Der nette Ali landet im falschen Film

Und plötzlich hängt er drin. Mittendrin im großen Wettskandal. Polizei, Verhöre, Verdächtigungen, Observierungen, Durchsuchungen, Beschuldigungen - der ganze Kram, den er bisher nur aus dem Fernsehen kannte.

Foto: juk/nid

Und plötzlich hängt er drin. Mittendrin im großen Wettskandal. Polizei, Verhöre, Verdächtigungen, Observierungen, Durchsuchungen, Beschuldigungen - der ganze Kram, den er bisher nur aus dem Fernsehen kannte. "Dabei will ich doch nur Fußball spielen", sagt Dominick Kumbela (21). Schlagzeilen wollte er durch Tore machen. Jetzt schreibt sogar der "Spiegel" über ihn. Und der "Spiegel" schreibt nicht über Tore. Mag sein, er ist ein Tor. Mag sein, er war naiv. Aber das hat er nicht gewollt und nicht verdient.

Sie kamen beim Training. Sieben Mann, Kriminalbeamte, und sie waren bewaffnet. Seit Februar ist Dominick Kumbela, geboren in Kinshasa/Kongo, bei Rot-Weiß Erfurt unter Vertrag. Beim 1. FC Kaiserslautern, wo er zuvor vier Jahre kickte, haben sie ihn weggeschickt, wegen einer Drogen-Geschichte, er stand schon beim FK Pirmasens im Wort, aber dann wollte er doch lieber weg aus der Pfalz und ging in den Osten.

"Sind Sie Dominick Kumbela?" Die Stimme klang streng, und als er die Frage bejahte, nahmen sie ihn mit. Die Kriminalbeamten hatten zuerst den Trainer informiert, sich dann übers Spielfeld verteilt, es gab kein Entkommen. Es war aber auch keines geplant. Wenigstens wurde er noch über den Tatbestand informiert: "Sie werden der Spielmanipulation verdächtigt", sprach der Kripobeamte, und dann war es wie im Film. "Sie haben mich mitgenommen wie einen Schwerverbrecher", sagt Kumbela.

Zuerst ging es in die Kabine. Sein Spind wurde durchsucht, "als würde ich Waffen mit zum Training nehmen". Dann setzen sie ihn ins Polizeiauto, fuhren zu seiner Wohnung. "Zwei Männer hatten vor der Tür die Hand an der Waffe. Rechnen die mit Taliban?" Schrank, Schreibtisch, Unterlagen, alles wurde auf den Kopf gestellt, ein Fotoalbum der Familie mitgenommen, Notizen, das Handy - und Kumbela. Auf der Wache: Fingerabdrücke, Fotos, Profil rechts, Profil links, Verhör. "Kennen Sie diesen Mann?" Er kannte. Ali hat er sich genannt. Schon im vorigen Herbst in Kaiserslautern hatte er sich an ihn rangemacht. Gab sich als Fan aus. Machte gar keinen schlechten Eindruck. Blieb auch eine treue Seele, als Kumbela Schwierigkeiten mit dem Verein bekam. Hätte er bloß damals schon gewußt, was das für einer ist . . .

Kumbela, Torjäger der Regional-Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern, war am 9. November mit Kollege Jose Sebastian da Veiga in einer Diskothek mit einer geringen Menge Haschisch erwischt worden. "Eine Dummheit unter Alkoholeinfluß", sagt er heute.

Die Dummheit wurde größer, als die Polizei die Wohnungen der beiden Spieler untersuchte und große Mengen Cannabis fand. Der Verein löste den Vertrag, der Kontrollausschuß des Deutschen Fußball-Bundes ermittelte, ließ den Fall aber bald ruhen. Es war nicht zu beweisen, daß Kumbela auch während eines Spieles unter Haschisch-Einfluß stand.

Kaiserslautern also kündigte ihm, Freunde wandten sich ab, aber dieser Ali, der Sayed heißt, stand weiter als Freund zur Verfügung. "Vermutlich ein Tunesier." Kumbela, der schon vor 16 Jahren mit seinen Eltern aus dem Kongo nach Deutschland geflohen war, unterschrieb in Erfurt, Ali besuchte ihn am 3. März im dicken Mercedes, fuhr mit ihm zusammen zurück nach Kaiserslautern, beim Besuch eines Cafés wurden die beiden observiert. Heute sagt Kumbela: "Der hat wohl auf den richtigen Moment gewartet." Ali fragte nach dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf. Wer wohl gewinne, verliere, wie die Stimmung sei, ganz normal. "Ich habe ihm gesagt daß wir im Abstiegskampf jeden Punkt brauchen und ihn hoffentlich auch holen würden." Es wurde nicht über Geld gesprochen. Nicht über Spielbeeinflussungen. Er hatte keinen Verdacht. Ali war einfach nur nett. Und Kumbela hatte sonst keinen in der fremden Stadt. Er ist erst 21.

All das hat er der Polizei erzählt. Auch, was er von der Sache hält: "Wer den Mörder kennt, ist doch nicht der Mörder." Das hat er so aus dem Fernsehen. Aus dem "Tatort". Jetzt war er mittendrin. Spielte eine Hauptrolle wider Willen. Vieles hat sich seither verändert in seinem Leben. Erst konnte er nicht schlafen. Dann wollte er mit dem Fußball komplett aufhören. "Ich habe doch nichts gemacht. Ich war doch nur Mittel zum Zweck." Gut, daß er nicht in Versuchung geführt wurde. Wer weiß es, womöglich hätte er ihr nachgegeben. Kumbela ist so jung und so allein, und erst mal wußte er nicht, wem überhaupt er noch vertrauen kann in der neuen, fremden Stadt. Doch dann stand Erfurts Manager Stephan Beutel auf und gab ihm Rückendeckung. "Dominick hat zu keinem Zeitpunkt manipuliert." Zum Spiel gegen Düsseldorf haben sie Kumbela aus dem Aufgebot gestrichen, vorsichtshalber, offiziell wegen einer Verletzung. Gegen Oberhausen durfte er am Dienstag ab der 64. Minute ran, das erste Heimspiel, das 0:0 ist zuwenig.

Dominick Kumbela würde jetzt gern wieder über Fußball reden. Er will von der Polizei seine Sachen zurück. Der Skandal muß dringend raus aus dem Kopf. Er ist da plötzlich so reingeraten, kann doch nichts dafür. Solche Menschen, solche Szenarien sind doch nicht sein Leben, die kennt er allenfalls aus dem Fernsehen.

Da fühlt er sich jetzt auch, irgendwie. Nur im falschen Film.