Man sieht erst nur einen Teil ihres Gesichts, aber das reicht schon, die Archäologin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) buddelt sich vor zum Eingang einer Höhle, Schottland im Jahr 2089, es geht zurück in die Zukunft, zurück innerhalb der unendlich lang erzählten Zeit dieser Saga, an einen neuen Anfang. Dass diese neue Frau Elizabeth Shaw eine Vorgängerin von Ellen Ripley sein muss, das weiß man gleich. Shaw wird bald dem Fremden begegnen, und nett wird das nicht werden.
Eigentlich ist die Geschichte ja längst auserzählt von den hartnäckigen Aliens und der noch hartnäckigeren Frau. Kennengelernt hat die Welt diese Ripley, die unmenschlich zähe Superheldin aus der Zukunft, vor 33 Jahren. Als dritter Offizier eines Transportraumschiffs, dessen Besatzung von einem düsteren, allmächtigen Konzern losgeschickt worden war, dem Fremden zu begegnen: Im Jahr 1979 kam "Alien" von Ridley Scott ins Kino, und Ripley wurde dann noch in drei weiteren Filmen von drei weiteren Regisseuren gequält mit fiesen Biestern, die man nicht wirklich töten konnte, bloß aus dem Raumschiff rausschmeißen ins Weltall. Aber wie der gemeine Alien so ist: Er kommt immer wieder.
Denn wenn Hollywood erst mal eine erfolgreiche Horrorkreatur in die Finger kriegt, lässt es sie nicht mehr los. Die Regisseure der vier "Alien"-Kernfilme, neben Ridley Scott waren das James Cameron, David Fincher und Jean-Pierre Jeunet, mussten zwar auf die Werke der Vorgänger reagieren, hatten jedoch jeweils ihre eigene Alien-Agenda. Als sich vor ein paar Jahren für George Lucas die Frage stellte, ob er angesichts all der schönen neuen Computerfilmtechnik nicht doch noch weiterstricken wollte am "Star Wars"-Mythos, erfand er das Prequel, die filmische Ausrede einer Vorgeschichte: Man kann sich ja immer ein Davor ausdenken. Und so bekommt auch die von Ripley einen Prolog, Ripley ist ja auch eigentlich längst gestorben, im dritten Teil, und dass sie im vierten wiederauferstand als ihr eigener Klon, war ein relativ schlechter Drehbuchwitz.
Nun aber wird es biblisch. Der 74-jährige Ridley Scott erzählt in "Prometheus" nicht nur die Vorgeschichte von "Alien", er erzählt die Schöpfungsgeschichte, eben nicht nur der Aliens, sondern gleich der ganzen Menschheit, und nebenbei werden noch ein paar existenzielle Fragen diskutiert. Das alles in 3-D, der schönsten neuen Computerfilmtechnik.
Elizabeth Shaw und ihr Freund und Kollege Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) entdecken in Schottland eine Höhlenmalerei, in der sie eine Sternenkonstellation erkennen wollen, die immer wieder abgebildet worden sein soll im Laufe der Menschheitsgeschichte: Irgendein geheimes Wissen muss das sein, das auf den Ursprung allen menschlichen Lebens hinweist. Und weil der Chef des auch im Jahr 2089 schon existenten Konzerns ihnen glaubt, schickt er sie im Raumschiff "Prometheus" (der Verweis auf die griechische Mythologie ist nicht weiter erheblich für den Film) los zu den Sternen, das große Rätsel allen Anfangs zu lösen: Wer hat den Menschen erschaffen, und wohnt er vielleicht auf dem fernen Mond LV-223?
Dramaturgisch stellt Scott damit die Ausgangssituation von "Alien" noch einmal neu her: ein paar Menschen in einem Raumschiff auf dem Weg zu einem Planeten, wo erwartbar das Fremde wartet und die Hölle. Einmal dort angekommen, findet die Besatzung von "Prometheus" die mumifizierte Leiche eines "Engineer", eines geheimnisvollen menschenähnlichen Wesens, und auch sonst ist alles wieder da: das gleiche hufeisenförmige Modell eines fremden Raumschiffs, das gleiche scheinbare Urnenfeld darin, aus den Behältnissen blubbert bald eine geheimnisvolle Flüssigkeit. Und dann, es ist ganz schön viel ruhige Filmzeit bis dahin vergangen, begegnen die ersten Besatzungsmitglieder dem Fremden, und Shaws Martyrium beginnt.
James Cameron hatte mit seiner Fortsetzung der "Alien"-Saga 1986 die Antithese zu Scott geliefert, er hatte dem psychologisch feinen Raumschiff-Kammerspiel Scotts einen Reißer entgegengesetzt. Mehr Geballer, mehr Erschrecksekunden pro Filmminute hatte es nie gegeben, mehr dumme Sprüche auch nicht. Um Camerons "Aliens" nicht als fiktionale Übung in Fremdenhass zu verstehen, musste man schon sehr nachsichtig sein. Scott ignoriert nun vor allem Cameron nach Kräften, er widerlegt ihn mit seiner über weite Strecken fast aufreizend langsamen Erzählweise. Scott scheint sich aber auch für einen anderen Aspekt des Fremden viel mehr zu interessieren als fürs Monster-Vorzeigen: Shaws Kampf gegen die Aliens ist nur ein Handlungsstrang, im Zentrum von "Prometheus" steht viel eher ein Humanoid namens David und dessen Selbstmodellierung. Was, fragt sich die Maschine, die wie ein Mensch aussieht, macht einen Menschen eigentlich aus?
Seit Yul Brynner in "Westworld" hat es im Kino keinen so großartigen Roboter mehr gegeben wie Michael Fassbender als David. Eine solche Roboterfigur gehört zum festen "Alien"-Inventar, doch Scott benutzt ihn diesmal anders. Der Roboter bekommt es bald schon mit dem Gewissen und der Moral, er ist eine selbstreflexive Maschine, deren Glück und Tragik darin liegt, dass sie nicht aus ihrer künstlichen Haut kann.
Dass dieser Roboter offenkundig viel klüger ist als die in den "Alien"-Filmen erst viel später entwickelten Modelle, diesen Bruch nimmt Scott so gern in Kauf wie manch anderen logischen Bruch.
Er gibt sich bei Shaw etwa keine große Mühe, erzählerisch eine Verbindung herzustellen zu Ripley. So spielt der große, alte Ridley Scott womöglich noch ein ganz anderes filmhistorisches Zitatenspiel: Der Film, den er nach "Alien" gemacht hat, der epochale "Blade Runner", handelte ja genau von Menschmaschinen und ihrer Sehnsucht danach, fühlen zu können. "Blade Runner" wirkte wie die künstlerische Konsequenz aus "Alien". Und so wirkt es nun, als habe er mit "Prometheus" in Wahrheit gar kein Prequel von "Alien" drehen wollen. Sondern eine Fortsetzung von "Blade Runner". In den falschen Kulissen. Besser als mit diesem Anfang konnte es mit Alien eigentlich nicht zu Ende gehen.
Sciene Fiction: USA 2012, 123 Min., von Ridley Scott, mit Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron
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