voller starker Momente und einprägsamer Szenen – bis hinunter zu den Chargenspielern, wenn beispielsweise unter den Kleinbürger-Machos der Gruppe 47 Heribert Sasse den Obermacker und Gläser zerbeißenden Verleger Ledig-Rowohlt mimt. Dem Elternpaar, verkörpert von Moritz Bleibtreu als Vater Klaus, während die Gisela von Lavinia Wilson gespielt wird, ist sogar eine wunderbar leichte, an Truffauts „Jules et Jim“ erinnernde Szene gegönnt: der Orangen-Klau („Juchhe, wir sind Diebe!“). Und auch jene Passage, die schon im Roman eine Wucht ist, kommt hier gut raus, in der Klaus seiner Gisela das Gartenzwerg-Lager des Papa vorführt, Gisela höhnisch an den Regalen rüttelt, so dass die Zwerge donnernd runterpurzeln und die Regale freiwerden für den ersten Sex des zukünftigen Ehepaares.
Doch problematisch wird die letzte Stunde. Schon im Roman fiel die Schilderung von Oskars Jugendirresein sehr ab. So wie seine Eltern sich ohne Wenn und Aber dem linken Zeitgeist hingaben, versackte dieser Typ vollkommen im „Null Bock“-Gefühl der Nachfolgegeneration. Dafür fallen Roehler nicht nur keine einprägsamen Bilder ein, das ist auch inhaltlich so uninteressant, dass man die dritte Stunde nur noch ungeduldig absitzt. Hier geht auch die Rechnung von der repräsentativen Familien-Saga nicht auf, denn Roehlers Eltern sind all ihren Umtrieben zum Trotz doch an ein historisches Projekt gebunden; Sohn Oskar hingegen war, bis er endlich den Filmregisseur in sich entdeckte, offenbar nur ein einsamer, selbstzerstörerischer Narzisst.
Drama: Deutschland 2013, 174 min., von Oskar Roehler, mit Moritz Bleibtreu, Jürgen Vogel, Meret Becker, Lavinia Wilson
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