Es fühlte sich an, als wäre schon wieder Autokorso-Zeit. Eigentlich beginnt die erst in zwei Monaten und auch nur dann, wenn der EHC Eisbären die Meisterschaft in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gewinnt. Aber das tun die Berliner ja zuverlässig fast jedes Jahr. Also lag der Gedanke nah, der Titel wäre diesmal etwas früher fix, denn Auto an Auto war unterwegs, viele geschmückt mit Schals, hinter den Scheiben stets unverkennbar gekleidete Fans. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Jeff Tomlinson. Der Trainer sprach von der imposantesten Begleitkolonne, die es je gab beim EHC.

Nicht nur durch Berlin fuhr der Tross, bis nach Wolfsburg und zurück ging es für über 2500 EHC-Anhänger. Mit erfolgreichem Zwischenstopp. „Die Fans haben einen großen Anteil an diesem Sieg“, sagt Manager Peter John Lee zum 2:1 beim Dritten, „ich bin nicht so sicher, ob wir ohne sie gewonnen hätten.“ Die Auswärtsschwäche kostete viele Punkte, in Wolfsburg aber machten die Berliner die Partie zu einem Heimspiel; in der mit 4500 Besuchern ausverkauften Halle übernahmen sie die Mehrheit. „Das war sensationell”, so Tomlinson.

Für ihn und sein Team war es ein sehr wichtiger Erfolg. Der Abstand auf Augsburg wurde auf vier Zähler ausgebaut, vier Spiele vor dem Ende der Hauptrunde sicherte der EHC den zehnten Platz ab, der für das Pre-Play-off nötig ist. Tomlinson nimmt das zufrieden zur Kenntnis. Aber: „Trotzdem hat sich nichts verändert, wir sind noch nicht durch.“ Möglich ist zwischen Platz sieben und elf noch immer vieles. Doch der Spielraum schrumpft, und verändert hat sich mehr, als die Tabelle auf den ersten Blick verrät. In Wolfsburg zeigte die Mannschaft, dass sie in schwierigen Situationen zu passabler Stabilität gefunden hat. Der Druck war groß, sowohl bedingt durch die allgemeine Lage als auch die Qualität des Gegners. „Aber wir haben nicht nur gewonnen, sondern verdient gewonnen“, so der Trainer. Das Team macht offensichtlich Fortschritte.

Das hat lange gedauert, zu spät ist es jedoch nicht. Von 18 möglichen Punkten holten die Eisbären zuletzt 16 aus sechs Partien. „Das ist gerade unsere beste Phase in dieser Saison, von den Punkten her, aber auch vom Spiel her“, sagt Tomlinson. Keine andere Mannschaft konnte in den vergangenen sechs Partien so viele Zähler sammeln wie die Berliner, sie sind das heißeste Team der DEL.

Zum einen liegt das am gewachsenen Verantwortungsbewusstsein. „Alle sind sich der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst, es ist kein Platz mehr für Arroganz“, sagt Tomlinson. Damit einher geht ein verbessertes Defensivverhalten, diese neue Sicherheit fördert den Glauben an die eigene Stärke, was dazu führt, dass sich der Trainer erstmals in der Saison auf drei gleichermaßen gefährliche Sturmreihen verlassen kann. Zudem demonstriert das Team einen enormen Willen. Drittreihenstürmer Mads Christensen etwa wurde während der Partie mit neun Stichen am Handgelenk genäht. „Das schaute ganz gruselig aus“, sagt er, „aber im Spiel spürst du keinen Schmerz.“ Zuvor hatte er einen Treffer vorbereitet, danach erzielte er das zweite EHC-Tor.

Auf Kurs sind die Berliner also inzwischen wieder. „Wir können unser Schicksal kontrollieren“, sagt Angreifer Mark Bell, „wir müssen das Beste draus machen.“ Mit dem Gefühl, in der wichtigsten Phase der Saison richtig in Fahrt zu kommen, sagt Stürmer Laurin Braun: „Wenn wir das weiter durchziehen, dann ist es schwer uns zu schlagen.“ Das hört sich fast an, als wollte er den nächsten Autokorso ankündigen.