Eishockey

Eisbären entdecken sich neu

Die Berliner spielen sich beim 6:1 gegen Nürnberg in einen Rausch und begeistern mit meisterlichem Eishockey endlich wieder ihre Fans

Als das Publikum drinnen noch einmal zur Ehrenrunde bat, als sich die ersten Zuschauer die Tore schon wieder in Erinnerung riefen und glückselig dabei lächelten, schäkerte Manager Peter John Lee vor der Kabine mit den Kindern von Kapitän André Rankel. Der stand in Anzug und Mantel bereits daneben, aus Vorsicht hatte er seine Schicht ein wenig früher beendet, ein Ellenbogen hatte den Stürmer des EHC Eisbären im letzten Drittel gegen die Nürnberg Ice Tigers am Kopf getroffen. Duschen, Umziehen, Abfahrt hieß danach der Plan. Alles bis zum Ende zu verfolgen, war nicht nötig. Sein Team hatte alles im Griff an diesem Sonntagnachmittag, das Endergebnis von 6:1 (3:0, 3:1, 0:0) stand bereits nach zwei Dritteln fest. „Das war sehr, sehr gut heute“, sagte er noch und verschwand.

Nürnbergs Trainer überrascht

Wesentlich mehr mit den Eindrücken des Spiels war Tray Tuomie beschäftigt, der Trainer der Nürnberg Ice Tigers. Seine Mannschaft hatte in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) bislang überzeugen können, deftige Pleiten, das gab es noch nicht in dieser Saison. Wirklich prädestiniert war auch das Spiel in Berlin nicht dafür, zu wechselhaft agierten dazu die Eisbären bisher, und zu wenig Durchschlagskraft generierte ihr Angriff. Unter dem Eindruck des Sieges (4:2) vom Freitag gegen den Dritten aus Mannheim jedoch ergab sich eine Situation, die Tuomie nicht erwartet hatte. „Berlin war wirklich stark, das war für uns nicht zu bewältigen“, gestand er ein. Und zwar nach der höchsten Niederlage des Tabellenzweiten in dieser Saison.

Sechs Punkte an einem Wochenende also, was erst zum dritten Mal in dieser Saison gelang, erobert gegen die Mannschaften auf den Plätzen zwei und drei der Tabelle. Trainer Jeff Tomlinson sah es pragmatisch. „Wenn man die Ergebnisse zugrunde legt, kann man sagen: Die Länderspielpause hat uns gut getan“, erzählte er. Viele der Fans betrachteten das ähnlich. „Der EHC ist wieder da!“, sangen sie gegen Nürnberg. Die Berliner, so die allgemeine Schlussfolgerung, haben ihr sogenanntes Eisbären-Eishockey neu entdeckt.

Tomlinson wünscht sich das natürlich ebenfalls, doch nach all den wechselvollen Wochen übte er sich in Zurückhaltung. „Das waren jetzt nur zwei Spiele, das darf man nicht überbewerten“, sagte er und führte Verletzungsprobleme der Nürnberger an, statt sich am deutlichsten Saisonerfolg ein bisschen zu berauschen. Das Publikum hatte damit naturgemäß weniger Probleme.

Endlich wieder die Welle

Die mitreißenden Elemente im Berliner Spiel traten zuletzt nur selten hervor. Schon gegen Mannheim änderte sich das. Weil die Mannschaft gegen Nürnberg den gleichen Elan in die Partie brachte und mit dem durch den Sieg über die Adler deutlich aufgewerteten Selbstvertrauen ihr Auftreten noch einmal mächtig tunte, fühlte sich das Publikum so gut unterhalten wie lange nicht. Tosender Applaus begleitete die Eisbären nach dem ersten Drittel in die Kabine. Weil Rankel sein Team in Überzahl in Führung gebracht (5.), weil Barry Tallackson einen Unterzahlkonter nur 32 Sekunden später zum 2:0 genutzt (6.) und weil Laurin Braun per Abfälscher auf 3:0 erhöhte hatte (14.).

Die Stimmung auf den Rängen der mit 12.700 Zuschauern besuchten O2 World stieg sogar weiter an, da die Berliner ihren Druck beibehielten. Sie liefen und liefen, ließen die Franken nie durchatmen und durch taktisch gutes Teamverhalten kaum im eigenen Drittel vor das Tor kommen. „Wir haben noch mal eine Schippe draufgelegt, das ist ein gutes Zeichen. Nürnberg konnte kaum aus der brisanten Zone heraus schießen“, sagte Verteidiger Frank Hördler. Die Bayern erhielten keine Chance zu zeigen, warum sie in dieser Saison bisher neben Köln das dominierende Team waren. Stattdessen spielten die Berliner die Abwehr der Franken mit hohem Tempo und messerscharfen Pässen mehrfach komplett durcheinander. „Ah’s“ und „Oh’s“ hallten im Sekundentakt durch die Arena, alle staunten ob der Rückverwandlung in eine Mannschaft, die an viele Berliner Meisterteams erinnerte.

Ein Vorzug dieser Meistermannschaften war stets die Ausgeglichenheit. Selbst die, bislang vermisst, stellte sich nun ein. Nach dem Treffer von Steven Reinprecht zum 1:3 (26.) erhöhten Mads Christensen (28.), der Ex-Nürnberger Casey Borer (29.) und Shawn Lalonde erneut in Unterzahl (35.) auf 6:1. Damit hatten drei Sturmreihen und zwei Verteidiger getroffen. „Wir müssen das jetzt für den Rest der Saison am Laufen halten“, formulierte Stürmer Julian Talbot das große Ziel für die nächsten Monate. Über die Ränge war da gerade die Welle geschwappt, nach langer Zeit endlich wieder einmal.