Interview

„Jetzt haben wir Typen in der Mannschaft“

Hertha-Manager Michael Preetz gab noch nie mehr aus als in diesem Sommer. Ein Gespräch über die neuen Möglichkeiten

Die Vorstellung von Stürmer-Star Salomon Kalou, der mit dem FC Chelsea 2012 die Champions League gewann, war der schillernde Schlusspunkt einer gewaltigen Transfer-Offensive von Hertha BSC. Die Morgenpost sprach mit Michael Preetz, 47, dem Geschäftsführer Sport und Medien/Kommunikation, über den Umbruch mit acht Neuen als Reaktion auf die schwache Rückrunde, über den Stellenwert einzelner Spieler, der sich rasch ändern kann, und über die Aussichten, wie sich eigene Talente in dem knallharten Konkurrenzkampf durchsetzen können.

Berliner Morgenpost:

Herr Preetz, Sie konnten in dieser Transferperiode erstmals als Hertha-Manager im zweistelligen Millionen-Bereich in neue Spieler investieren. Befreit das beim Arbeiten oder belastet das?

Michael Preetz:

Entscheidend war, dass wir uns als Verein zunächst in eine Situation bringen konnten, Summen, die wir durch die Transfers von Adrian Ramos und Pierre-Michel Lasogga eingenommen hatten, wieder in die Mannschaft zu reinvestieren. Das war der große Unterschied zu den Vorjahren. So ist es uns gelungen, dass der Kader unter dem Strich nicht nur breiter, sondern auch qualitativ besser aufgestellt ist.

Wie muss man sich die Vertragsgespräche vorstellen? Mit mehr Geld verhandelt es sich leichter. Aber die Spieler und deren Agenten wussten, dass Hertha diesmal mit größerem Budget unterwegs war.

Ja, das war so. Aber der Markt regelt sich nach Angebot und Nachfrage. Ich glaube, dass es uns gelungen ist, in jedem Fall für Hertha BSC vernünftige Konditionen auszuhandeln.

Haben Sie die Überraschung von Trainer Jos Luhukay geteilt, der gesagt hat: Wir waren selbst verwundert, dass wir Chancen bei Kalou hatten?

Das muss man zeitlich eingrenzen. Solange für Salomon Kalou mit dem OSC Lille Chancen auf die Champions League bestanden, hatte Hertha BSC keine Chance. Als aber klar war, dass diese Möglichkeit mit Lille nicht mehr gegeben war, war mein Eindruck, dass Hertha BSC für ihn eine interessante Alternative war. Es hat einmal mehr geholfen, dass wir über vier Wochen in Ruhe an dem Transfer arbeiten konnten. Je intensiver die Gespräche am Schluss wurden, desto größer wurde bei Salomon die Begeisterung für die Aufgabe in Berlin. Uns hat dazu geholfen, dass das Image der Bundesliga mittlerweile sehr gut ist. Der Weltmeister-Titel für Deutschland im Sommer hat sein Übriges getan.

Hertha hat mit Kalou und John Heitinga namhafte Spieler geholt. Ein Signal an die eigenen Fans oder mehr eines an die Konkurrenz in der Liga?

Uns ging es darum, die Abgänge adäquat zu ersetzen und den Kader qualitativ zu verbessern. Dass es in einer Medienstadt wie Berlin hilfreich ist, mit Kalou und Heitinga zwei sogenannte Typen zu haben, nehmen wir als angenehmen Nebeneffekt mit.

Hertha hat in diesem Sommer acht neue Gesichter verpflichtet – eine Antwort auf die schwache Rückserie?

Grundsätzlich ist es als Aufsteiger wichtig, sich sehr schnell weiterzuentwickeln. Die Bundesliga stellt auf allen Ebenen andere Anforderungen als die Zweite Liga. Sie ist im internationalen Vergleich die ausgeglichenste Liga. Das gilt auch für die Entwicklung von Talenten, die sich in der neuen Umgebung rasch zurechtfinden müssen. Dafür brauchen sie Vertrauen und Spielzeit. Das bekommen sie bei uns. Ein zweiter Aspekt, um die Mannschaft zu verbessern, sind Neuverpflichtungen. Wir wollen uns möglichst rasch etablieren. Und ja, die unbefriedigende Rückrunde hat dieses Ansinnen, sich weiterzuentwickeln, noch mal untermauert.

Hertha durchläuft gerade den dritten großen Umbruch in zwei Jahren. Eine der Auswirkungen besteht darin, dass sich der Stellenwert von Spielern rasch ändert. Peter Niemeyer war Kapitän der Aufstiegsmannschaft, im Jahr darauf Ergänzungsspieler. Sami Allagui war in der vergangenen Saison zweitbester Torschütze. Nun ist er nach Mainz gewechselt, weil er bei Hertha nicht ausreichend Einsatzchancen gesehen hat.

Wir reden über Profifußball. Und über eine Branche, in der viel Geld verdient wird. Ein enormer Konkurrenzkampf ist an der Tagesordnung. Die Spieler müssen Woche für Woche ihre Position durch Trainingsleistungen und auf dem Platz behaupten. Umso mehr, wenn verstärkte Konkurrenz dazukommt. Das ist ein normaler Effekt in einer Profimannschaft. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass wir das gebraucht haben. In der Rückserie war zu sehen: Wenn ich konkurrenzlos bin, gehe ich vielleicht den letzten Meter nicht mehr. Und so ausgeglichen, wie die Bundesliga ist, fährt man dann nicht die Ergebnisse ein. Wir müssen, um zu gewinnen, über 90 Minuten mit viel Einsatz und Willen zu Werke gehen. Dabei hilft eine starke Konkurrenzsituation.

Hertha hat mit Kalou und Julian Schieber Drei- bzw. Vier-Jahres-Verträge abgeschlossen. Hertha hat aber auch sechsstellige Abfindungen an Maik Franz und Peer Kluge gezahlt, weil beide noch laufende Verträge hatten. Was ist eine gute Vertragslaufzeit?

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die Entscheidungen sind den Situationen geschuldet. Nach einem Abstieg braucht man bestimmte Qualitäten. Die bekommt man manchmal nur, wenn man auch gewisse Zugeständnisse macht. Grundsätzlich ist es uns aber wichtig, auf zentralen Positionen Planungssicherheit zu haben. Wobei wir auch wissen, dass nicht immer alle Planungen aufgehen.

Der Vertrag mit Thomas Kraft läuft zum Ende der Saison aus. Will Hertha mit seinem Torwart verlängern?

Ja, aber das ist eine Sache zwischen Hertha BSC und Thomas. Wir haben miteinander gesprochen und einen Fahrplan vereinbart. Wir werden intern miteinander reden. Und vermelden, wenn es ein Ergebnis gibt.

Mit John Brooks, Nico Schulz, Marius Gersbeck und Hany Mukhtar hat Hertha die Eigengewächse im Kader, die auch in der vergangenen Saison dabei waren. In diesem Sommer ist niemand dazugestoßen. Bekommt der Hertha-Nachwuchs die Folgen der vielen Verpflichtungen zu spüren?

Die genannten Spieler aus dem Hertha-Nachwuchs sind alle auf einem guten Weg: John Brooks ist gestärkt von der WM zurückgekommen. Er hat in Leverkusen ein sehr gutes Saisondebüt hingelegt. Nico Schulz hat den Konkurrenten auf seinen Positionen getrotzt, er stand bei allen drei Pflichtspielen in der Startformation. Hany Mukhtar, der seit zwei Jahren bei den Profis trainiert, hat als U19-Europameister Erfahrung hinzugewonnen, ist aber erst seit wenigen Wochen überhaupt Seniorenspieler. Für alle gilt: Der letzte Schritt, sich im Profibereich zu etablieren, ist der schwierigste. Je höher ein Verein in der Liga klettert, desto dünner wird die Luft speziell für junge Spieler. Wir werden aber unser Augenmerk auf unsere Jungs noch weiter intensivieren und noch mehr Geduld mit ihnen haben als ohnehin schon.

Hertha hat seit Februar mit dem Finanzinvestor KKR einen Anteilseigner. Wenn Sie jetzt ein Paket wie bei Kalou schnüren, das für die kommenden drei Jahre im zweistelligen Millionen-Bereich liegt, wie sieht dann der Austausch mit KKR aus?

Wir profitieren von der Partnerschaft mit KKR in allen Bereichen. Selbstverständlich sind wir regelmäßig im Austausch, auch was so ein angesprochenes Paket angeht. Dieser Dialog gehört – aus unserer Sicht – einem guten Partner gegenüber zum guten Stil. Aber: Wir als Hertha BSC sind und bleiben komplett autark in unseren Entscheidungen.

Nicht nur Hertha hat einen externen Investor, auch die Bayern, Dortmund, der VfB Stuttgart und der HSV haben Anteile verkauft oder werden das in naher Zukunft tun. Wie verändert ein Finanzinvestor die Arbeit des Managers?

Für alle handelnden Personen im Profifußball ist Kapitalbeschaffung ein zentrales Thema. In der Bundesliga beobachten wir momentan die Entwicklung, dass die ersten sechs, sieben Mannschaften dem Rest um einiges enteilt sind. Die Klubs dahinter versuchen nun, diese Lücke zu schließen, unter anderem mit ähnlichen Instrumenten, wie wir sie verwenden. Es ist ambitioniert, als Hertha BSC da mitzuhalten. Weil es nicht bei allen Konkurrenten so ist, dass sie das Geld, das sie ausgeben, auch selbst erwirtschaften. Wir stellen uns dem Wettbewerb. Wir wissen um den Wunsch der Öffentlichkeit, weiter nach oben zu kommen. Aber im Moment geht es nun mal darum, Hertha BSC so aufzustellen, dass wir dauerhaft Bestandteil der Bundesliga bleiben.

Herr Preetz, vergangene Saison war Hertha Elfter. Kann ich Sie überreden, das Saisonziel aufzustocken auf „besser als letztes Jahr“ oder auf „ein einstelliger Platz“?

Wir halten solche Diskussionen nicht für zielführend. Wir bauen eine konkurrenzfähige Mannschaft auf. Der Kader ist so zusammengestellt, dass wir uns in den kommenden Jahren vielleicht nur punktuell verbessern müssen. Es bleibt aber bei der Überschrift: Wir wollen Hertha etablieren! Etablierung meint alles, was besser ist als Platz 15. Wir sind selbst gespannt, wie lange es dauert, bis wir ehrgeizigere Ziele in Angriff nehmen können. Aber wir sind der Meinung, dass es dafür im Jahr zwei nach dem Aufstieg noch zu früh ist.