Im „Wikingerschiff“ von Hamar, wo Claudia Pechstein vor 20 Jahren ihren ersten von fünf Olympiasiegen erkämpfte, startet die Berliner Eisschnellläuferin an diesem Wochenende bei der Mehrkampf-EM. Das Ergebnis ist hier zweitrangig, die 41-Jährige will nur richtig in Schwung kommen für die Winterspiele in Sotschi (ab 7. Februar). Nachdem sie 2009 wegen erhöhter Werte junger roter Blutkörperchen (Retikulozyten) mit einer zweijährigen Dopingsperre belegt wurde – als Erste aufgrund eines indirekten Befundes, den sie mit einer vererbten Blutanomalie erklären kann – kämpft sie nun nicht nur um die zehnte Olympiamedaille, sondern um ihren Ruf. Mit Martin Scholz sprach Pechstein über ihren Antrieb.
Berliner Morgenpost:
Frau Pechstein, wenn Sie bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele in Sotschi ins Stadion gehen, werden viele Staatschefs nicht von der Tribüne zusehen. Was sagen Sie dazu, dass Bundespräsident Gauck abgesagt hat?
Claudia Pechstein:
Das ist letztlich seine Entscheidung. Ich kann mich nicht darum kümmern, welcher Politiker oder Wirtschaftsmanager aus welchen Gründen auch immer nicht nach Sotschi kommt. Das ist für mich nicht relevant. Ich konzentriere mich auf mein Ziel. Ich nehme zum sechsten Mal teil, ich möchte dort meinen Traum erfüllen und meine zehnte Olympiamedaille gewinnen.
Die Absagen von Gauck, Barack Obama oder David Cameron werden als Kritik an Putins Umgang mit Menschenrechten und seiner Diskriminierung von Homosexuellen gewertet. Nun ist Sotschi nicht das erste Sportereignis, bei dem es aus politischen Gründen zu Debatten kommt. Stört Sie diese Vermischung von Sport und Politik?
Was heißt, ob es mich stört?! Ich kann es ja nicht beeinflussen. Ich bin in erster Linie Sportlerin. Die Spiele haben den höchsten Stellenwert und finden leider nur alle vier Jahre statt. Und... man wird natürlich älter. Ich möchte es noch einmal erleben, dort oben auf dem Podest zu stehen – egal auf welchem Platz. Das würde für mich alles bedeuten. Natürlich gehen vielen solcher Großereignisse – ob Olympia oder Fußball-WM – politische Entscheidungen voraus. Das fängt damit an, wer solche Spiele in welches Land vergibt. Aber diese Entscheidungen treffen ja nie wir Sportler.
Sportler können teilnehmen und trotzdem Menschenrechtsverletzungen ansprechen. So wie Philipp Lahm, der vor der EM 2012 den Umgang des Regimes in der Ukraine mit der Politikerin Julia Timoschenko kritisierte. Finden Sie das unangemessen?
Es ist zuletzt immer mehr in Mode gekommen, sportliche Großereignisse für politische Statements zu nutzen. Das liegt aber selten daran, dass die Sportler das Bedürfnis haben, sich zu äußern, sondern daran, dass die Medien entsprechende Fragen stellen. Die meisten Sportler wollen sich darauf konzentrieren, worauf es ankommt. Und das heißt, ihre Leistungen bringen und ihre Ziele erreichen. Dazu zähle ich auch.
Um noch mal bei den Sportler-Protesten zu bleiben: Thomas Hitzlsperger hat jetzt als erster prominenter deutscher Fußballer erklärt, dass er homosexuell ist. Den Zeitpunkt seines Coming-outs hat er bewusst vor die Spiele in Sotschi gelegt – wie beurteilen Sie diesen Schritt?
Ich finde den Schritt gut und mutig. Er wird sicherlich nicht der einzige homosexuelle Fußballer sein. Wenn er den Zeitpunkt bewusst gewählt hat, um damit Regimekritik zu verbinden, ist dies sein gutes Recht. Ich möchte mich im Vorfeld des wichtigsten Wettkampfs des Jahres aber nicht an politischen Debatten beteiligen, sondern auf den Sport konzentrieren. Ich habe mit dem sogenannten „Fall Pechstein“ ja ein eigenes Politikum um die Ohren. Und wenn es das nicht gäbe, wäre ich in Sotschi gar nicht mehr dabei.
Der „Fall Pechstein“ geht auf eine Entscheidung des Weltverbandes ISU zurück, der Sie 2009 aufgrund von Indizien des Blutdopings bezichtigte und für zwei Jahre sperrte. Sie haben die Vorwürfe stets bestritten. Mittlerweile wurde bei Ihnen vom Münchner Professor Stefan Eber eine Blutanomalie diagnostiziert, die Ihre schwankenden Retikulozytenwerte erklären kann. Sie selbst haben die ISU auf Schadenersatz verklagt.
Das ist ja wohl auch nachvollziehbar. Die ISU hat mir alles genommen. Meine Ehre und auch mein Geld. Sponsoren sind abgesprungen, das jahrelange Prozessieren hat meine Rücklagen verschlungen. Den Kampf gegen den Weltverband konnte ich mir nur leisten, weil ich davor gute Sponsorenverträge hatte. Hätte es einen anderen deutschen Eisschnellläufer als mich getroffen, wäre er längst weg vom Fenster, weil er sich die Verteidigung gar nicht hätte leisten können.
Wären Sie ohne den „Fall Pechstein“ überhaupt noch aktiv?
Sicher nicht. Normalerweise hätte ich meine Karriere 2010 in Vancouver beendet. Ich freue mich sehr, dass ich mich nicht habe kleinkriegen lassen von der ISU. Dass ich meine Wut über deren Fehlurteil in gute Leistungen auf dem Eis umgesetzt habe. Das ist mir nicht immer leicht gefallen. Aber ich habe es geschafft. Meine sportlichen Erfolge in den letzten Monaten haben mich nicht nur glücklich gemacht, sondern mir auch Genugtuung verschafft.
So wie Sie jetzt von Wut und Genugtuung sprechen, scheint es Ihnen in Sotschi um mehr zu gehen, als Ihrer Medaillensammlung eine weitere hinzuzufügen, oder?
Jede Medaille, die ich erringen kann, würde für mich Platin bedeuten – egal, welche Farbe sie hätte. Aber eine Medaille ist keine Rehabilitation. Mein Kampf um die Wiederherstellung meines Rufes wird erst zu Ende sein, wenn die ISU ihr Fehlurteil eingesteht – in welcher Form auch immer. Das kann länger dauern, als ich sportlich aktiv bin. Momentan ziehe ich viel Kraft daraus, dass mir viel Respekt für mein Comeback entgegengebracht wird. Dass ich in meinem Alter konstant diese Leistung bringe. Ich bin seit 1992 in der Weltspitze. Das gibt es in meiner Branche ziemlich selten. Ich spüre täglich, dass ich die Anerkennung der Bevölkerung längst gewonnen habe.
Das dokumentieren Sie auf Ihrer Website, in einem 287 Seiten langen PDF-Dokument listen Sie die Stimmen Ihrer Unterstützer auf. Ist das öffentliche Selbstvergewisserung?
Es sind Stimmen, die mich im Gegensatz zu vielen Medien nicht denunziert haben, und es sind ziemlich viele, ja. Das war mental sehr wichtig für mich. Ich habe mit dreieinhalb Jahren mit dem Sport angefangen. Sport ist mein Leben. Und jedes Mal, wenn ich es jetzt noch aufs Podium schaffe, werden die ISU-Bosse eher schlecht gelaunt sein.
Sie selbst stellen sich als Opfer dar. Es gibt wohlmeinende Medien, die das mitfühlend begleiten, und andere, für die Sie nur noch eine Nervensäge sind, die man am liebsten ignorieren würde. Wie gehen Sie mit diesen Extremen um?
Ich stelle mich nicht als Opfer dar. Ich bin das Opfer. Das ist ein großer Unterschied. Und jene Journalisten, die das mittlerweile klar und deutlich formulieren, sind für mich nicht „mitfühlend“, sondern Berichterstatter, die den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl das Fehlurteil gegen mich immer noch im Raum steht. Die anderen können mich mal gernhaben. Grundsätzlich ist es aber eher so, dass ich die Schlagzeilen und Texte über mich kaum noch lese.
Ist das so?
Ja, vieles hat mir einfach zu wehgetan. Die Medien können einen Menschen zerstören. Vor allem die Schlagzeilen aus den Jahren 2009 und 2010 haben dafür gesorgt, dass es auch heute noch bei so manchen heißt: Das ist doch die, die damals gedopt hat. Ich arbeite energisch daran, diesen Stempel, den mir die ISU auf die Stirn gedrückt hat, wieder loszuwerden und dass sie mir den dadurch entstandenen Schaden ersetzen muss.
Ihre frühere Rivalin Anni Friesinger hat mit 33 Jahren ihre Karriere beendet. Sie sind 41 und wollen vom Aufhören nichts wissen. Wollen Sie die Altersgrenze im Sport nach hinten verschieben?
Im Eisschnelllauf hat es eben noch nie jemand so lange probiert wie ich. Ich glaube, die Fußballer ab Mitte 30 würden wahrscheinlich alle gern weiterspielen. Doch sie werden von den Jüngeren verdrängt. Das ist im Eisschnelllauf ganz anders. Wir sind im Nachwuchs nicht so breit aufgestellt. Das ist auch ein Grund, warum ich noch da bin. Ich habe oft gesagt: Die Jungen sollen einfach schneller laufen als ich, schon bin ich weg vom Fenster. Es ist sicherlich schwer, ein so hohes Niveau zu halten, wie wir es im deutschen Eisschnelllauf jahrelang hatten. Die „Alten“ wie Gunda Niemann, Anni Friesinger und Daniela Anschütz-Thoms haben alle aufgehört, da ist ein großes Loch entstanden. Letztendlich kann der deutsche Eislaufverband froh sein, dass ich immer noch laufe.
Ohne Sie geht wenig?
Zumindest wäre die letzte WM sonst ohne deutsche Medaille ausgegangen. Ich denke, unsere Nachwuchssorgen spiegeln ein generelles Problem wider, das viele Sportarten betrifft. All die neuen Unterhaltungsangebote wie Computer, Playstation, Tablets oder Xbox haben ein anderes Freizeitverhalten mit sich gebracht. Man muss sich nicht mehr quälen und kommt an den Konsolen auch so zu Rekorden. Viele junge Leute interessieren sich nicht mehr für den Sport, weil sie lieber Playstation spielen. Die können meinetwegen alle nebenbei auf Twitter oder Facebook unterwegs sein. Das Problem ist, es nimmt überhand. Ich würde mich da gern mehr einbringen, als Trainerin meine Erfahrung weitergeben.
Das wäre ein zukünftiger Berufswunsch?
Es ist in jedem Fall eine Option.
Wie wird es für Sie nach Sotschi weitergehen?
Das lasse ich mal offen. Weil ich mir im Moment nicht vorstellen kann, dass meine Karriere nach Olympia beendet sein soll. Ich würde gern noch weitermachen – immer unter der Voraussetzung, dass ich gesund bin.
Sie werden Ende Februar 42.
Ich weiß. Viele sagen: Die ist ja verrückt. Ja, ich bin verrückt. Ich laufe seit vielen Jahren linksrum im Kreis, das ist eben nicht normal. Aber jede Sportart hat ihre Eigenheiten.
Im richtigen Leben sind Sie Polizistin. Haben Sie die Zeit, diesen Beruf auszuüben?
Ich bin gern Teil der Polizeifamilie, habe eine ganz normale Ausbildung. Ich habe mit meinem Arbeitgeber Dienst- und Trainingsplan abgestimmt. Das passt sehr gut zusammen im Moment. Ich habe immer wieder Einsätze – beispielsweise am 1. Mai letzten Jahres in Berlin. Da war ich 22 Stunden mit Uniform und Helm im Einsatz.
Der 1. Mai neigt in Berlin zu Ausnahmezuständen. Ist das nicht gewöhnungsbedürftig, statt im Wettkampf plötzlich während einer Demonstration zum Einsatz zu kommen?
Sicher, da geht man immer vom Schlimmsten aus. Aber die ganze Mannschaft hat vor so einem Einsatz Briefings. Ich habe mich nicht mitten ins Getümmel stürzen müssen. Und Sie können mir glauben, Einsätze bei Fußballspielen sind teilweise schlimmer als die am 1. Mai in Berlin.
Wie ist das, wenn Sie bei Demonstrationen im Einsatz sind, werden Sie da erkannt?
Nein. Das ist das Gute am Helm.

