Handball

Skandal oder Luftnummer?

Der Mann, der den größten Skandal im deutschen Handball auslösen könnte, gilt in der Branche als verlässlich. 18 Jahre lang führte Dieter Matheis die Geschicke beim Software-Unternehmen SAP mit, zuletzt als Finanzchef des Konzerns.

- 2002 beendete er auf eigenen Wunsch den Job und heuerte nebenher als Beiratsvorsitzender bei den Rhein-Neckar Löwen an, die damals noch unter SG Kronau-Östringen firmierten. Sieben Jahre später steht Matheis im Zentrum eines Vorfalls, der die Sportart in Deutschland in die größte Krise ihrer Geschichte zu stürzen droht.

Anstoß kam von den Rhein Neckar Löwen

In einem Brief an den Manager des Rekordmeisters THW Kiel, Uwe Schwenker, hat Matheis am Wochenende um Aufklärung in einem brisanten Fall gebeten: Jahrelang soll der Ligaprimus aus dem Norden versucht haben, Spiele zu manipulieren. Da er solche Vorgänge schlichtweg für "unfassbar" halte, wandte sich Matheis direkt an den vermeintlichen Übeltäter. "Für mich gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung, deshalb habe ich Uwe Schwenker um Aufklärung gebeten", sagte Matheis. "An mich sind von verschiedenen Seiten Gerüchte herangetragen worden, dass da was gewesen sein soll." Deshalb habe er in seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied der Handball-Bundesliga (HBL) gehandelt. Sein Klub, die Rhein-Neckar Löwen, hätten mit dem Vorfall nichts zu tun.

Vorrangig zumindest. Denn Hauptgegenstand der vermeintlichen Bestechungsvorwürfe soll das Champions-League-Finale 2007 zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt sein. Nach dem 28:28 im Hinspiel soll vor dem Rückspiel in Kiel das polnische Schiedsrichtergespann Miroslav Baum und Marek Goralczyk bestochen worden sein. Die Kieler gewannen 29:27, es gab aber nur eine umstrittene Entscheidung: die Rote Karte gegen Flensburgs Spielgestalter Joachim Boldsen nach einem Foul an Christian Zeitz.

Gesundheitsprobleme nur vorgeschoben

Trainer beim THW Kiel war damals Zvonimir "Noka" Serdarusic, der im Sommer 2008 nach einem Streit mit Manager Schwenker beurlaubt wurde. Für die kommende Saison hatte der Bosnier mit deutschem Pass bei den Rhein-Neckar Löwen anheuern sollen, doch vergangene Woche sagte er dem Klub ab. Die gerade eingesetzte Knieprothese bereite ihm Schmerzen, auch der Rücken lasse nach einem Bandscheibenvorfall noch keine erneute Belastung als Trainer in der Bundesliga zu, ließ Serdarusic wissen.

Nach Informationen der Morgenpost sind die gesundheitlichen Probleme jedoch nur vorgeschoben, denn den Rhein-Neckar Löwen sollen Zweifel an der Seriosität Serdarusics gekommen sein. Ein Trainer, der im Kontext möglicher Manipulation steht, könnte das Klima beim von SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp alimentierten Klub nachhaltig vergiften, heißt es. Deshalb habe der Verein den im Dezember von Serdarusic gezeichneten Dreijahresvertrag aufgelöst.

Bestätigen mag das zwar kein Vereinsvertreter öffentlich. Doch dass die Bestechungsvorwürfe vier Tage nach Serdarusics vermeintlicher Absage ausgerechnet aus dem Lager der Rhein-Neckar Löwen ans Tageslicht gerieten, passt ins Bild. Entgegen anders lautender Meldungen hat der Ex-Trainer aber nicht Selbstanzeige erstattet. Auch die postulierte Anzeige eines möglichen Geldboten bei der Staatsanwaltschaft Berlin erwies sich gestern als gegenstandlos.

Dafür untersuchte die HBL den Fall. Gestern Abend trafen sich Vertreter der Liga um Präsident Reiner Witte, Geschäftsführer Frank Bohmann und Aufsichtsrat Matheis mit Schwenker im Hotel "Gastwerk" in Hamburg. "Uwe Schwenker hat erklärt, dass der THW keine Spiele manipuliert hat. Die von Dieter Matheis erbetene Erklärung hat Schwenker abgegeben. Damit sind die aufgeworfenen Fragen geklärt", sagte HBL-Präsident Reiner Witte nach der Sondersitzung: "Belastbare Tatsachen liegen nicht vor."

Karabatic als Druckmittel

Eine Pikanterie am Rande ergibt sich aus einer Männerfreundschaft. Serdarusic wollte bei seinem Engagement bei den Löwen auch auf Welthandballer Nikola Karabatic, seinen Ziehsohn, zurückgreifen, weshalb sich der Mannheimer Verein eifrig um den Kieler Leistungsträger bemühte. Doch THW-Manager Schwenker soll für den französischen Weltmeister und Olympiasieger eine Ablöse jenseits der zwei Millionen Euro aufgerufen haben. In den Verhandlungen sollen die Löwen daraufhin zarten Druck ausgeübt haben mit dem Hinweis auf Wissen über angebliche Spielmanipulation im hohen Norden.

Als Hinweisgeber könnte Ex-Trainer Serdarusic gedient haben, dessen Unseriosität ihn nun den Job gekostet haben soll. Natürlich seien ihm Zweifel an der Person Serdarusic gekommen, als er die Gerüchte um Spielmanipulation in Kiel gehört habe, sagte Matheis gestern. "Ich stehe für einen wahren und klaren Sport mit fairen Regeln und unter fairen Bedingungen. Das ist für mich oberste Gebot."

Daher habe er zunächst auch "erst zwei Nächste darüber geschlafen" und dann das Schreiben an Kiels Manager Schwenker aufgesetzt. "Ich kann für den THW und mich selbst erklären, dass an den Manipulationsvorwürfen nichts dran ist. In der Sitzung hat es auch keine Anhaltspunkte dafür gegeben. Damit ist die Sache für mich geklärt", sagte Schwenker.