Zwölf Stunden

Alles selbstgemacht

An der Universität der Künste wird 24 Stunden am Tag gearbeitet. In den Sälen, Studios und Ateliers werken und musizieren die jungen Talente. Und abends trifft man sich zur Vernissage

10:00: Christoph Both-Asmus lockert Beine und Arme, streckt ein letztes Mal den Nacken - gleich darf er das nicht mehr, gleich muss er still stehen wie eine Skulptur. Vier Stunden lang, mit kurzen Pausen. In Seminarraum 205 des Medienhauses der UdK an der Grunewaldstraße in Schöneberg steht er heute Modell. Zwei Dutzend Studenten werden Christoph auf Papier bringen. "Gegen das Zittern der Beine kann man wenig machen. Man sollte ausgeschlafen sein, um nicht wegzunicken", sagt Christoph. Er betritt den Kreis der Studenten, wirft den Bademantel ab und erstarrt. Zeit für Umsitzenden, zu zeichnen.

11:00: Der Seminarraum verdunkelt sich, aus Boxen erklingt Klassik, der Beamer läuft. Die Klasse "Werbung" präsentiert ihr Projekt: Ein eigenes Musiklabel mit markantem Schriftzug, der fortan als Symbol für alle Bereiche der Fakultät Musik der UdK stehen soll. Ein Semester lang haben die elf Studenten daran gearbeitet. Auf CDs, Postern, T-Shirts soll es die "Marke UdK" stärken. Getreu dem künstlerischen Grundsatz: Sei markant und unverwechselbar.

11:30: Auf dem Schreibtisch von Benjamin Maus herrscht Chaos: Um seinen Apple-Computer türmen sich Notizzettel, Kabel und Platinen, an der Wand hängen Computermäuse, in einem Einkaufswagen liegt Elektroschrott. Das ist Seminarraum 114, Fachgebiet "Gestaltung mit digitalen Medien". Benjamin arbeitet an seinem Diplom-Projekt, das den Titel "Anti-Objekt-Gestaltung" trägt.

12:00: Brezel aufschneiden, mit Frischkäse bestreichen, mit Salami und Rucola belegen - die Arbeitsschritte kennt Valeria Gordeew gut. In der von Studenten geführten Cafeteria schmiert sie Brötchen im Akkord. Die Nachfrage ist zuverlässig. 4000 Studenten hat die UdK. Sie zählt zu den größten Kunst-Universitäten Europas. In 14 Gebäuden kann zwischen 35 Studiengängen gewählt werden. "One coffee, please", bittet ein Student in braunem Cordjackett.

12:30: Ein mächtiger Verwaltungsapparat wie die UdK muss organisiert sein. Im Medienhaus ist das die Aufgabe von Vera Garben. Umgeben von Ordnern, Raumbelegungsplänen und Stempeln sitzt sie am Schreibtisch. Vera Garben ist seit 30 Jahren an der UdK, hat früher selbst dort studiert und entdeckte nach einem kleinen Intermezzo an der Schule ihre Leidenschaft fürs Organisatorische. Lehrende wie Studierende kommen mit ihren Fragen und Problemen zu ihr, dann muss sie "zaubern", wie sie sagt. Sie spielt mit einem roten Bund, an dem der Zentralschlüssel hängt. Den hütet sie besonders, denn in der Vergangenheit gab es viele Fälle von Diebstahl.

13:00: In der Fakultät für Bildende Kunst und Gestaltung an der Hardenbergstraße kniet Robert Stieghorst auf dem Boden des Foyers. Es bleibt ihm nicht viel Zeit. Bis heute Abend muss er seine Installation für die Ausstellung "Bridges and Barriers" angebracht haben. Von ihm stammen Guckkästen, in denen Besucher etwa eine Aldi-Filiale auf einem alpinen Berg sehen. Mit Schere und Klebestift vollendet er sein Projekt.

13:30: Durch die hohe Fensterfront fallen Sonnenstrahlen in das 100 Quadratmeter große Atelier. Marlen Letetzki steht vor ihrem Stillleben. Öl auf Holz. "Das ist eines von vielen Projekten aus dem vergangenen Semester", erklärt die Studentin. Marlen Letetzki teilt sich den Raum mit zwei Kommilitonen. Es riecht nach Sägespänen und Holz, denn Lucia Kempkes arbeitet mit der Schleifmaschine. Für die Studentinnen ist das Atelier, eines von rund 40 in der Fakultät, eine Art Wohngemeinschaft. "Wir arbeiten beinahe 24 Stunden im Atelier, auch wochenends", sagen sie. Kunst kennt kein Wochenende.

14:20: Peter Wengel kümmert sich um technische Geräte, analysiert, repariert. In einem ehemaligen Atelier ist sein Arbeitsplatz, erreichbar nur über eine Leiter. Wengel dreht die Schreibtischlampe über den digitalen Kompressor. "Schaltregler kaputt", sagt er. Hinter ihm stapeln sich Fachbücher, Netzteile, Transistoren. Auf dem Computermonitor ist ein Bild von seiner Katze. Lola heißt sie.

15:30: Am Eingang der Fakultät Musik sitzt Gülcemal Baysal in ihrer kleinen Pförtnerloge. Eine Zeitung ist vor ihr ausgebreitet. Zum Lesen aber kommt sie nicht: "Ich bräuchte den Schlüssel für den Mikrofonraum", "einmal den Flügelraum", "die 100F, bitte", sagen die Studenten. Dauerbetrieb. Frau Baysal lacht viel, was sich auf die Studenten überträgt. Einer gibt ein gefundenes Portemonnaie ab. Gülcemal Baysal prüft das Fundstück: "Ah, das gehört dem Tonmeister, dem Ferdinand." Die 57-Jährige kennt alle Gesichter der Uni. Seit 31 Jahren arbeitet sie hier, elf davon als Pförtnerin. Vorher hatte sie geputzt.

16:30: Das Tonstudio ähnelt der Kommandozentrale eines Raumschiffs: leuchtende Regler und Knöpfe. Vorn zeigt ein Bildschirm den Konzertsaal. Hier werden Tonmeister ausgebildet. "Wenn du 13 und 14 patchst, kannst du Stereo drücken", erklärt Dozent Markus Mittermeyer Studentin Henrike Zeller, die Tonspuren für eine CD mischt. Vier Tage lang hat sie Klarinette und Klavier aufgenommen, Stunden von Material, dessen Essenz sie nun zu 60 Minuten fein abgemischter Musik formt.

17:20: Charlotte Massalsky und Büke Schwarz haben eine genaue Vorstellung davon, wie das Kunstgeschäft funktioniert. Sie arbeiten an Radierungen, schneiden Metallplatten auf DIN A4-Format zu, kratzen mit Radiernadeln Motive. An der mächtigen Druckpresse kopieren sie die Motive auf Papier. Sie sind im Meisterschülerjahr, kurz vor dem Abschluss. Was genau sie herstellen, wollen sie nicht verraten. Schließlich lebe die Kunst von der Idee - und die sollte nicht zu früh in Umlauf sein.

18:00: "Pass auf, dass der Aufstrich keinen Akzent bekommt", rät Professor Hans Joachim Greiner seiner Studentin Frauke Steichert. Im Kammersaal spielt die 25-Jährige ein Stück von Henri Vieuxtemps. Studenten dürfen wöchentlich anderthalb Stunden Unterricht nehmen. "Es schaffen nicht alle, sich so lang zu konzentrieren", sagt Greiner. Für Frauke ist das kein Problem. Sie setzt den Bogen an und spielt die nächste Passage.

19:00: Im Foyer der Fakultät für Bildende Kunst ist eine Vernissage. "Bridges and Barriers" heißt die Ausstellung. Berliner Studenten haben mit Kommilitonen vom Edinburgh College of Art zusammen gearbeitet. Studenten, Dozenten und Kunstinteressierte schlendern mit Bierflasche durch die Räume, halten inne vor Installationen und Bildern. "Ich arbeite viel mit dem Zufall", kommentiert Studentin Luisa Pohlmann und deutet auf eines ihre Bilder. Eine Zeichnung ist mit braunen und roten Flecken übersät. "Das sind Kaffee, Erdbeer-Likör und Rotwein", sagt Pohlmann. Dann nimmt sie noch einen Schluck von ihrem Bier.