Sarah Weiland

Texanerin im Eisbad

Die Temperaturen steigen wieder, das Thermometer weist Plusgrade aus, und das hat sie regelrecht herbeigesehnt. Manchmal ging Sarah Weiland durch den Kopf, dass es jetzt zu Hause schöner wäre als in Berlin bei zweistelligen Minusgraden. Sie ist kein Wintermensch, na ja, wenn das Zuhause in Texas liegt, wundert das auch nicht.

Ein Blick in ihre Vita führt dann allerdings unweigerlich zu der Frage: Was verschlägt eine junge Frau aus Texas über die Wintermonate nach Europa, zuerst nach Finnland, denn da ist es nicht nur viel kälter, sondern auch noch dauernd dunkel? "Mein Traumland ist das definitiv nicht", sagt die 25-Jährige, "aber mein Agent behauptete, dass es ein sicheres Land ist und für den Anfang gut für mich." Da hatte er recht, ihre erste Saison als professionelle Volleyballspielerin bereitete sie gut auf die nächste Aufgabe vor, und die erlebt Sarah Weiland nun in Berlin beim Köpenicker SC in der Bundesliga.

Zufall ist es nicht, dass sie jetzt hier spielt, in Deutschland. Sie hat viele Verbindungen hierher. "Das wusste mein Agent", sagt sie. Was lag also näher, als es hier zu probieren? Sarah Weiland spricht lieber englisch, aber sie müsste es gar nicht. Ihr Deutsch klingt nahezu perfekt. Doch sie fühlt sich im Englischen wohler, noch zumindest. Früher sprach sie mal ausschließlich deutsch, als sie mit ihrer Familie in Schleswig-Holstein lebte.

Es ist eine interessante Geschichte, dieser Weg von dort nach Berlin. Die verdankt sie ihren Eltern. "Mein Vater war Pilot bei der Bundeswehr und meine Mutter Krankenschwester bei der US Air Force", erzählt die Außenangreiferin. Der Deutsche und die aus Mexiko stammende Amerikanerin lernten sich auf einem Stützpunkt in Arizona kennen und zogen nach Deutschland. Ein Zwischenaufenthalt in Großbritannien bescherte Weiland einen englischen Geburtsort. Mit sechs Jahren ging es in die USA.

Die Heimat war allerdings auch in der Ferne sehr gegenwärtig. In der Nähe von Austin ließ sich die Familie in einem Ort nieder, der von Deutschen gegründet worden ist. "Dort gibt es jedes Jahr einen Deutschen Tag", sagt Sarah Weiland. Landestypische Speisen und Getränke sowie Rummel inklusive.

Richtig fremd ist ihr hier also kaum etwas, zumal sie über die Jahre immer wieder in Deutschland war, zu Besuch bei den Großeltern im Saarland. Jetzt bekommt alles aber eine andere Dimension. "Ich war sehr aufgeregt, das alles hier zu erleben in der Großstadt", erzählt Weiland. Gerade im Kontrast zu Finnland. Dort lebte sie vergangenes Jahr in einem Dorf. "Ich schätze, das Durchschnittsalter lag weit über 50 Jahre", sagt sie. Viel los war also nicht. "Es gab schon Zeiten, da hatte ich Heimweh." Dieser Mangel an Möglichkeiten treibt dann selbst Texaner zu total verrückten Dingen. Einmal war Sarah Weiland sogar Eisbaden.

Ansonsten saß sie oft am Computer. Da lässt sich gut Zeit rumbringen, außerdem hat sie einen Hang zu sozialen Netzwerken. Weiland twittert gern und viel, sie hat einen Blog. "Ich bin eine sehr offene Person ohne großes Schamgefühl. Wenn mir peinliche Dinge passieren oder lustige, mache ich mir keinen Kopf", sagt sie. Ihr macht das einfach Spaß, und die Freunde daheim sind auch gleich bestens informiert, ohne dass sie jeden einzelnen anrufen muss. Hat ja auch was Praktisches. Gestern gab es übrigens viel zu viel Wasabi, hat ganz schön gebrannt.

In Köpenick fühlt sich die Deutsch-Amerikanerin ziemlich wohl. Die Mannschaft hält gut zusammen - und für sie sogar etwas von zu Hause bereit. Mitspielerin Kourtney Edwards kommt ebenfalls aus Texas. Kennengelernt haben sich die zwei erstaunlicherweise aber in Finnland, wo sie in einem Team spielten.

In der deutschen Liga ist das Niveau nun höher, die Konkurrenz größer. Aber der Köpenicker SC hat gerade einen Lauf, das 3:0 am Mittwoch beim Lokalrivalen VC Olympia war der fünfte Sieg in Serie. In Potsdam kann am Sonntag der Sprung auf einen Play-off-Platz gelingen. Nicht gegen den Abstieg zu spielen, das ist schon ein Erfolg für Köpenick, der Einzug ins Viertelfinale wäre großartig. "Ich glaube an das Potenzial unserer Mannschaft", sagt Sarah Weiland, die irgendwann als Trainerin arbeiten möchte. Erst einmal will sie aber spielen. Gern noch länger in Deutschland. "Wenn ich es mir aussuchen könnte, aber auch mal in Spanien." Wegen der Temperaturen.