Der Berliner Andreas Ehrig war einst ein erfolgreicher Eisschnelläufer, gewann WM-Silber im Mehrkampf und war 1984 Olympia-Vierter über 5000 m. Inzwischen ist der 46jährige als wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAT Leipzig (Institut für angewandte Trainingswissenschaften) tätig. Ehrig unterstützt das deutsche Eisschnellauf-Team in Turin - und drückt heute Claudia Pechstein, die schon lang von seiner Arbeit profitiert, die Daumen.
Berliner Morgenpost: Herr Ehrig, einen Trainingswissenschaftler vermutet man beim Training und nicht beim Saison-Höhepunkt. Was können Sie in Turin noch tun?
Andreas Ehrig: Das ist mehr eine psychologische Sache. Seinerzeit in Albertville war Olaf Zinke über 500 m nur 25. und unzufrieden. Aber wir haben festgestellt, daß er in bestimmten Teilabschnitten Spitzengeschwindigkeiten erzielen konnte. Auch bestimmte Formen der Schrittgestaltung waren sehr effektiv. Dadurch konnten wir ihm sagen, wie er sich auf die 1000 m vorbereiten soll und ihm Mut machen. Schließlich wurde er Olympiasieger in einem der engsten Rennen, die es je gab.
Wie sieht die Betreuung der Sportler genau aus?
Wir begleiten sie videotechnisch und werten die Lauftechnik aus. Gerade vor einem großen Wettkampf schaut man sich mit vielen Sportlern gemeinsam die Videoaufnahmen an und gibt letzte Tips bzw. bestätigt den eingeschlagenen Weg. Denn je näher ein Höhepunkt rückt, desto weniger geht es darum, große Dinge zu ändern, sondern ein Feintuning vorzunehmen und Reserven zu erschließen.
Wie sieht denn so ein Feintuning aus?
Es wird zum Beispiel die optimale Laufhaltung bewertet. Das Abdruckverhalten, das etwa 60 bis 70 Prozent einer guten Technik ausmacht, wird analysiert. Dazu geht es um den optimalen Rhythmuswechsel zwischen Geraden und Kurven und noch einiges mehr.
Und was tun Sie, wenn keine Großereignisse anstehen?
Wir führen eine komplexe Leistungsdiagnostik durch. Es bedarf vieler Bausteine, um einen Sportler schnell zu machen. Da sind die Trainingsplanung, die Konzeption hinsichtlich der Leistungsüberprüfung und die Wettkampfanalysen, wo Schrittgestaltung, -länge und -frequenz gemessen werden. Diese drei Säulen ergeben ein rundes Bild, anhand dessen wir trainingssteuernd Einfluß nehmen können.
Nur auf die Technik zu schauen, reicht also nicht aus.
Die Technik ist abhängig von der spezifischen Kraft, die ein Sportler aufbringen kann. Beides muß man im Zusammenhang betrachten. Wir haben mit der FES Berlin ein Gerät entwickelt, mit dem wir Kräfte, Kraftverläufe, Beschleunigungen, den Körperwinkel, den Klappwinkel der Schlittschuhe usw. messen können. Damit lassen sich die Technik-Parameter sehr gut optimieren.
Die Trainingsgruppen sind im Eisschnellauf oft international. Geben Sie ihre Tips ausschließlich an die nationale Elite weiter?
Im Normalfall schon.
Um der Konkurrenz keine Vorteile zu verschaffen.
So ist es. Außerdem haben die verschiedenen Länder auch unterschiedliche Technik-Ideale und unterscheiden sich durch bestimmte Spezifika in ihrem Laufstil. Man kann an der Silhouette eines Eisschnelläufers meistens erkennen, ob es ein Norweger, Holländer, Kanadier, Deutscher oder Italiener ist.
Wie sehr fiebern Sie eigentlich mit den Sportlern mit?
Schon ordentlich. Aber man muß versuchen, sich im Zaum zu halten. Ich habe ja nicht nur einen Sportler zu betreuen.

