Berliner Perlen

Berlins schrille Kleiderkammer

Das passende Outfit fürs Rockkonzert ist schnell zusammengestellt: Jeans, Leggings oder Mini-Rock, möglichst eng, die Schuhe gerne spitz oder hoch. Dazu ein T-Shirt, am besten schwarz und mit Aufschrift. Wer in der Rock'n'Roll-Boutique "Tiki Heart" in Berlin einkauft, hat dabei beeindruckende Auswahl.

Ziemlich konventionell und zahm ist die Variante mit einem weißen "Motörhead"-Schriftzug. Ein wenig pubertär kommt man mit einem grünlichen Frankenstein-Kopf auf der Brust daher. Wer sich gerne originell zeigen möchte, greift zu dem Shirt, auf dem ein Skelett im Elvis-Look abgedruckt ist. "Skulls, also Totenschädel, gehen immer", sagt Ladeninhaberin Lea Reisse, während sie unter Hunderten schwarzer T-Shirts immer neue Motive mit halb zerfressenen Gesichtern oder abgeschnittenen Händen zeigt.

Die Wiener Straße 20 in Kreuzberg ist Berlins erste Adresse für Rock-'n'-Roller, die es ernst meinen. Vor 16 Jahren eröffnete Lea Reisse gemeinsam mit Partner Volker Lindner das "Wild at Heart", einen wilden Club, in dem Bands mit Namen wie "The Surf Rats", "The Distorted Elvises" und "Punk Du Arsch" auftraten. Es war heiß dort, laut und voll. Das Publikum meist auch. Das Bier orderte man brüllend und natürlich durfte geraucht werden. Das "Wild at Heart" war schon immer bei den Kreuzbergern beliebt, weil es wunderbar in die Gegend um den Spreewaldplatz passt. Und zu den Anwohnern.

Nettes, frisches Flair

Vor sechs Jahren mieteten die beiden Clubbetreiber dann zusätzlich ein angrenzendes Ladengeschäft. "Eigentlich wollten wir diesen Laden ja weitervermieten. Unsere Idee war, Ladenbesitzer zu suchen, die zu uns passen und ein bisschen nettes, frisches Flair nach Kreuzberg bringen würden", sagt Lea Reisse. "Aber keiner wollte den Laden. Alle zog es damals nach Prenzlauer Berg oder nach Friedrichshain." Also musste sie sich selbst ein zugkräftiges Konzept ausdenken.

Dass es etwas mit Rock'n'Roll und Amerika zu tun haben sollte, war klar. "Das ist nun mal mein Leben", sagt Lea Reisse. Ursprünglich hat sie Sozialarbeit studiert. Bevor sie den Berliner Club eröffnete, hat sie jahrelang in amerikanischen Bars und Restaurants gearbeitet. "In den USA habe ich enorm viel gelernt", sagt sie. "Viel über die Musik und alles über die Arbeit. Vor allem, dass man immer arbeiten muss."

Im zweistöckigen "Tiki Heart" gibt es jetzt alles, was das Rock-'n'-Roller-Herz begehrt - mal abgesehen von Autos und Motorrädern. Im oberen Teil kann man frühstücken, Pancakes oder Hamburger essen, unten findet man Klamotten und Accessoires, die einen scharf und gefährlich aussehen lassen. Wie aus einem B-Movie der 60er-Jahre.

Musikalisch begleitet von Johnny Cash oder Elvis, stöbert man und staunt. Tikis, die geschnitzten polynesischen Figuren, machen nur einen Bruchteil des Angebots aus. Dafür können sich Frauen in dem Ladengeschäft mit rosafarbenen Metallic-Wimpern eindecken und Haargummis erwerben, an denen kleine Plastik-Hackebeile oder -Kettensägen baumeln. "So etwas braucht natürlich kein Mensch. Die Leute lieben es trotzdem", sagt Lea Reisse, die stets von einer entwaffnenden Ehrlichkeit ist.

Regale an der Wand zeigen eine Auswahl extrem bunter Schuhe. In einer Vitrine liegt eine Reihe Gürtelschnallen, denen man ihr enormes Gewicht sofort ansieht. Das passende Rock-'n'-Roll-Geschmeide dazu sind Ketten mit Anhängern in Form eines Backenzahns oder eines menschlichen Herzens.

Doch nicht nur Freunde des Morbiden kommen bei "Tiki Heart" auf ihre Kosten. An den Kleiderstangen hängen auch hochwertige Hemden mit sichtbaren Nähten und spitzen Kragen, mit denen man sich sogar in Nashville als Sänger auf die Bühne trauen dürfte. Die Schotten-Kilts mit Leoparden-Look lässt man zu solchen Anlässen dagegen besser daheim. Wer trägt denn so etwas? "Punks natürlich", sagt Lea Reisse und schleust den Gast in die "Trulla-Ecke". Dort findet man Haarspangen mit Schleifchen, Burlesque-Röckchen, enge, gemusterte Kleidchen und schwarze Tops, ganz ohne Bandnamen- oder Horror-Aufdruck. "Was bei den Mädchen immer gut läuft, sind Schwalben und Kirschen", erklärt Lea Reisse "Das sind klassische amerikanische Tattoo-Motive der 20er-Jahre". Tattoos und Rock'n'Roll gehören irgendwie zusammen. Auf der Haut und im wirklichen Leben.

Alles easy

Ein geflügeltes Herz, das Logo des "Wild at Heart", ziert den rechten Oberarm der Ladeninhaberin. Hinter den T-Shirt-Ständern war einst kleines Tattoo-Studio untergebracht, aber das lief nicht. Auch bei vielen der Kunden blitzt die eine oder andere großflächige Tätowierung hervor.

Viele amerikanische und britische Bands kaufen auch gern in dem Laden ein, wenn sie während einer Tournee in Berlin sind. Der Club und das angrenzende Geschäft sind schließlich nicht nur echte Kreuzberger Institutionen, sondern offenbar auch außerhalb Berlins gut bekannt. "Atmosphärisch gesehen findet hier gelebter Rock'n'Roll statt. Alles easy", jubelt denn sogar berlin.de, die offizielle Website des Landes Berlin.

Tiki Heart Café & Shop Wiener Straße 20, Kreuzberg, Tel. 610 747 01, das Café ist täglich ab 10 Uhr geöffnet, der Shop von 11 Uhr bis 18 Uhr