Zwölf Stunden

Die fabelhafte Welt der Märchenhütte

| Lesedauer: 7 Minuten
Kirsten Schiekiera

Im Monbijoupark macht eine eingeschworene Schauspielertruppe aus Sagen und Fabeln irre Komödien. Das hat sich herumgesprochen. Selbst für die Kindershows stehen Erwachsene Schlange

12:00 Zwei Frauen warten bereits als Heike Wieczorek das Kassenhäuschen eröffnet. Die Vorstellungen sind, wie so oft, ausverkauft. Wer "Hans im Glück", "Jorinde und Joringel" oder "Schneeweißchen und Rosenrot" in einer modernen Interpretation sehen möchte, braucht Geduld. "Im Winter sind wir manchmal so gefragt, dass auch in den Kindervorstellungen am Nachmittag fast nur Erwachsene sitzen", sagt Heike Wieczorek, die für den Bereich Ticketing und Verkauf zuständig ist. Die ersten Buchungen für die Betriebs-Weihnachtsfeiern im Jahr 2012 liegen ihr schon jetzt vor.

13:15 Hannah Walther fegt Blätter zusammen, die sich auf dem Boden zwischen den beiden Märchenhütten sammeln. Die Regieassistentin wartet auf den Beginn der Probe. Hannah ist 20 Jahre jung und doch ein alter Theater-Hase. "Als ich 15 war habe ich hier mein erstes Schülerpraktikum gemacht", erzählt sie. Danach kam sie in den Ferien immer wieder. Hannah möchte gerne Regisseurin werden. Zunächst einmal aber will sie Schauspiel studieren. Im letzten Jahr machte sie eine Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule - und fiel durch. "Mir wurde gesagt, dass ich gut aber noch zu jung bin. Ich solle es noch einmal versuchen, und bis dahin einfach leben und Erfahrungen sammeln", sagt sie lachend. "Und genau das mache ich jetzt."

14:30 In der "Blauen Hüte" beginnen die Proben zu "Rotkäppchen". Fanny Rose gibt das verschüchterte Mädchen, Matthias Horn den Wolf. Beide haben die Rolle schon häufig gespielt. Gemeinsam standen sie in dem Stück noch nicht zusammen auf der Bühne. "Das junge, zarte Ding wird besser schmecken als die Alte!", ruft Matthias Horn verzückt und zaubert ein höhnisches Grinsen in sein weiß geschminktes Gesicht. Fanny Rose reißt erschrocken die Augen auf, hebt abwehrend die Hände. Ihre Beine, die in High Heels stecken, beginnen zu zittern. "Die Schuhe sind aber ziemlich sexy für ein Rotkäppchen", kommentiert Hannah Walther. Zur Vorstellung werde sie andere tragen, versichert Rotkäppchen.

15:20 Pferd, Prinz und böse Stiefmutter - der Schauspieler Roger Jahnke besetzt in Aschenbrödel gleich drei Rollen. Da in einer halben Stunde kaum Kostümwechsel möglich sind, lässt sich der ausladende Rock von Roger Jahnkes Kostüm drehen, so dass er flugs zu Männlein, Weiblein oder Ross werden kann. Bei der letzten Aufführung hat sich am Kostüm eine Naht gelöst, die Kostümbildnerin Isa Mehnert nun schnell mit der Hand zusammennäht.

15:40 Die Gäste machen es sich in der Pizzeria "Rifugio di Napoli" von Franco Chourabi gemütlich. Die Tische stehen eng nebeneinander. Es duftet nach Olivenöl und frisch gebackenem Hefeteig, im Hintergrund dudelt Eros Ramazotti. Der Koch lässt die Fladen fliegen, drückt sie flach, dann lässt er sie zur Begeisterung der Gäste über dem Kopf kreisen. Schließlich schiebt er die belegten Pizzen mit einer riesigen Schaufel in den Steinofen. "Wolf" Matthias Horn nimmt eine Nase. "Köstlich", knurrt er.

15:55 Die Garderobe des Theaters liegt über dem Vorstellungsraum und lässt sich über eine schmale Außentreppe erreichen. Maskenbildnerin Nora Krätzer pudert Schauspielerin Carsta Zimmermann ab, die sich gleich mit ihrer Kollegin Ina Gercke in Dornröschen einen fulminanten Zickenkrieg liefern wird. "Ich schminke mich gerne selbst, das hilft mir, in die Rolle reinzukommen", sagt Ina Gercke während sie sich den Pony mit rosa Haarspangen wegsteckt. "Wir müssen so aussehen, als hätte sich ein Kind selbst geschminkt", erklärt sie. Obwohl alle ruhig und konzentriert arbeiten, wird es bald laut in der Garderobe. Die ersten Zuschauer nehmen Platz, ihre Stimmen schallen durch den Holzboden.

16:30 Die Kindervorstellung beginnt. Ein gutes Dutzend Kinder sitzt in den ersten Reihen, die restlichen 90 Plätze werden von Erwachsenen besetzt. Die beiden in Pink gekleideten Rivalinnen erzählen die Geschichte vom Dornröschen und kriegen sich dabei immer wieder in die Haare. Die Kinder verfolgen das Geschehen mit Spannung, die Erwachsenen lachen, wenn bei Witzen Andeutungen auf Waldorfschulen oder Modeschöpfer fallen. Nach einer kurzen Pause wird "Das tapfere Schneiderlein" aufgeführt. In Vlad Chiriacs Interpretation ist der arme Schneider ein vorlauter Kölscher Junge, der die "happy hour" im Solarium nicht verpassen will. Jung und alt sind begeistert.

17:30 Luis, Lilian und Mila verlassen mit ihren Müttern die Kindervorstellung. Die drei Kinder wohnen in Mitte und haben schon einige Vorstellungen in der Märchenhütte besucht. Mila und Luis gefiel die "Das tapfere Schneiderlein" am Besten, Lilian mochte Dornröschen lieber. Auf dem Nachhauseweg werfen sie einen letzten Blick auf die Krippen, die der Bühnenbildner Steffen Nitzel alle Jahre wieder gestaltet.

18:10 Barkeeper Ronny Wisian holt Bierkästen aus dem Lager. Bei den Nachmittagsvorstellungen fließen Apfelsaftschorle, Kaffee und Tee. Abends sind Glühwein und Bier die Getränke der Wahl.

18:55 Es ist kalt geworden. Der Produzent Christian Schulz, sein Assistent Sven Bluhm und Roger Jahnke treffen sich zu einer "konzeptionellen Besprechung" an der Feuerstelle. "Spielpläne, Besetzungen, neue Ideen - hier sprechen wir alles durch", erklärt Christian Schulz. Vor fünf Jahren importierten die Macher des "Hexenkessel Hoftheaters" eine alte Holzhütte aus Polen. Im Sommer spielte das Theater bereits jahrelang erfolgreich Klassiker von Shakespeare und Moliere in einem Amphitheater an der Spree, im Winter mussten sich Ensemble-Mitglieder neue Engagements suchen. Also beschlossen die Theatermacher in der kalten Jahreszeit Grimms Märchenklassiker für Kinder aufzuführen. Das Konzept ging von Anfang an auf, die Kindervorstellungen waren immer gut besucht. Ein richtiger Erfolg wurden aber erst die frivol angehauchten "Märchen für Erwachsene". Während die Männer in ihre Laptops schauen und den neuen Spielplan festlegen, warten die Gäste der Abendvorstellung auf Einlass.

20:20 Die Rotkäppchen-Aufführung erreicht ihren Höhepunkt. Der Wolf Matthias Horn haucht seinem vermeintlichen Opfer in krudem Deutsch-Französisch ein leidenschaftliches "Rotkäppschong" ins Ohr. Das Mädchen zeigt sich verwirrt und verzückt zugleich. Dann singen beide "Somewhere over the rainbow". Der Saal tobt.

22:30 Auch die zweite Vorstellung des Abends entlässt kichernde Erwachsene in die kühle Nacht. Die Barkeeper schleppen leere Bierkästen hinaus in das Lager.

00:15 Die letzten Gäste haben weinselig Francos Pizzeria verlassen. Schluss für heute. Der Wirt löscht das Licht und schließt ab.