Im denkmalgeschützten, altehrwürdigen Gemäuer pflegt Matthias Gleiß, Küchenchef und einer der Betreiber, auch am Herd Tradition. Nicht Modisches, sondern geradezu klassische Gerichte mit regionalem Einschlag prägen seine Ausrichtung. Und wo immer es geht, werden Produkte aus dem Umland verarbeitet.

Ein gut gemachtes, heißes Süppchen ist ganz besonders an kalten Abenden vor frostigen Herbstnächten eine wahre Wohltat. Sehr angetan war ich von der Selleriesuppe mit einer gebackenen (panierten) Geflügelpraline sowie Trüffelbrot. Fraglos war die Suppe mit sehr viel Sahne aufmontiert, aber geschmacklich gelungen. Lediglich das für mich unsägliche synthetische Trüffelöl hätte man sich sparen oder noch besser, durch einige Späne echten Trüffels ersetzen und damit aufwerten können. Die Suppe war eigentlich schon der zweite Gang, denn die ordentliche Scheibe vom Saibling, wunderbar auf den Punkt gegart, geriet als größeres Amuse-Bouche zum guten Einstieg.

Danach wird es allerdings auf der Speisekarte eng. Ganze drei Vorspeisen und vier Hauptgerichte: Das ist selbst für einen zu dünn, der immer kleine, übersichtliche Speisekarten predigt. Da arbeitet die Küche so minimalistisch wie sich auch die Ausstattung des Restaurants darstellt. Keine Tischdecken, kein Schmuck im unverputzten Backsteingemäuer. Lediglich die großen, kupferfarbenen Glocken-Lampen mit warmem Licht sorgten für etwas Atmosphäre.

Das Alt-Berliner Gericht mit gebratener Kalbsleber, Apfelscheiben und Röstzwiebeln hat wohl ein ewiges Leben. Gleiß variiert den Namen, nennt seine Hauptspeise "Leber Berlin-Kreuzberg", sonst bleibt alles beim Alten. Der Gang ist ordentlich zubereitet, aber nicht aufregend. Das gilt auch für den Kabeljau mit Rettich, gebraten auf Gewürzlinsen und Sauerklee. Das hört sich nach Aromavielfalt hat, doch der auf den Punkt gegarte Fisch war fade, weil zu wenig gewürzt.

Wer beide Gerichte nicht mag, kann zwischen einem Zanderfilet, das nicht auf der Haut gebraten, sondern gedünstet ist und einem Rinderfilet, kombiniert mit geschmortem Rindfleisch, Steinpilzen und Schwarzbrotknödel wählen.

Da nahm ich lieber eine Vorspeise, nämlich Tranchen von Taubenbrust. Diese waren rosa und richtig gut gebraten, appetitlich ergänzt mit Aprikosen, Artischocken und Mandel-Crumble. Das besondere Tagesgericht, das die erstklassige Bedienung abseits der Karte offerierte, bestand aus kurzgebratenen Scheiben von der Gänseleber in Kombination mit Ravioli plus Blutwurstfüllung. Insgesamt ein gutes Produkt, souverän zubereitet. In der Gesamtlinie des Küchenchefs ist dieses Gericht so etwas wie ein kurzer Ausflug in die Top-Gastronomie. Dagegen liegen die übrigen Speisen von der Ausrichtung und Preisgestaltung schon eher im Wind. Regional und rustikal, aber ehrlich. Kraut und Rüben nennt Gleiß das vegetarische Gericht mit Roter Beete, Karotten, Kohl und Rübenkraut. In diese Richtung geht auch der Kürbis aus dem Ofen mit Walnusskrokant und jungem Lauch.

Noch übersichtlicher als die Auswahl der Hauptgerichte ist freilich das Dessertangebot: Eine Variation von Quitten, alternativ Birnenkompott mit Marzipan. Wer bei dieser Auswahl nicht das Richtige für eigene Gaumenfreuden findet, kann nur noch auf den Käse aus Deutschland zurückgreifen.

Ähnlich bescheiden ist das Weinangebot, das von deutschen Weinen dominiert ist. Die Bordeaux' und Spanier sind alle kleine Lagen, zumeist von unattraktiven Jahrgängen. Sehr gut dagegen die Weinpflege. Ohne danach gefragt zu haben, wurde mir gekonnt (über einer brennenden Kerze) der Cabernet Sauvignon dekantiert und mit großer Aufmerksamkeit nachgeschenkt. Das fällt schon in die "Paradeabteilung" des neuen Restaurants mit seinem wirklich mustergültigen Service.

An Küche und Ambiente, so versichert der Mitinhaber, wird in nächster Zeit noch gearbeitet. So kurz nach der Eröffnung fehlen einige Ausstattungsdetails. Da tastet sich die Küche noch an die optimalen Möglichkeiten heran, ohne sich zu vergaloppieren. Fazit: Das Restaurant Volt in Kreuzberg ist eine interessante, absolut legere Erweiterung der Berliner Gastronomie-Palette.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Restaurant Volt Paul-Lincke-Ufer 21, Kreuzberg, Tel. 610 74 033, restaurant-volt.de , Öffnungszeiten: Montag bis Sonnabend jeweils von 18 bis 1 Uhr