Als Insel vor der Insel, Symbol für den eingemauerten West-Teil, hat die kleine Exklave Steinstücken am südwestlichen Zipfel Berlins zu Zeiten des Kalten Krieges Geschichte gemacht. Legendär der Durchhaltewillen der nicht mal 200 Bewohner, als das zwölf Hektar große Fleckchen 1951 ins Gebiet der DDR zwangsintegriert werden sollte. Unvergessen der erste Hubschrauberflug des US-Generals Lucius D. Clay nach dem Mauerbau, als Steinstücken für einige Jahre über den Luftweg versorgt werden mußte. Ein Unikum nach dem Vier-Mächte-Abkommen von 1971 die auf beiden Seiten von der Mauer gesäumte Korridorstraße, die die Menschen mit der Stadt verband.
Heute ist Steinstücken nicht wiederzuerkennen. Die Exklave ist ein Berliner Vorort geworden, in dem eifrig Wohnhäuser gebaut werden. Doch dazwischen tauchen immer wieder Zeugnisse aus mehr als 100 Jahren Geschichte auf. Grund genug für eine Spurensuche.
Rein geographisch betrachtet, liegt Steinstücken in Potsdam-Babelsberg. Verwaltungspolitisch gehört es seit 1920 zu Berlin. Weshalb wir uns die Anfahrt mit dem Auto von Kohlhasenbrück über die Bernhard-Beyer-Straße gönnen. Wo einst der Todesstreifen neben dem Straßengraben begann, sind hie und da Spaziergänger und Radler zu sehen. Da mitten durch Steinstücken jetzt die ICE-Strecke führt, aber nur eine Brücke an der Stahnsdorfer Straße beide Ortsteile verbindet, parken wir dort.
Und erkunden erst die Gegend südlich der Gleise. Die Landhäuser entlang der Bernhard-Beyer-Straße entstanden fast alle um 1920. Englisch mutet das Anwesen unter der Hausnummer 1-2 mit seinem Erker und der roten Klinkerfassade an. Die Zeitläufte ebenfalls gut überstanden hat das Haus Bernhard-Beyer-Straße 10. Das Wohnhaus Nummer 12 entwarf der Architekt Erich Mendelsohn 1927. Es gilt als eines der schönsten Landhäuser der 20er Jahre in Berlin. Nicht nur das: Dort wurden Teile des Ufa-Streifens "Die drei von der Tankstelle" von 1930 mit Lilian Harvey und Heinz Rühmann gedreht. Schließlich liegen die Babelsberger Studios ganz in der Nähe.
Nächste Station: der Johannes-Niemeyer-Weg. Hier findet sich heute ein bunter Mix an Familienhausarchitektur. Wenig blieb von Abgeschiedenheit und efeuumrankten Fassaden. Statt dessen blaue Holzfassaden, skandinavisch anmutende Gebäude, typische Fertigbauten. Mittendrin aber immer wieder alte Häuschen. Wie das des ehemaligen "Taubenschlag" (Nr. 18), jahrzehntelang die einzige Gaststätte weit und breit und beliebtes Ausflugsziel der West-Berliner. Es ist inzwischen längst geschlossen. Wir biegen in die Straße Am Malergarten ein. Dort steht - trostlos und marode - am Ende der Sackgasse einer der ursprünglichen Steinstückener Lehmkaten.
Über Bernhard-Beyer- und Stahnsdorfer Straße geht es zurück und in den Norden des Quartiers. An der nächsten Ecke, Teltower Straße 1, steht eines der wenigen wieder hergestellten architektonischen Schmuckstücke. Carl Cramer erbaute das Haus 1921/22. Dagegen wartet der Komplex an der Teltower Straße 10 noch darauf, aus dem Dornröschenschlaf erweckt zu werden. Nur einen Steinwurf von der West-Ranch Steinstücken (Teltower Straße 30) entfernt, erinnern zwei Rotorblätter am früheren Hubschrauberlandeplatz an die "kleine Luftbrücke" der US-Alliierten.
Zurück zur Stahnsdorfer Straße. In deren Winkel zur Rote-Kreuz-Straße entstanden neue Stadtvillen. Zum Ärger vieler Anwohner, die lieber den verfallenen Erdmannshof wiedererstehen lassen wollten. Auf dem Grundstück, das einst der Künstlerfamilie Encke gehörte, arbeitete in den 1920er Jahren der Architekt Peter Behrens mit Le Corbusier, Mies van der Rohe und Walter Gropius. Wer Lust auf mehr bekommen hat, ein Buchtip: Gabriele Leech-Anspach, "Insel vor der Insel", Vacat-Verlag, 18 Euro.
Auf dem Heimweg machen wir in der Mutter Fourage, Chausseestraße 15 in Wannsee Station. Und haben im Hofcafé die Qual der Wahl zwischen Frühstück (bis 14 Uhr, 2,50-8,50 Euro), Torten, Suppen oder Aufläufen. Alle Zutaten sind aus ökologischem Anbau (Tel.: 80 58 32 83, tgl. 10 bis 18.30 Uhr, 20.12. bis 5.1. Winterpause).

