Horrmanns Gourmetspitzen

Ohne jede Würze

Heinz Horrmann besucht das Prime Grill House am Kurfürstendamm - und vermisst Geschmack

Da hat der Koch wohl etwas durcheinander gebracht. Das Gemüse, Brokkoli und Tomaten, lagen weich gekocht wie Püree auf dem Teller. Und das gegrillte Kalbsteak war beinhart, wie von der Zahnarzt-Innung gesponsert. Motto: Probiert mal, wie fest eure Plomben sitzen. Anders herum wäre es ja in die richtige Richtung gegangen, knackig belassenes Gemüse und butterzartes Kalbfleisch, aber so? Ich war gleich zwei Mal zu Gast im Grill House auf dem Kurfürstendamm. Die zweite Chance räumte ich direkt nach dem ersten Küchen-Desaster ein. Das Restaurant interessierte mich, weil in diesen Räumen über Jahrzehnte eines der führenden Berliner In-Restaurants war, das Ciao. Vor gut einem Jahr wurde es geschlossen, obwohl das italienische Lokal mit der weißen Zeltlandschaft auf dem Bürgersteig doch so appetitlich und auch gut besucht war. Der viel zu früh verstorbene große Publizist Peter Boenisch hatte hier über Jahre seinen Stammtisch. Was ist nur aus dem einstigen Genießer-Treffpunkt und Promi-Restaurant geworden?

Das Ambiente, heute ohne Tischwäsche und Blumenschmuck, hat aktuell nur noch die Atmosphäre eines Kühlraums. In der offenen Küche wird ohne Kochmontur und Toque (die hohe Kochmütze) hantiert. Aber: Es gibt sowohl mittags wie abends sehr günstige Preise. Nehmen Sie zum Beispiel das Menü mit den "Grillspezialitäten des Hauses". Da zahlt der Gast für Geschnetzeltes vom Kalb, einem Hähnchenspieß, einem Hacksteak, Pommes und Salat 12,50 Euro. Beides also richtig kleine Preise, aber auch ziemlich geschmacksneutral. Vielleicht sollte der griechische Investor, der selbst einen sehr freundlichen und kompetenten Service macht, einen Wechsel in der Küche vornehmen. Die frittierten Calamari, die paniert und ohne Schwierigkeiten kross ausgebacken auf den Teller kommen sollten, wurden mir wie Gummiringe mit einem schlabbrigen Drumherum serviert. Und so schmeckten sie auch, ohne jede Würze. Die Pommes Frites waren grob geschnitten (was nicht schlecht sein muss), aber viel zu blass, einfach zu kurz frittiert. Die bekomme ich an jeder Imbiss-Bude besser.

Es ist allerdings nicht alles derart schlecht, was aus der Küche kommt. Das Beste war für mich die "extra scharfe Suppe": Auf Gehacktes-Basis wurde das gebundene Süppchen mit Chili, Paprika, Peperoni und Koriander so heiß gewürzt, dass fast die Flammen schlagen - im totalen Gegensatz zu den übrigen Speisen. Gut sind auch noch die frischen, knackigen Salate mit einem milden Dressing und die wenigen griechischen Elemente wie mit Reis gefüllte Weinblätter, Tzatziki oder Schafskäse im Ofen gebacken. Ganz ordentlich auch der Burger nach Art des Hauses. 220 Gramm Rindfleisch, Käse, Tomaten, Röstzwiebeln, Pommes und eine mittelgroße Portion Krautsalat machen auch einen richtig Hungrigen satt. Wäre das alles gekonnt gegart und gewürzt, würde das Gericht keinen Cent mehr an Wareneinsatz kosten, wohl aber zum günstigen Preis von 9,50 Euro auch noch gut schmecken.

Günstig ist nicht gleich gut

Im Übrigen ist die Speisekarte mit unzähligen Variationen von Grill-, Pfannen- und Backofen-Gerichten, dazu Extra-Seiten für Nudelgerichte und Seniorenteller (7,90 Euro) sowie Kinder-Menüs eindeutig zu groß. Das bewältigt vielleicht ein breit aufgestelltes Spitzenteam am Herd, ist aber ansonsten kaum zu stemmen. Einzig und allein die Fischabteilung liegt von der Angebotsbreite im angemessenen Rahmen. Ein paar Scampi-Angebote, ein Thunfischauflauf, Pangasiusfilet, anderes kaum erwähnenswert. Die üblichen Lammgerichte, die man in mediterran ausgerichteten Restaurants bekommt, wie den Rücken mit Kräuterkruste, werden hier um Haxe, Scheiben von der Hüfte und Braten aus der Röhre erweitert, Ansonsten gibt es Standards wie Wiener Schnitzel, Putenmedaillons oder gefüllte Blätterteigtaschen.

Mehr als dünn ist die Palette der Desserts. Als süßen Abschluss gibt es beispielsweise Eis, Joghurt mit Honig und Zimt oder eine gekochte Birne, das war's. Vielleicht reicht das ja auch den meisten in Zeiten des totalen Slim-Denkens.

Auf großen Schiefertafeln, vor dem Restaurant aufgestellt, werden die Mittagsangebote notiert. Meist Spießchen vom Hähnchen, Salate oder Burger. Hier bleibt man stets unter sechs Euro. Allerdings ist die Konkurrenz mit Pizza, Curry-Wurst und Nudelgerichten für einen schnellen und günstigen Mittags- Snack in der Nachbarschaft groß - und auch die Angebote liegen alle um die fünf bis sechs Euro.

Noch ein Wort zum Service. Der Hausherr umsorgt in freundlicher Weise seine (noch) wenigen Gäste sehr persönlich. Mit der Rechnung servierte er einen Espresso aufs Haus. Die Frage ist nur, ob er es als "Alleinunterhalter" schafft, wenn mal ein paar mehr Kunden auf das Essen warten. An Wein scheint die angepeilte Grill House-Klientel nicht interessiert zu sein. Man trinkt Ouzo, Bier oder einen Cocktail. Davon werden gleich mehr als ein Dutzend angeboten. Gewiss gibt es ein paar offene Weine und an Flaschenweine stehen ganze sieben (!) zur Auswahl. Aber kurz und gut: Was Sie hier erwarten können, ist ein ordentliches Preis-Leistungs-Verhältnis. Vorspeisen, Zwischengänge und Hauptgerichte haben akzeptable Grundprodukte, sind aber ohne jede Küchenkunst und handwerkliche Qualität zubereitet. Wie leicht ließe sich das verbessern.

Prime Grill House Kurfürstendamm 156, Charlottenburg, Tel. 89 00 68 47, www.prime-grillhouse.com

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost