Berliner Morgenpost: Frau Neuner, Sie wuchsen wohl behütet in Oberbayern auf, haben eine intakte Familie, viele Freunde, und jetzt sind Sie auch noch eine allseits verehrte Olympiasiegerin. Gibt es irgendetwas, was Ihnen an sich selbst nicht gefällt?

Magdalena Neuner: Ich bin zurzeit sehr, sehr im Reinen mit mir, auch wenn ich das, was ich erreicht habe, noch nicht ganz fassen kann.

Berliner Morgenpost: Doch auch in Ihrer Bilderbuchkarriere gab es einen leichten Knacks: Vor einem halben Jahr, gaben Sie zu, dachten Sie sogar ans Aufhören. Sie hatten Angst, ans Telefon zu gehen, und wären nach eigener Aussage beinahe zerbrochen. War der Leistungs- und Erwartungsdruck so groß vor den Olympischen Spielen?

Magdalena Neuner: Es war eher der Termindruck. Ich habe mir einfach zu viel aufgehalst. Dabei habe ich schon darauf geachtet, weniger zu machen, auf möglichst viele Kundenveranstaltungen, Messebesuche, Galas und Fotoshootings zu verzichten. Ich habe gemerkt, dass ich mit der ganzen Situation nicht mehr klarkomme. Ich war damals auch viel krank, da bestand für mich ein Zusammenhang. Ich wollte einfach nur mal ein freies Wochenende haben, das hatte ich zum Teil wochenlang nicht mehr in den vergangenen Jahren. Zum Glück stand meine Familie hinter mir. Auf die kann ich mich 100-prozentig verlassen. Schon als es mir vor zwei Jahren zu viel geworden war mit den ganzen Rummel, haben mich meine Eltern angeschaut und gesagt: "So, und jetzt ist Schluss!"

Berliner Morgenpost: Wie bauen Sie Stress am besten ab?

Magdalena Neuner: Zu Hause beim Harfespielen. Wenn ich gestresst bin und der Kopf voll ist, dann setze ich mich ans Instrument und spiele. Das beruhigt. In Vancouver fehlt mir das schon manchmal.

Berliner Morgenpost: In der ersten Woche der Olympischen Spiele stiegen Sie gleich zum Liebling auf. Ihre natürliche Ausstrahlung wird allseits gepriesen. Manche attestieren Ihnen gar Modelqualitäten. Wie gehen Sie mit solchen Komplimenten um?

Magdalena Neuner: Ich fühle mich geschmeichelt. Ich freue mich, bin mir aber sicher, dass ich mich dadurch nicht verändern werde.

Berliner Morgenpost: Sie präsentierten sich nach Ihren Rennen in Whistler wie aus dem Ei gepellt. Sind Sie eitel?

Magdalena Neuner: Wenn ich eine steile Wand hochrenne, ist mir egal, wie ich aussehe. Aber bestimmt ist das kein schöner Anblick, wenn mir der Speichel überall herunterhängt. Wenn ich abends ausgehe, schminke ich mich schon gern und ziehe mir was Schönes an.

Berliner Morgenpost: Die Identität Ihres Freundes hüten Sie wie einen Schatz. Warum ist das für Sie so wichtig?

Magdalena Neuner: Ein großer Nachteil meiner Popularität ist der Verlust meiner Privatsphäre. Anders als ich hat mein Freund den Gang in die Öffentlichkeit nicht gewählt, das sollte jeder respektieren.

Berliner Morgenpost: Sie müssen Fanpost beantworten, in der Sie als "Biathlondarling" und "Winterkönigin" verehrt werden. Was macht Sie für die Leute so faszinierend?

Magdalena Neuner: Vielleicht suchen sie ein Vorbild, eine Königin (lacht).

Berliner Morgenpost: Sind Sie gern Vorbild?

Magdalena Neuner: Dazu tauge ich nicht. Ich fühle mich in der Rolle nicht so wohl. Ich sehe mich auch nicht als Superstar, der will ich nicht sein.

Berliner Morgenpost: Haben Sie schon mal über einen Wohnortwechsel nachgedacht? Sie könnten vielleicht anonymer leben.

Magdalena Neuner: Nein, in Wallgau sind meine Wurzeln, und die will ich nicht verlieren. Die Leute in meinem Dorf sind total nett. Da fühle ich mich sehr gut aufgehoben und geborgen. Ich will dort weiter mein Zuhause haben und noch ein paar Jahre mit dem Biathlon weitermachen. Sport ist aber nur ein Beruf, es gibt auch noch andere Dinge im Leben.

Berliner Morgenpost: Und die wären?

Magdalena Neuner: Mal eine Familie haben will ich. Und einen Beruf, der mir richtig Spaß macht. Am besten im direkten Kontakt mit Menschen, mit Kindern, vielleicht mit Behinderten. Um das zu erreichen bietet mir das jetzige Umfeld eine wirklich ideale Umgebung.

Berliner Morgenpost: Sie haben von Ihrer Freundin ein paar Ohrringe zu Weihnachten geschenkt bekommen, sie sollen Ihr Glücksbringer sein. Sind Sie abergläubisch?

Magdalena Neuner: Nein, ich glaube aber an Gott, ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen.

Berliner Morgenpost: Hilft Ihnen der Glaube im Sport?

Magdalena Neuner: Auf jeden Fall, ich halte manchmal inne und denke, da oben ist jemand, der auf einen aufpasst. Der Glaube gibt mir viel, auch wenn ich es zum Beispiel immer seltener in die Kirche schaffe. Sonntag ist mein einziger freier Tag, und dann ringe ich mit mir: Bleibst du liegen, oder gehst du hin? Und meine Oma, die sehr gläubig ist, hat immer zu mir gesagt: ,Es kommt sowieso immer, wie es kommen muss, weil es vorgegeben ist vom Herrn.'

Berliner Morgenpost: Und Sie teilen diese Ansicht?

Magdalena Neuner: Schon a bisserl. Diese Einstellung hilft mir hoffentlich noch lange.