Berliner Perlen

Ein Mann macht Druck

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Jasper Fabian Wenzel

Buchbinderei ist ein rares Handwerk. In Zeiten von Photoshop und Digitalprintern ist sie vor allem Nische und Geschichtenraum. Ein Werkstattbesuch bei Christian Klünder

"Heute war ich den ganzen Tag in der Werkstatt, weil ich geprägt habe", sagt Christian Klünder. Er steht in seiner Buchbinderei, die ihm seit 30 Jahren gehört. Klünder erklärt ein altes Setzsystem, das er für die Prägung auf Buchumschlägen benutzt. Er greift in eine Schachtel mit Messing-, Blei- und Magnesium-Stempeln. Hinter ihm befinden sich Schubladen mit Schrifttypen: Kristall fett, Grotesk schmal, Lessing mager. Der Buchbinder überprüft, erzählt, zeigt an. Klünder nimmt die Dinge in die Hand. Er hat schnelle Hände. Wer sich dreißig Jahre in den gleichen sechzig Quadratmetern Werkstatt aufgehalten hat, ist flink zwischen den Tischen und den Maschinen. Wer neu ist, passt besser auf.

"Dies ist die Hauptwerkstatt, oben sind Büro und Pausenraum", sagt Klünder. Es riecht nach Tinte, Leder, Holz und Leim. "Unten ist noch ein Keller für grobe Holzarbeiten. Hier ist auch Staub ohne Ende. Aber wenn man oben schleift, wird es noch mehr." Die Formulierung "ohne Ende" gebraucht er häufig. Es gibt für ihn schließlich jeden Tag etwas Neues zu tun. Und das hört nie auf.

Dafür ist es erstaunlich aufgeräumt. Die Rohstoffe sind sauber platziert. "Vielleicht liegt das an Alexandra", sagt der 60-jährige Klünder und lacht seine Tochter an, die vor drei Jahren bei ihm in der Werkstatt anfing. Sie arbeitet gerade an einer neuen Bindung.

Es stehen und hängen schöne Möbel, Leuchten und Maschinen in den Räumen. Und wie schön sie klingen, die Namen auf den Schubladen und Schränken: Paginierstempel, Falzbeine, Registerscheren. Vielversprechend.

Viermal Harry Potter

Ein Kunde möchte vier Harry-Potter-Bücher eingebunden bekommen. Die sollen dann etwa wie jene alte Bibel ausschauen, die neben dem Stapel liegt. Auf dem Tisch in der Mitte des Raums liegt die Probe einer wunderbaren Arbeit: Weiße Pappe mit einem einfachen Grotesk-Schrifttyp aus den 30er-Jahren, in Gold geprägt. "Gold ist ein sehr widerstandsfähiges und haltbares Material." Klünder legt ein paar Buchstaben zusammen und bereitet eine neue Prägung vor.

Wenn es wieder bis zur letzten Seite gefüllt ist, erstellt Klünder das Goldene Buch Berlins, in das sich die offiziellen Rathaus-Gäste eintragen. "Früher bekam ich den Auftrag alle sieben Jahre. Heute gibt es offenbar mehr Gäste im Rathaus. Jedenfalls muss das Goldene Buch nun etwa alle drei Jahre neu gebunden werden."

An die Fahnenbindemaschine gelehnt, deren Heftung Seiten am Buchrücken zusammenhält, erklärt Klünder, dass er über Geschmackssachen mit seinen Kunden nicht mehr streitet: "Wenn mir etwas, das der Kunde will, nicht gefällt, heißt das nicht, dass ich es nicht gern mache. Oft ist es einfach spannend, zusammen eine Lösung für eine Idee zu finden", sagt er. "Das Ästhetische ist etwas Persönliches. Das habe ich gelernt, zu akzeptieren. Ich sehe mich inzwischen als Dienstleister." Ein Beispiel: "Der Trend geht gerade zu sehr kleinen Büchern mit dickem Papier. Die halten aber nicht lange, sondern fallen leicht auseinander. Ich empfehle dann, sich für dünneres Papier zu entscheiden."

Auch bei großen Filmproduktionen ist Klünders Fachwissen gefragt. Für "Der Wolkenatlas", der mit Oscar-Preisträgern Tom Hanks und Halle Berry in den Babelsberger Filmstudios entstand, hat Klünder ein Tagebuch als Requisite entworfen. Allerdings ist Klünder mit dem Auftrag nicht ganz zufrieden. "Es wurde die Buchhistorie nicht beachtet. Es ging denen mehr um eine historische Optik." Zudem habe man bei der Produktion geknausert. "Das ist angeblich der teuerste deutsche Film aller Zeiten. 100 Millionen Euro. Da wundere ich mich, weshalb sie bei den 150 Euro, die ihr Buchauftrag kosten sollte, ein Gesicht machten, als sei das ein unverschämter Preis."

Filmrequisiten sind die Ausnahme, sagt Klünder. Oft kommt spannendes Material ganz überraschend. Er erzählt von einem Kunden, der die Idee hatte, Visitenkarten aus Milchkartons machen zu lassen. "Innen ist Aluminium, außen ein Karton, der sich sehr gut prägen lässt. Mit einem matten Silber auf der Kartonseite sieht das richtig gut aus."

Visitenkarten aus Milchkartons

An anderen Tagen bekommt Klünder Märchenbücher zur Reparatur. Hochzeitsdinge kommen in letzter Zeit öfter, sagt er. Klünder zeigt auf einen Stempel mit zwei Eheringen. "Darunter kommt das Datum." Die Farben? "Meist Weiß, Gold, Creme. Oder Rosenrot."

"Einmal kam ein Kunde mit Lucky-Luke-Heften an. Lucky Luke hat ja zunächst geraucht. Das wurde verboten. Er musste fortan auf einem Grashalm kauen. Der Kunde wollte nun, dass Lucky Luke auf den Titelseiten wieder eine Zigarette bekommt. Das habe ich dann entworfen."

Christian Klünder hofft, dass seine Tochter den Laden nach ihm weiterführen wird. Es wäre ansonsten sehr schwierig, einen geeigneten Nachfolger für die Moabiter Buchbinderei zu finden. "Mein Wissen weiterzugeben ist mir wichtig. Es wäre schön, wenn die Werkstatt bliebe." Am liebsten natürlich "ohne Ende".

Buchbinderei Klünder Rathenower Straße 60, Moabit, Tel. 394 58 06, www.kluender-buchbinderei.de, geöffnet von Dienstag bis Donnerstag zwischen 10 und 18 Uhr