Nach dem enttäuschenden Ausscheiden bereits im Play-off-Viertelfinale war klar, daß beim fünffachen deutschen Football-Meister Berlin Adler einiges anders werden würde. Mit Trainer Pat Donohoe und Quarterback Eric Kresser waren auf zwei Schlüsselpositionen Umbesetzungen geplant. Wenn die Berliner heute (18 Uhr, Jahn-Sportpark) gegen die Dresden Monarchs in die neue Saison der German Football League (GFL) starten, sind die Veränderungen etwas umfassender ausgefallen als zunächst vorgesehen. Das hat aber keine sportlichen, sondern wirtschaftliche Gründe. "Der Verein hat auf zu großem Fuß gelebt und war Ende des vergangenen Jahres angeschlagen", berichtet Präsident Daniel Wieland. Die Folge: Der Verwaltungsrat des Klubs wählte den bisherigen Vorsitzenden Günter Schnittger ab und ersetzte ihn durch Wieland, der zuvor fünf Jahre lang als Team-Manager der Adler-Flag-Teams fungierte.

Er rief eine Saison des Umbruchs aus: "Die Verbindlichkeiten müssen abgetragen werden, das hat oberste Priorität. Wir wollen Ende 2006 wieder schuldenfrei sein." Dafür wurde der Etat um über 25 Prozent gesenkt - und aus der Not eine Tugend gemacht. Die Adler besannen sich auf ihre Wurzeln, ihre traditionell gute Jugendarbeit und setzen in der neuen Saison vor allem auf den eigenen Nachwuchs. Im aktuellen Kader stammen 90 Prozent der Spieler aus Berlin und Brandenburg. Mit dieser Zusammenstellung verbindet Wieland eine große Hoffnung: "Wir wollen langfristig wieder mehr Zuschauer ins Stadion locken. Und so schaffen wir hoffentlich eine höhere Identifikation als bei einem zusammengekauften Ensemble wie zum Beispiel in Braunschweig." Dort arbeitet der ehemalige Adler-Headcoach Kent Anderson, der um die gute Ausbildung der Berliner weiß und in diesem Winter neun Spieler nach Niedersachsen lockte. Trotzdem hat Wieland ehrgeizige Ziele: "Wir wollen die Adler dahin führen, wo sie hingehören - an die nationale Spitze. Spätestens 2008 wollen wir wieder ein Aushängeschild sein."

Neuer Headcoach ist der erst 28jährige Dogan Özdincer, zuletzt Defensive Coordinator. Er betreute das Team bereits in den Jahren 2000 und 2001 in der 2. Bundesliga und erhielt zunächst einen Ein-Jahres-Vertrag. Özdincer muß vor allem die Abgänge von Topscorer Estrus Crayton (Kiel Baltic Hurricanes) sowie der NFL-Europe-erfahrenen Jörg Heckenbach und Oliver Flemming (beide Braunschweig Lions) kompensieren. Die einzigen hochkarätigen Zugänge sind Quarterback Darius Outlaw und Running Back Curtis Cooper, die vom GFL-Konkurrenten Hamburg Blue Devils kamen. Özdincer spricht deshalb von einer "harten Saison. Wir müssen viele talentierte Spieler an GFL-Niveau heranführen. Aber die Jungs sind zäh und ehrgeizig, deshalb bin ich optimistisch". Doch um das Saisonziel Play-off-Runde zu erreichen, für das Platz vier in der Nord-Gruppe nötig ist, "haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns". Er spricht von einer großen Herausforderung ("da haben viele andere abgewunken") und benutzt ein schönes Bild: Beim 14:9-Sieg im Efaf-Cup gegen die Prag Lions vor einer Woche seien seine Spieler noch Säuglinge gewesen. Durch die gesammelten Erfahrungen seien sie nun kleine Kinder - "mal gucken, ob es zu spät ist, wenn sie Erwachsene sind".

Ob an diesem Prozeß auch Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer als Kicker beteiligt sein wird, entscheidet sich am 1. Mai. Dann befindet der Verband über dessen Antrag auf Spielgenehmigung. Präsident Wieland ist optimistisch: "Ich gehe davon aus, daß er einen Paß erhält und eine Woche später spielen kann."