Extremsport

Hawaii: Ironman Raelert sorgt für einen Krimi im Paradies

Furiose Triathlon-Aufholjagd endet auf Rang zwei

- Er hatte sich schwimmend durch die Wellen des Pazifiks gewühlt, war der enteilten Konkurrenz auf seinem Rennrad hinterher gejagt, lag fast aussichtslos zurück und rauschte beim Marathon doch noch im leichten Laufschritt an fast allen Gegnern vorbei. Mehr als acht Stunden hatte sich Triathlet Andreas Raelert bei Wind und Hitze in Kailua-Kona bereits geschunden. Silber beim Ironman auf Hawaii war eigentlich schon sicher. Und dann das: Auf einmal tauchte Frederik van Lierde neben ihm auf, frech und unbekümmert, einen Kilometer vor dem Ziel. Der Belgier schickte sich an, Raelert Platz zwei zu entreißen. Der Deutsche schien geschlagen. Er lief wieder heran - und vorbei. Krimi im Paradies.

Mit einem Grinsen im Gesicht bewältigte Andreas Raelert die letzten Meter bis zur rettenden Ziellinie. Dann sackte er in sich zusammen. "Ich zwar fix und fertig, aber auch wahnsinnig emotional", sagte der 36-Jährige später. Er scheiterte erneut an seinem Ziel, denn der Sieg beim legendären Ironman auf Hawaii bleibt weiterhin nur ein Traum. Und doch hat Raelert gewonnen. "Ich bin überglücklich und stolz auf mich. Ich habe nicht Platz eins verloren, sondern Platz zwei erkämpft", sagte der Rostocker. Vor allem hat er im Kampf mit sich selbst gesiegt und diesen gigantischen Willenstest - denn nichts anderes ist der Ironman - wieder einmal mit Bravour bestanden.

Schneller als Raelert brachte nur der Australier Pete Jacobs die Tortur im Paradies hinter sich. Nach 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,195 km in Laufschuhen trudelte er in 8:18:37 Stunden glückstrunken ins Ziel. Die Emotionen hatten ihn schon Minuten vorher so überrollt, dass er die Strapazen nicht mehr spürte und die letzten drei Kilometer jubelnd an den applaudierenden Zuschauern vorbeilief und jeden zweiten von ihnen abklatschte. Raelert lag nach 8:23:40 Stunden ausgepumpt im Ziel. Zwar reichte es wieder nicht zum fünften Hawaii-Sieg eines Deutschen in der Geschichte des Rennens, doch das Gesamtergebnis ist beeindruckend: Sebastian Kienle überraschte bei seinem Debüt als Vierter, der frühere Hawaii-Sieger Faris Al-Sultan wurde Fünfter, Timo Bracht Sechster. Bei den Frauen kam Sonja Tajsich beim Sieg der US-Amerikanerin Leanda Cave auf Rang vier.

Soweit zu den nüchternen Zahlen. Doch Hawaii ist jedes Jahr an diesem einen Sonnabend im Oktober viel mehr als ein einfaches Rechenspiel. Es ist Schauplatz unzähliger Dramen - bei den Profis genauso wie bei den 1900 Altersklassenstartern. Raelert spielte jetzt schon zum vierten Mal eine der Hauptrollen in dem Drama in drei Akten. Der Mann aus Rostock ist die Konstanz in Person. Wer ihn abschreibt, unterschätzt entweder seine unglaublichen Lauffähigkeiten oder seine mentale Stärke. "Ich bewundere Andy in vieler Hinsicht", sagt sein vier Jahre jüngerer Bruder Michael, der dieses Mal sein Hawaii-Debüt gab, "aber ganz besonders hinsichtlich seiner Geduld, Ruhe und positiven Ausstrahlung. Ich habe selten einen Menschen kennengelernt, der trotz Stresssituationen einen kühlen Kopf bewahren kann." Damit das Mentale aber überhaupt zur Geltung kommen kann, trainieren die Triathlon-Brüder hart: 35 km im Wasser, 700 km auf dem Rad, 150 km zu Fuß - pro Woche. Freie Tage gibt es nicht. Dreimal war der ältere Raelert bereits auf Hawaii gestartet, dreimal kam er aufs Treppchen: Dritter, Zweiter, Dritter. 2011 war er mit einer blutenden Wunde aus dem Wasser gestiegen, hatte sich später nach vorn gearbeitet, um dann beim Laufen von Krämpfen und Magenproblemen gequält durchzuhalten. Er war stets dicht dran, aber mindestens ein anderer Sportler hatte das bessere "Risikomanagement", so Raelert